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Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG, über das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, die Volkszählung und die Rechte nationaler Minderheiten

Am vergangenen Freitag sprach Bernard Gaida, Vorsitzender des VdG in Polen, bei Radio Opole über das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen, die Volkszählung und die Rechte nationaler Minderheiten. Auszüge des Gesprächs finden Sie unten.

Der Verband der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen und die Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln werden das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen einrichten und leiten. Was werden seine Ziele und Aufgaben sein?

Es wird vor allem eine Dauerausstellung sein, die den Weg zeigt, den die deutsche Gemeinschaft in Polen im Laufe der Jahrhunderte zurückgelegt hat. Sie wird sich nicht nur auf die Geschichte beschränken, sondern auch die Gegenwart präsentieren, u. a. vor dem Hintergrund des Minderheitenrechts in Europa. Das Zentrum wird von großer Informations- und Bildungsbedeutung sein. Die Ausstellung soll alle Aspekte und alle Perioden, die hinter uns liegen, berücksichtigen. Das Zentrum wird in Oppeln errichtet und hier wird es funktionieren, aber es wird die gesamte deutsche Minderheit in Polen zeigen, also sowohl in Schlesien als auch in Ermland, Masuren, Pommern und Niederschlesien.

In Polen findet alle zehn Jahre eine Volkszählung statt. Welche Bedeutung hat sie für die deutsche Minderheit?

Aus den beiden vorangegangenen Volkszählungen geht hervor, dass sich rund 150 000 Menschen der deutschen Minderheit angeschlossen haben. Wir schätzen die Zahl auf fast doppelt so hoch. Leider ist dies bei nationalen Minderheiten so der Fall − bei uns wie überall − dass ihre Größe in der Regel unterschätzt wird. Das Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten bindet einige Elemente der Rechte, die sich aus diesem Gesetz ergeben, an die Ergebnisse der Volkszählung. Eine unmittelbare Wirkung ist das Recht, zweisprachige Ortsschilder zu verwenden oder die Hilfssprache in einem Verwaltungsverfahren zu verwenden. Indirekt wirkt sich dieses Ergebnis auf eine Reihe von Elementen der staatlichen Minderheitspolitik aus. Das ist die Unterstützung kultureller Aktivitäten von Minderheiten. Es gibt auch indirekte Auswirkungen auf Bildung sowie Minderheitensprachen in der Bildung. Für die nationalen Minderheiten selbst ist das Ergebnis der Volkszählung ein Element der Autoidentifizierung. Für uns ist es wichtig zu wissen, wie viele Menschen es wagen, ihre nicht-polnische Nationalität zu erklären. (...) Wir haben den Hauptstatistischen Amt, den Organisator der Volkszählung, wiederholt aufgefordert, die Anonymität dieser Volkszählung sehr stark zu betonen, d. h., dass die von den Befragten angegebenen Daten anonymisiert und nur für statistische Daten und keine andere verwendet werden. Das ist aus der Sicht der Minderheiten sehr wichtig.

Ist die Situation der deutschen Minderheit in Polen anders als beispielsweise in Tschechien, Rumänien und Ungarn?

Die Lage der deutschen Minderheit in Mittel- und Osteuropa ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Ich nenne einen aus unserer Sicht wichtigsten Unterschied. (...) In Rumänien gibt es ein Bildungssystem für die deutsche Minderheit vom Kindergarten bis zur Hochschule mit Deutsch als Vorlesungssprache. In Polen gibt es keine einzige Schule mit deutscher Unterrichtssprache; hier geht es um Schulen im staatlichen Bildungssystem, aber auch um Vereinsschulen, die nur als zweisprachige Schulen funktionieren. In Rumänien ist es Unterricht zu 100 % mit Deutsch als Unterrichtssprache. Auch in Ungarn wird die staatliche Unterstützung für die Entwicklung des Deutschunterrichts sehr stark ausgebaut. Wir müssen uns aber nicht nur mit anderen deutschen Minderheiten vergleichen, denn wenn man sich die polnische Minderheit in Litauen anschaut, dann verfügt auch sie über ein polnisches Lehrsystem. Und das ist bei uns seit 30 Jahren Demokratie in Polen leider nicht gelungen.

Mit Bernard Gaida sprach Jan Poniatyszyn.

Den vollständigen Inhalt des Gesprächs finden Sie auf der Internetseite von Radio Opole HIER (Gespräch in polnischer Sprache).

  • Publiziert in Medien

#InPolendaheim – Jugend setzt sich für kulturelle Vielfalt

Die Jugend der deutschen Minderheit initiierte im Internet die Kampagne #wPolsceusiebie #InPolendaheim mit dem Ziel, die Menschen dazu zu ermutigen, sich Fotos vor dem Hintergrund zweisprachiger Ortsschilder zu machen. Dies ist eine Reaktion auf die Aussage eines Politikers der Partie Solidarna Polska, der meinte, dass zweisprachige Schilder an Bahnhöfen illegal installiert wurden.

