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"Ich kann diese Entschließung nicht unterstützen" - eine andere Stimme einer Stadträtin aus Gleiwitz

Rathaus in Gleiwitz / Ratusz w Gliwicach. Foto: Pixabay Rathaus in Gleiwitz / Ratusz w Gliwicach. Foto: Pixabay

Während der April-Sitzung verabschiedete der Stadtrat von Gleiwitz mehrheitlich den Entwurf eines Beschlusses zur Ehrung des Ausbruchs des 3. Schlesischen Aufstandes. Unter den an der Abstimmung vertretenen Stadträten nahm Agnieszka Filipkowska vom Parteiclub KO-Nowoczesna eine separate Position ein. Darin ruft sie zum Gedenken nicht nur an "diejenigen, die für das Polentum Schlesiens gekämpft haben, sondern auch an diejenigen, die sich für eine ganz andere Option in der Volksabstimmung entschieden haben." Weiter schreibt sie: "[Die Kultur Oberschlesiens] wurde in mir von meinen Großeltern geprägt, die trotz der Angst vor dem Neuen, vor dem Polentum, nicht nach Deutschland geflohen sind. Sie entkamen nicht, weil sie Schlesier waren, die Glewitz liebten. Und angesichts der Ergebnisse der Volksabstimmung 1921, der historischen Integrität, der gerade stattfindenden Volkszählung, und der Geschichte meiner eigenen Familie, die in den 1920er Jahren des 19. Jahrhunderts in Gleiwitz lebte, kann ich diese Entschließung daher nicht unterstützen. Nichtsdestotrotz werde ich immer für den Unterricht der historischen Fakten stehen, einschließlich der über die Kämpfe in Gleiwitz, die während des dritten schlesischen Aufstandes vom 3. Mai bis 5. Juli 1921 in Gleiwitz ausgetragen wurden."

Die Stellungnahme der Stadträtin fällt mit der 2019 verabschiedeten Resolution der VdG-Versammlung in Polen zusammen, die aufgerufen hat, das Gedenken an die Opfer beider Seiten zu ehren, und die Errichtung eines Mahnmals forderte, "das im Geiste der Versöhnung und der Überwindung der Ursachen dieser Konflikte gewahrt wird". Diese ausgewogene Stellung voller Verständnisses beider Seiten gegenüber ist Ausdruck dessen, wie vielfältig und vielstimmig die Region ist und wie sehr sie ein gemeinsames historisches Gedächtnis braucht. Um die Worte des Papstes Johannes Paul II., ausgesprochen auf dem St. Annaberg zu zitieren: "Dieses Land braucht immer noch eine vielfältige Aussöhnung".

Voller Inhalt der Aussage der Stadträtin präsentieren wir hier: 

"Als Doktorin der Geisteswissenschaften bin ich der Idee der Popularisierung des historischen Wissens sehr nahe, insbesondere dem, was die lokale Geschichte betrifft. Ich habe meine Dissertation über die schlesische Sprache und ihre Auswirkungen auf das Erlernen der deutschen Sprache, insbesondere innerhalb der Lexika, geschrieben. Es ist jedoch unmöglich, von einer Sprache ohne einen historischen und soziologischen Kontext zu sprechen, der sehr stark auf einem Identitätsgefühl beruht. Schlesien ist ein sehr vielfältiges Gebiet und war noch nie monokulturell oder einsprachig.

