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"Oberschlesien entzieht sich allen einfachen Schemata" – Debatte über die Volksabstimmung in Oberschlesien

Von links / od lewej: Dawid Smolorz, prof. Ryszard Kaczmarek, Monika Mikołajczyk, Bernard Gaida, dr Rudolf Urban. Foto: Patryk Lisek. Von links / od lewej: Dawid Smolorz, prof. Ryszard Kaczmarek, Monika Mikołajczyk, Bernard Gaida, dr Rudolf Urban. Foto: Patryk Lisek.

Am 21. März 2021 im Sitz des VdG in Oppeln fand unter Beteiligung von Experten eine Debatte über die Volksabstimmung in Oberschlesien statt. Zu den angesprochenen Themen gehörten u.a.: die Gründe, warum Schlesiens Bewohner ihre Stimmen abgegeben haben, die Mittel, mit Hilfe deren Polen und Deutschland sie beeinflussen wollten sowie die Aspekte, die in diesem Teil der Geschichte übersehen werden. Es sind nur einige der Themen, die während der Debatte diskutiert wurden. Einige zitierte Aussagen der Referenten sind eine Einführung in dieses umfassende Thema:


Prof. Ryszard Kaczmarek: Angesichts aller möglichen Vereinfachungen ist es notwendig, bestimmte Punkte aufzuzeigen, die kritisch wären, aber die Situation 1921 skizzieren würden. Der erste Höhepunkt in Oberschlesien 1921 war natürlich die Volksabstimmung (...) 40 % haben für Deutschland gestimmt, 60 % für Polen. Es ging nicht um nationale Identität, sondern um eine Frage: "Wo willst du nach der Volksabstimmung leben? Wie soll die Grenze gesetzt werden?" (...)
Der zweite Höhepunkt war April 2021. (...) Es mag seltsam erscheinen, aber als die Entscheidung, dass in Oberschlesien eine Volksabstimmung stattfinden sollte, getroffen wurde, fragte sich niemand wirklich, wie die Interpretation dieser Ergebnisse aussehen würde. (...) Im April wurde (...) darüber diskutiert, wie das Finale dieser Volksabstimmung und die Zukunft Oberschlesiens aussehen sollen. (...)


Bernard Gaida: Die Volksabstimmung und die Ereignisse von 1921 zeigen, womit wir in Schlesien gewohnt sind zu leben, was im politischen oder historischen Bewusstsein Polens nicht vollständig verwirklicht wird. Schlesien ist mehrdeutig und dieses Plebiszit zeigt sehr gut, dass die verwendete Sprache nicht gleichbedeutend mit Nationalität ist. (...) Bereits 1919 wurde in Dobrodzień, damals Guttentag, spontan ein Verein namens Freie Vereinigung zum Schutze Oberschlesiens gegründet. Beim ersten Treffen (...) versammelten sich 700 Menschen – eine unglaubliche Zahl für diese kleine Stadt. Sie verabschiedeten ihre Statuten (...), forderten Lösungen, die es ermöglichen sollten, dass ihre Muttersprache durch alle benutzt werden kann, und verlangten, dass alles getan wird, damit Oberschlesien nicht in Polen aufgenommen wird. (...) Sekretär dieses Vereins war der Kaufmann Plachetka, der später Schachmeister des Bundes der Polen in Deutschland wurde (...). Und das ist die Mehrdeutigkeit, die in Oberschlesien auftritt. (...) Die Menschen wurden nach ihrer Zugehörigkeit zur Heimat und nicht nach ihrer Nationalität befragt. Daher waren ihre Antworten sehr unterschiedlich; und sogar jemand, der sich später in den Bund der Polen in Deutschland einschrieb, war in einem Verein, in dem er Schlesien innerhalb der Grenzen Deutschlands verteidigen wollte.

Dawid Smolorz: Es ist schade, dass die Autoren verschiedener Studien, die später in Umlauf kommen, keinen einfachen Vergleich der sprachlichen Situation in Oberschlesien und der Ergebnisse des Plebiszits machen. Dies ist eine spannende Lektüre, denn Oberschlesien entzieht sich allen einfachen Schemata. (...) Natürlich ist es so, dass der Kern des Plebiszit-Gebiets, der östliche Teil in ländlichen Gebieten, für Polen stimmt, aber im weiteren Westen wird die Situation immer komplizierter. (...) Dies sind Bereiche, in denen Interpretationen, die später angewendet werden, nicht mehr zur Geltung kommen.