Am Samstagmorgen, dem 6. Februar 2021, erschien im Internet ein Beitrag im offiziellen Profil von Janusz Kowalski, stellvertretenden Ministers im Ministerium für Staatsvermögen und Mitglieds des Sejms der 9. Amtszeit, in dem er die Rechtmäßigkeit der Entscheidung zur Installation der zweisprachigen Schilder in zwei Städten in der Woiwodschaft Oppeln untergräbt.

Im Beitrag lesen wir unter anderem: "STOP zu illegalen deutschen Namen von Bahnhöfen in Polen. (…) Hier ist Polen! (...) Seit der illegalen Installation der deutschen Namen von Bahnhöfen in Chrząstowice (Chronstau) und Dębska Kuźnia (Dembiohammer) sind 6 Jahre vergangen. (…) Die Installation dieser Art von Kennzeichnung steht im Widerspruch zum in Polen geltenden Recht.“

Die Aussage des Politikers löste viele extreme Reaktionen aus. In den Kommentaren unter dem Beitrag lesen wir zum Beispiel: "In Polen darf es nur Namen auf Polnisch geben, hier gibt es POLEN UND NUR POLEN" oder "Wenn jeder anfängt, auf seine Weise zu regieren, führt dies zu einer vollständigen Desinformation und zum langsamen Verlust der nationalen Identität“ (Hervorhebung der Autoren). Diese Aussagen stehen im Einklang mit der Absicht des Abgeordneten, der wahrscheinlich Gemüter erhitzen und die Menschen gegen einen imaginären Feind stellen wollte.

Zur Ergänzung erinnern wir daran, dass – gemäß dem Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten von 2005 – in Gemeinden, in denen mindestens 20% der Einwohner Vertreter von Minderheiten sind, die Einrichtung von Ortsschildern in polnischer und zugleich in Minderheitensprache vollkommen gerechtfertigt ist. In seiner Argumentation verweist der Abgeordnete auf das Fehlen im Gesetz einer entsprechenden Bestimmung über Bahnhofsschilder und behauptet, dass diese nicht mit Ortsnamen gleichzusetzen seien. Er vergisst aber dabei, dass die polnische Bahn PKP gemäß den "Richtlinien für die Kennzeichnung der Fahrgastinfrastruktur" die Verwendung von Fremdsprachen und regionalen Sprachen zur Kennzeichnung (...) in den Gebieten erlaubt, in denen gesetzlich anerkannte nationale und ethnische Minderheiten oder Personen leben".

Mehr über die Legitimität der Erklärung des Abgeordneten und über die Reaktion von Vertretern der deutschen Minderheit haben wir im Wochenblatt geschrieben (den vollständigen Text des Artikels lesen Sie hier).

Der Beitrag des Politikers verursachte sofort auch andere Kommentare von Internetnutzern. Dies sind nicht nur Hunderte von Stimmen, die sich ähnlichen Argumenten widersetzen und zahlreiche Beispiele für zweisprachige (einschließlich polnische) Namen von Bahnhöfen in anderen europäischen Ländern anführen. Internetnutzer gingen noch einen Schritt weiter. Als Reaktion auf die Erklärung des Abgeordneten startete die Jugend der deutschen Minderheit die Kampagne #wPolsceusiebie #InPolendaheim, um die Menschen dazu zu ermutigen, sich an Bahnhöfen oder an anderen Orten vor dem Hintergrund zweisprachiger Tafeln oder Schilder in Minderheitensprachen zu fotografieren. Wie die Initiatoren argumentieren, betonen die zweisprachigen Schilder "den Multikulturalismus unserer Region und die reiche Geschichte, auf die wir stolz sein können". Die Jugendinitiative wurde im Kreis der Minderheit lebhaft aufgenommen. Es ist erstrebenswert, diese Initiative weiter zu verbreiten; umso mehr, dass es kein typisches Beispiel ist, dass man eine aggressive Aussage mit einer anderen aggressiven Aktion zu bekämpfen versucht, sondern im Gegenteil – diese Initiative fördert positive Handlung.

Dies ist nicht das erste Mal, als zweisprachige Ortsschilder einer angespannten Reaktion ausgesetzt wurden. Es scheint, dass 13 Jahre nach der Installation des ersten zweisprachigen Ortsschildes in Polen (Łubowice / Lubowitz im Bezirk Racibórz / Ratibor) und damit verbundenen anfänglichen Schwierigkeiten* solche Vorfälle nicht mehr auftreten werden. Die Realität zeigt jedoch, dass fremdenfeindliches Verhalten ständig bekämpft werden muss. Das Wichtigste ist jedoch, es mit Bedacht zu tun.

Wir empfehlen Ihnen, die Kampagne #wPolsceusiebie #InPolendaheim zu verbreiten. Besonders im Jahr, in dem die Volkszählung stattfinden soll, ist es wert zu zeigen, dass Multikulturalismus wichtig ist. Und dass wir darauf stolz sein können!

* Mehr über die Installation der ersten zweisprachigen Ortsschilder im Oppelner Schlesien lesen Sie in einem Aufsatz von Bernard Gaida in der Publikation "Tożsamość. Kultura. Pamięć“, herausgegeben anlässlich des 15. Jahrestages des Gesetzes über nationale und ethnische Minderheiten (wir haben davon hier geschrieben; Text des Aufsatzes in polnischer Sprache).

  • Publiziert in Politik
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