Log in
Bernard Gaida

Bernard Gaida

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Webseite-URL:

Freudige und tragische Jahrestage

Der Maianfang machte deutlich, dass die Menge an Jahrestagen so groß ist, dass manche sich darin nicht mehr zurechtfinden. Manche Jahrestage wurden vergessen, bei anderen wird übertrieben oder zumindest nicht zu Ende nachgedacht. Schauen wir nur auf zwei von ihnen.

Viele haben den 1. Mai als folgenden Jahrestag der EU-Erweiterung vergessen, deren der Nutznießer u.a. Schlesien gewesen ist. Vor 16 Jahren wurden alle Teile Schlesiens sowie die Staaten, auf die die Region aufgeteilt wurde, Mitglied einer Gemeinschaft. Die Staatsgrenzen sind nicht verschwunden, aber im Schengener Abkommen verschwand ihr repressiver Charakter. An diesem Tag war es wichtig, in zwei Zitate der Schuman-Erklärung hinein zu hören, der die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) für Kohle und Stahl als ersten Schritt zum Entstehen einer europäischen Föderation angesehen hat. Dieser Weg dauert nun schon lange an, sein Sinn aber hat sich bewahrheitet. Schuman sagte, „ohne Europa haben wir Krieg gehabt“. Es hat sich gezeigt, dass allein die Bildung einer Gemeinschaft uns seit Jahrzehnten Frieden bescherte. Den Gegnern des Integrationsprozesses und den Befürwortern der Überlegenheit der nationalen Interessen gegenüber den gemeinschaftlichen sollte dies in Erinnerung gerufen werden.

Man muss den Kritikern aber auch sagen, dass „Europa nicht sofort und nicht als Ganzes“ entsteht. Die Entstehung von Europa ist die Überwindung vieler Teilungen, wie die in Schlesien im Jahr 1921. Sie waren immer verschuldet. Während einige immer noch unreflektiert Anfang Mai die Helden des vermeintlichen „Aufstandes des schlesischen Volkes“ ehren, sollten sie dies bereits mit neuen Forschungsarbeiten polnischer Historiker vergleichen. Sie sprechen mutig davon, dass der Blick auf die Aufstände, vor allem aber auf den dritten, sich ändern müsse. Prof. Kaczmarek nennt sie einen unbekannten „deutsch-polnischen Krieg“ und die These, dass es eher ein polnischer Aufstand in Schlesien und kein schlesischer Aufstand gewesen ist, ist ihm nicht fremd. Die Eliten der Aufstände aus Schlesien erhielten seit langem einen Sold aus Polen. Neben einer diplomatischen Aktion war es eine großangelegte Aktion des polnischen Militärgeheimdienstes, dessen Ergebnis der Transport von Soldaten nach Schlesien (entgegen den internationalen Regelungen), von Waffen und Offizieren war - alles unter dem Deckmantel eines Bruderkampfes unter den Schlesiern selbst.

Ich hatte Anteil daran, dass bei seinem Besuch auf dem Annaberg der damalige Staatspräsident Komorowski auch die deutschen Oberschlesier ehrte, die den Berg und ganz Schlesien verteidigten in der Überzeugung, ein Recht zu haben auf dessen Verteidigung und den Traum, die Region möge bei Deutschland verbleiben. Deshalb kann man heute, aus der Perspektive des sich vereinenden Europas, das Gedenken an den Kampf um Schlesien von vor 100 Jahren nicht im alten Stil begehen. Das sich auf dem Annaberg befindende Denkmal steht an der Stelle des nach dem Krieg gesprengten Mausoleums zu Ehren der deutschen Verteidiger des Berges. Möge eines Tages aus beiden Denkmälern ein gemeinsames entstehen, das aller Gefallenen gedenkt, die in den Kampf geführt wurden von Politikern, die ihrerseits eine Grenzveränderung entgegen der Ergebnisse der Volksabstimmung herbeiführen wollten, dabei aber ruhig in ihren Amtszimmern in Warschau, Posen, Paris oder wo auch immer saßen.

  • Publiziert in Blogs

Das Land nach dem 10. Mai

Seit einigen Wochen versuche ich, politische Themen zu vermeiden, doch so ganz geht es nicht. Vor Kurzem habe ich darüber geschrieben, dass die polnischen Nachrichten, die schon immer einen Hang zu Provinzialität und einem Übersehen der globalen Probleme hatten, in Zeiten der Pandemie gänzlich egoistisch wurden. Auf einmal bemerkten sie nicht die Tragödie des Hungers in der Welt, der Flüchtlinge in Griechenland und des Konfliktes in der Ukraine. In der letzten Zeit hat sogar die Pandemie an Bedeutung verloren und man hat den Anschein, dass sich die ganze Welt um die Präsidentenwahl in Polen dreht. Doch in der Allgemeinheit,  sowohl in den Medien als auch unter den Menschen, liegt der Akzent eher auf der epidemiologischen Gefahr bei der Durchführung der Wahl. So verliert die Diskussion an Rationalität.

