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Bernard Gaida

Bernard Gaida

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Nach der Wahl

Das Wahlergebnis erinnert mich an das Referendum zum Brexit, dessen Ergebnis 51,89% für und 48,11% gegen den Austritt aus der EU war. Man kommentierte, es sei fast unmöglich, eine solch wichtige Entscheidung für die Zukunft des Landes mit einer so geringen Mehrheit zu fällen. Der Präsident in Polen wird sein Amt aufgrund einer noch geringeren Stimmenmehrheit übernehmen. Und doch sind demokratische Wahlen zu achten, weshalb ebenso der Brexit vollzogen wie auch Andrzej Duda zum Präsidenten vereidigt werden wird.

Die Folgen der einen sowie der anderen Entscheidung beider Länder werden aber solidarisch alle tragen müssen. Tausende Bewohner der britischen Inseln siedeln in EU-Länder um oder verlagern ihre Unternehmen dorthin. Tausende Bewohner Polens, vor allem Schlesiens, werden es ebenso tun. Bevor das passiert, werden Politiker, Journalisten und Analytiker die Gründe für diese Ergebnisse beschreiben und untersuchen. In Oppeln werden dann wieder Stimmen laut, dass die deutsche Minderheit trotz antideutscher Rhetorik Andrzej Dudas für ihn gestimmt hat und man in den sog. Minderheitsgemeinden unverändert die geringste Wahlbeteiligung beobachtet.

Es stimmt, in meinem Guttentag lag die Beteiligung bei 47,59%, im benachbarten Zembowitz war sie sogar noch geringer. Wenn man auf alle Woiwodschaften schaut, ist die Oppelner mit ihren ca. 60% das Schlusslicht, vorletzte Woiwodschaft ist dabei Ermland mit Masuren, wo ebenfalls Tausende Menschen zwischen Deutschland und Polen pendeln. Ist der Grund für die hohe Abwesenheit bei der Wahl, dass viele Menschen in Wirklichkeit in Deutschland wohnen? Vielleicht fühlte sich aber ein Großteil der Wähler, die zu einer nationalen Minderheit gehören, von keinem der Kandidaten der Stichwahl direkt mit einem speziellen Angebot angesprochen. Z.B. in Sachen Verbesserung der Bildung für Minderheiten, die sowohl zu Zeiten der Bürgerplattform als auch der PiS von uns selbst und den Experten des Europarates als unzureichend und den Verpflichtungen Polens aus der ratifizierten Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen nicht entsprechend angesehen wird.

Und weil ein solches Angebot fehlte, war die Abwesenheit sichtbar, oder … es entschieden minderheitsunabhängige Präferenzen. Es wäre gut, wenn Soziologen solche Studien durchführen würden. Aus diesem Blickwinkel nämlich sollten die Kandidaten und ihre Berater und Wahlkampfhelfer die Programme und die Inhalte der Reden analysieren. Vor allem den Mitarbeitern des sympathischen Rafał Trzaskowski, dem ich (zwar erst in der Stichwahl) meine Stimme gegeben habe, sollte man sagen, dass einer Analyse nicht nur das bedarf, was im Wahlkamf gesagt wurde oder ob die Schwerpunkte richtig gesetzt waren, sondern auch, was dort völlig fehlte.

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Für die Freiheit einstehen

Man kann sagen, der Wahlkampf spielt nach eigenen Regeln. Er muss ja die Präsentation der eigenen Ansichten genauso zulassen, wie auch die Kritik des Gegenkandidaten. Doch darf er alles?

Die Deutschen, sowohl uns hier in Polen als auch in Deutschland, erregte letztens das durch den amtierenden Präsidenten genutzte deutsche Schreckgespenst, und zwar in Bunzlau, einer Stadt mit jahrhundertealter deutscher Geschichte. Der Korrespondent der Zeitung „Die Welt“ wurde kritisiert für seinen analytischen Text zur konfrontativen Politik der PiS. Hinzu kam später die Boulevardzeitung „Fakt“. Man muss zugeben, dass es eine primitiv formulierte Argumentation ist, dass man auf einen für sich unbequemen Artikel in einer zum Axel Springer Verlag gehörenden Zeitung eine Frage samt dazugehöriger Antwort stellt: „Deutsche wollen in Polen den Präsidenten wählen? Das ist eine Gemeinheit. Ich bin damit nicht einverstanden.” Dieses zielt deutlich auf negative Emotionen gegenüber den Deutschen. Damit bin ich wiederum nicht einverstanden und nach Pressereaktionen, ja sogar nach Aussagen vonseiten der deutschen Regierung, ist deutlich, dass ich nicht der einzige bin. Es ist gut, dass auch Stimmen aus der polnischen Journalistenwelt laut wurden und auf die verleumderische Aussage der Sejmmarschälin gegenüber dem Sender TVN eine bissige Antwort der US-Botschafterin in Polen folgte.