In einem der Kapitel meiner Arbeit schrieb ich über den Streit um die Geschichte Schlesiens aus polnischer und deutscher Perspektive. Was den Streit um das Deutschtum oder das Polentum Schlesiens angeht, möchte ich ein Beispiel für eine zweifache Wahrnehmung bestimmter historischer Tatsachen anführen. Eine Wahrnehmung, die von der Nationalität des Autors abhängt. Auf dem polnischen Verlagsmarkt gehören drei Publikationen zur schlesischen Geschichte zu den wertvollsten und anerkanntesten. Die erste und zugleich die älteste von ihnen ist die "Geschichte Schlesiens" von der Urzeit bis 1945 von Kazimierz Popiołek (aus seiner Feder kam auch "Schlesische Geschichte"). Eine weitere Veröffentlichung ist das Buch "Schlesien und Schlesier", das zu Beginn dieses Jahrhunderts unter der Leitung von Joachim Bahlcke veröffentlicht wurde und ein Jahr später die schlesische Geschichte von vier Autoren, die diese "Trinität" schließt. Beim Vergleich dieser Positionen gibt es jedoch einen deutlichen Unterschied in der Wahrnehmung der Geschichte aus der Perspektive von Deutschen und Polen. Polnische Autoren zeichnen sich durch eine klare Neigung zu Polen aus, während Joachim Bahlcke (sein "Schlesien und die Schlesier" wurde auf Deutsch geschrieben und ins Polnische übersetzt) versucht, die Geschichte Schlesiens so darzustellen, dass der Leser von den deutschen Wurzeln der Region überzeugt wird.

Warum spreche ich jetzt hier darüber? Denn als gebürtige Schlesierin, deren Großvater 1902 in Gleiwitz geboren wurde, kann ich dem Eindruck nicht widerstehen, dass wir hier in Oberschlesien wieder und vielleicht sollte ich auch sagen, immer noch versuchen, nur einen Teil der Geschichte dieser Region zu zeigen. Wir dürfen weder diejenigen vergessen, die für das Polentum Schlesiens gekämpft, noch diejenigen, die sich in der Volksabstimmung für eine ganz andere Option entschieden haben.

In Gleiwitz entschieden sich in der Volksabstimmung am 20. März 1921 mehr als 79 % der Schlesier – der Einwohner dieser Stadt – für Deutschland, was dazu führte, dass sie vor den Aufständischen mehr Angst hatten, als dass sie ihre Verbündeten waren. Wenn ich das sage, bin ich mir bewusst, dass ich wieder als die deutsche versteckte Option bezeichnet werden kann.

Nichtsdestotrotz möchte ich alle Verteidiger des Polentums Schlesiens - nach Ansicht von Szczepan Twardoch - daran erinnern, dass Oberschlesien nie einheitlich war und es auch nicht jetzt ist. Und dass Schlesien heute "im öffentlichen Raum nur durch seine eigene Individualität und Unterscheidbarkeit existiert, von T-Shirts mit lustigen Bannern und dummen Liedern bis hin zu Reportagen, Romanen und Theaterstücken, erfolgreich oder nicht, schlecht oder gut. Die erzeugen aber langsam den Körper der schlesischen Kultur". Dieser Kultur, die in mir von meinen Großeltern geprägt wurde, die trotz der Angst vor dem Neuen, vor dem Polentum, nicht nach Deutschland geflohen sind. Sie entkamen nicht, weil sie Schlesier waren, die Glewitz liebten. Und angesichts der Ergebnisse der Volksabstimmung 1921, der historischen Integrität, der gerade stattfindenden Volkszählung und der Geschichte meiner eigenen Familie, die in den 1920er Jahren des 19. Jahrhunderts in Gleiwitz lebte, kann ich diese Entschließung daher nicht unterstützen. Nichtsdestotrotz werde ich immer für den Unterricht der historischen Fakten stehen, einschließlich der über die Kämpfe in Gleiwitz, die während des dritten schlesischen Aufstandes vom 3. Mai bis 5. Juli 1921 in Gleiwitz ausgetragen wurden.

Darüber hinaus stellt der vorgelegte Entschließungsentwurf für mich ein grundlegendes Problem dar, nämlich das Fehlen spezifischer Leitlinien, die bezeichnen sollten, worauf die Ehrung des Ausbruchs des Aufstandes bestehen sollte.

Letzte Änderung am Freitag, 23 April 2021 14:10