Klar sind die Pandemie und die Ansteckungsgefahr während der Wahl von immenser Bedeutung. Doch  paradoxerweise spielt für den Kern der Wahl in einem demokratischen Land die Frage, wie lange das Virus auf einem Blatt Papier überdauert, eine untergeordnete Rolle. Denn mit hygienischer Vorsorge kann man gewiss erreichen, dass niemand direkt gefährdet wird. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die Pandemie in den letzten Wochen dazu führte,  dass die wichtigste Voraussetzung für eine demokratische Wahl nicht erfüllt wurde, nämlich die Informationen und die Möglichkeit, sich mit den Wahlprogrammen der Kandidaten vertraut zu machen. 

Wahlen sollten allgemein, geheim, direkt und gleich sein. Durch Manipulationen am Wahlgesetz, die Art ihrer Durchführung und die Degradierung der Polnischen Wahlkommission ist die Allgemeinheit, Geheimhaltung und Direktheit gefährdet. Auch, wenn dem nicht so wäre, kann man den Grundsatz der Gleichheit der Kandidaten nicht wiederherstellen. Die Möglichkeit, einen Wahlkampf zu führen durch den amtierenden Präsidenten, wenn gleichzeitig für die anderen Kandidaten Beschränkungen gelten, führt zu einer Situation, in der sich das Wissen der Bürger über die Kandidaten auf einige Namen beschränkt. Nach der Anzahl der Kandidaten gefragt, gibt jeder die Zahl fünf oder sechs an, dabei stellen sich letztendlich zehn Personen zur Wahl.

Haben die weniger bekannten Kandidaten irgendeine Chance, um in der Situation von Versammlungsverboten, Reisebeschränkungen und einem fehlenden Zugang zu zentralen Medien die Wähler zu erreichen? Ermöglicht die Reduzierung des Wahlkampfes zum Streit, ob, wie und wann die Wahl  durchgeführt wird, dass man sich mit dem Programm der Kandidaten vertraut machen kann? Motivierte die Situation die Kandidaten dazu, überhaupt ein Programm zu schreiben? Auf diese Fragen muss man ehrlich mit Nein antworten. Und das bedeutet, dass ich als Wähler meines Rechtes auf rationelle Analyse und bewusste Entscheidung beraubt wurde, womit der Sinn solcher einer Wahl und einer Teilnahme daran in Zweifel steht. Was wird die Wahl  nun sein, wenn sie stattfindet? Und was wird aus einem Land, in dem der Präsident auf diese Art gewählt wurde?

  • Publiziert in Blogs

Erinnerung an Leppich

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig entdeckt, dass am 16. April vor 105 Jahren O/S Pater Johannes Leppich in Ratibor geboren wurde. Auch wenn heute viele schon gar nichts mehr über ihn wissen, gehörte er seinerzeit absolut zum Kreis der bekannten Oberschlesier. Auch mir war er bekannt, obwohl ich nie eine Möglichkeit hatte, ihn persönlich zu treffen. Leider war ich am 20. Juli 1990 nicht in Lubowitz anwesend, als Pater Leppich vor der Eichendorff- Schlossruine, im Rahmen der großen Europakundgebung mit Otto von Habsburg an der Spitze, gepredigt hat. Damals war dort die Rede von Oberschlesien als „Südtirol des Ostens“ gewesen.

Zwei Jahre später starb Pater Leppich in Münster. Aber mir blieb er seit den Kindheitstagen in Erinnerung, und zwar als Stimme auf Schallplatten, später auf Tonbändern und Kassetten mit den Aufnahmen seiner Predigen aus deutschen Städten,  mit Strassengeräuschen im Hintergrund. Diese Aufnahmen wurden in den schlesischen Häusern mit Frömmigkeit gehört. Der Name “Strassenprediger” war für uns, im damaligen totalitären Staat Lebende, ein Synonym für Religionserweckung und Religionsfreiheit zugleich.