Monika Mikołajczyk: In der Tat hatte ein Teil von Schlesiern nationale Identität; es gab Erklärungen wie „Ich bin Pole“, „ich bin Deutscher“, oder auch: „Ich bin Untertan des Königs von Preußen“. (...) Darüber hinaus waren es aber auch wirtschaftliche, pragmatische Faktoren. Die schlesische Bevölkerung war eher pragmatisch. Die Frage war: Wie wird die schlesische Heimat in zehn, fünfzehn Jahren aussehen? Der polnische Staat (das war auch Teil der deutschen Propaganda) galt als saisonaler Staat (...). Auch das ökonomische Kalkül und die Art und Weise, wie diese Gebiete entstehen, zählten oft (...) Der deutsche Staat wurde im Gegensatz zum polnischen Staat als stabiles politisches Schaffen dargestellt; obwohl es nebenan auch Identitätsgründe gab.

Weitere Aussagen, Antworten auf weitere Fragen und andere Aspekte rund um das Thema der Ereignisse von vor 100 Jahren finden Sie im Video unten. Wir empfehlen, die volle Debatte anzuschauen:

Das Thema der Volksabstimmung ist neben der Deutung an historische Fakten auch eine Frage der Erinnerungskultur; vor allem im Hinblick auf die Gegenseiten der schlesischen Aufstände - eines Konflikts, der als Folge dieses Ereignisses ausbrach und auf beiden Seiten zu Opfern führte. Das Thema des Gedenkens und der Notwendigkeit des Dialogs wurde am Ende der Diskussion vom Vorsitzenden des VdG, Bernard Gaida, angesprochen:

Aus der Sicht der polnischen Mehrheit ist die Teilung Oberschlesiens ein Sieg und hier ist der größte Unterschied, der uns nicht in der Lage macht, sich zu verständigen. (...) Und jedes Gedenken macht wirklich Sinn erst dann, wenn es etwas in der Gegenwart verändert oder in die Zukunft blickt. (...) In einem Augenblick wird der Jahrestag des dritten schlesischen Aufstandes in Erinnerung gerufen, und es ist an der Zeit, die beiden Seiten zu ehren, die sich damals gegenüberstanden. Denn das gleiche war das moralische Recht derjenigen, die Oberschlesien innerhalb der Grenzen Deutschlands und derjenigen, die Oberschlesien innerhalb der Grenzen Polens wollten. (...) Wir haben diesen Dualismus auf St. Annaberg. An der Stelle, wo das Denkmal-Mausoleum, das den deutschen Verteidigern Oberschlesiens gewidmet war, haben wir heute an der gleichen Stelle ein Denkmal, das die andere Seite ehrt. Es ist Zeit, hier einen Diskurs anzuregen, der beide Seiten des Konflikts gleichermaßen ehrt und das Problem der Teilung der oberschlesischen Heimat richtig betrachtet.

Die Debatte erfreute sich einem großen Interesse der Zuschauer und wurde live viel diskutiert. Denn "Die Diskussion beinhaltete sowohl allgemein bekannte sowie spezifischere Themen, die objektiv und neutral, stets mit einem europäischen Blick erörtert wurden. Wir freuen uns auf künftige Debatten des VdG." (Christoph Martin Labaj, Landmannschaft der Oberschlesier). Wir freuen uns über das lebhafte Interesse!

An der Debatte nahmen teil:
Prof. Ryszard Kaczmarek, Leiter der Abteilung für Archive und Geschichte des Schlesischen Instituts für Geschichte der Universität Schlesien; Autor und Mitautor von Publikationen über Oberschlesien: Geschichte Oberschlesiens; Schlesische Aufstände 1919, 1920, 1921 - unbekannte polnisch-deutsche Kriegszeit
Dawid Smolorz - oberschlesischer Regionalist und Publizist, Autor von Projekten zur Geschichte Oberschlesiens, Mitautor des m.in. Projekts "Vergessenes Erbe" und einer Karte des Plebiszits in Oberschlesien mit Ergebnissen in jeder Ortschaft
Monika Mikołajczyk - Studentin der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, Autorin der preisgekrönten Bachelor-Arbeit, die der Flucht aus dem Bezirk Namslau gewidmet ist, Mitgliederin des Bundes der deutschen Minderheit und stellvertretende Vorsitzende des Prüfungsausschusses
Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG und der Arbeitsgruppe der deutschen Minderheit bei FUEN, Unternehmer und Liebhaber lokaler Geschichte, Ideengeber der Debatte
Moderation: Dr Rudolf Urban, Chefredakteur von Wochenblatt.pl 

Die Veranstaltung wurde aus den Mitteln des Deutschen Konsulats in Oppeln finanziert.

Letzte Änderung am Mittwoch, 24 März 2021 21:35