Als Pater Leppich in den 50er und 60er Jahren nicht nur vom Dach eines Autos, sondern sogar von einem Tisch auf der Hamburger Reeperbahn predigte, herrschte in Polen ein Kampf der Partei gegen die Kirche. Kardinal Wyszyński war festgenommen, das Bild der schwarzen Madonna war in Tschenstochau eingesperrt, die Pfarrer wurden bestraft für nicht bezahlte Mieten, eine Gruppe der sog. Patrioten-Priester war eine Gefahr innerhalb der Kirche. Nicht denkbar war, dass ein Priester irgendwo an einer Kreuzung predigte, ohne festgenommen zu werden. Dazu kam noch der Stolz, dass Pater Leppich als Schlesier in Deutschland von Tausenden gehört wurde, verbunden mit der Annahme, seine harte Kritik des Konsumptionismus als indirekte Bestätigung unseres Verbleibs in Schlesien, wo noch die traditionellen Werte lebendig waren, als richtige Entscheidung zu bewerten.

In diesem Zusammenhang sehe ich ein Bild der geschlossenen Küche, wo meistens rund um den Tisch die Frauen saßen und mit roten Backen ängstlich, ob nicht ein Spitzel an der Straße die deutsche Sprache hört, still die raue Stimme Leppichs aus dem Grammophon kontemplierten. Eines Tages erklärte er, dass er an derartig ungewöhnlichen Orten predigte, weil er „ an ein Publikum heran muss, das keinen Weihrauch mehr riechen kann“.  In der Zeit der Pandemie, wo alle in geschlossenen Wohnungen sitzen, in der die Kirchen so wie auch Restaurants leer sind, führt die Erinnerung zu solchen Bildern zurück.

  • Publiziert in Blogs

Egoismus darf nicht trendy sein

Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, dessen wichtigste Frage lautete: Was, wenn sich herausstellt, dass das schwedische Modell, also der Kampf gegen die Epidemie, ohne die Wirtschaft und die Gesellschaft zu ruinieren, der richtige ist? Ich muss zugeben, dass dies eine düstere Lektüre ist, vor allem für die pleitegehenden Restaurantbesitzer und Hoteliers nicht nur in Polen, die über volle Biergärten in Schweden lesen. Sogar in Berlin ruft die Skala der polnischen Beschränkungen Verwunderung hervor, darunter das berühmteste und vor allem auf dem  Land wirklich unverständliche Verbot, in den Wald zu gehen. Es ist doch epidemiologisch gesehen nirgendwo sicherer als allein zwischen Bäumen zu sein.

Für immer wird uns das Osterfest 2020 im Gedächtnis bleiben und das vielleicht weniger wegen der Unmöglichkeit, in die Kirche zu gehen, als vielmehr durch das Bild der einsamen Person in Weiß, Papst Franziskus, auf dem leeren Petersplatz oder im leeren Petersdom. Und auch wenn er in seinem Ostersegen Urbi et Orbi vom christlichen „Recht auf Hoffnung“ sprach, war die Trauer in seinem Gesicht deutlich sichtbar. Ich bin überzeugt, dass die Verantwortung für das gesprochene Wort in der Zeit des optimistischsten Festes der Christenheit, das während der Pandemie gefeiert wird, die täglich Tausende aus dem Leben reißt, seine Gedanken zerriss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Päpste zu diesem Fest immer zum Frieden aufgerufen haben. Früher bewirkten die Worte des Papstes, dass für wenige Tage die Kanonen still wurden. Die letzten Jahrzehnte lehrten uns aber, dass die Worte aus Rom keinen Einfluss  mehr auf die Konflikte hatten. Doch Franziskus, eine der wenigen moralischen Autoritäten der Welt, wohlwissend um die geringe Wirksamkeit seiner Appelle, darf nicht nicht zu Frieden im Jemen, der Ukraine oder Palästina aufrufen. Jemand muss die Stimme des Gewissens sein. Das Gewissen spricht ja lauter, je weniger es gehört wurde. Das Besondere des diesjährigen Appells besteht darin, dass niemals zuvor alle Seiten der unterschiedlichen Konflikte von ein und demselben Feind dezimiert wurden.  Und nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind. Wenn dieser also die Kräfte der wissenschaftlichen Labors und in vielen Ländern die Politiker der unterschiedlichen Lager verbunden hatte, sollte er doch auch die Konflikte abklingen lassen können.  Doch geschieht dies auch?

Die Bedeutung der Worte des Papstes ist besonders wichtig für den Konsumenten polnischer Medien.  In Zeiten der Pandemie und der tiefen politischen Zerrissenheit im Land hörten die Medien auf, über die Flüchtlinge in Griechenland oder die Kämpfe im Donbass zu berichten und die  die Öffentlichkeit verachtenden Regierungsfeierlichkeiten zum Jahrestag der Smolensk-Katastrophe in Warschau wurden wichtiger als die an Hunger sterbenden Kinder im Jemen. Deshalb sind die Worte des Papstes von Bedeutung, auch wenn sie politisch nichts ändern. Wie ein Gewissensbiss.

  • Publiziert in Blogs
Diesen RSS-Feed abonnieren