Alles, was ich oben beschrieben habe, wird leider mit dem Ende des Wahlkampfes nicht vorübergehen. Erstens zeigt es, dass Politiker der Regierungspartei für innenpolitische Gewinne nicht davor zurückschrecken, Polen auf dem internationalen Parkett, dem weltweiten und dem europäischen, zu schaden. Das Aufwecken der jahrelang mühevoll überwundenen Feindseligkeit und Abneigung zwischen Deutschen und Polen nur, um mit diesen Emotionen die Wahlen zu gewinnen, scheint außerordentlich unethisch zu sein. In diesen Prozess waren Tausende einfache Menschen, Intellektuelle und sogar die Kirchen beider Glaubensrichtungen involviert. Seit 30 Jahren ist auch die deutsche Minderheit darin engagiert. Daher hören wird es mit Bitternis und hoffen, dass doch eine solche feindselige Betrachtungsweise kein Gehör bei all denjenigen findet, denen die Versöhnung und die europäische Gemeinschaft am Herzen liegen.

Zweitens ist die Pressefreiheit einer der Grundpfeiler der Demokratie. Aus den Artikeln, die die Aussagen von Bunzlau kommentieren, habe ich erfahren, dass im Ranking der Pressefreiheit Polen in den letzten fünf Jahren von Rang 18 auf Rang 62 gefallen ist. Der schnellste Abstieg weltweit. Wir wissen, wenn ein Bereich der Freiheit beschränkt wird, sind andere auch in Gefahr. Nationale Minderheiten können aber nur da funktionieren, wo Demokratie und Freiheit herrschen.

  

 

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Tante Lilo

Der Tod kommt nie zur richtigen Zeit. Ich habe Tante Lilo kennengelernt als Einwohnerin von Karl-Marx-Stadt. Die waschechte Sächsin war Ehefrau des ältesten Bruders meiner Mutter, Georg.  Sie konnten sich begegnen, nur weil der Krieg gewesen war.

Der kleine Georg im kleinen Dorf bei Guttentag war von Geburt an fast blind.  Als er 6 Jahre alt war, kam er in der Dorfschule. Je höher die Klasse, desto schwieriger war der Unterricht, weshalb der Lehrer für ihn in Breslau eine Bildungsanstalt gefunden hat. Georg startete also seine Ausbildung in der Provinzhauptstadt. Die Trennung vom Dorf, der Familie und Geschwistern war für alle sehr schwierig. Dann kam der grausame Krieg, der Vater musste zur Front, die Mutter blieb mit den Kinder allein. Es gab immer weniger Besuche.

Als im Januar 1945 plötzlich die Flucht angeordnet wurde, musste die Familie aus Guttentag in Trecks in Richtung Tschechien flüchten. Die Schule in Breslau wurde Richtung Sachsen evakuiert.  Kein Kontakt mehr, keine Briefe.  Besonders schmerzhaft war das für die Mutter. Als nach dem Krieg die Familie zurück nach Schlesien, unter polnische Verwaltung kam, fehlte der Georg.  Nach der Rückkehr mussten sie sich das schon besetzte Haus wieder erkämpfen. Dank des Suchdienstes des Roten Kreuzes wurde Georg in Chemnitz gefunden.

Trotz Bitten der Mutter wollte er nicht nach Schlesien zurück. Er war blind, sprach kein Polnisch und in Chemnitz hatte er die Bekannten und Freunde aus der Schule. Er blieb. Dort hat er die körperlich behinderte Liselotte getroffen. Sie haben sich gegenseitig das ganze Leben unterstützt und eine musterhafte Familie aufgebaut. Tante Lilo mit ihrem sächsischen Dialekt war schwierig zu verstehen, aber das offene Herz hat alles ausgeglichen.  Die Sommerferien in Karl-Marx-Stadt sind traumhaft gewesen und die Tante war wie eine Ersatzmutter. Genauso, als sie Schlesien besucht haben. Am Abend spielte Onkel Georg Akkordeon und die Tante Mundharmonika. Gesang und Lachen sind mir in Erinnerung geblieben. Beide behindert, aber immer lustig und nett.

Von klein auf habe ich die beiden, damals aus der DDR, als ein Zeichen des Deutschtums unserer Familie gesehen. Der Onkel hat zwar auch Witze von Antek und Frantzek erzählt, aber nur auf Deutsch, weil sogar „wasserpolnisch“ konnte er nicht.  Auch als der schlesische Onkel gestorben ist, war die Tante ein Bindeglied zwischen uns in Schlesien und der sächsischen Familie.  An jedem Geburtstag  habe ich einen Anruf bekommen, wo die Mundharmonika zuerst „Zum Geburtstag viel Glück“ spielte. Von der Liebe der Kinder und Enkel umgeben, hat sie die letzten Jahre in einem Chemnitzer Pflegeheim verbracht. Vor zwei Jahren konnte ich mit ihr noch ihren 90. Geburtstag feiern, später noch einige Male besuchen und immer mit neuen gestrickten Socken nach Hause fahren.  Die warme Socken werden mich immer an die herzenswarme Tante Lilo erinnern.

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Probleme mit Toleranz

Wenn jemand meinte, die Pandemie könnte den Raum für Toleranz erweitern, dann hat er sich geirrt. Rassistische Unruhen in den USA, das Stürzen von Denkmälern in Großbritannien und letztens auch in Deutschland, weltanschauliche Konflikte in Sachen LGBT in Polen. Man könnte noch vieles mehr aufzählen.

In all den Konflikten sieht man, dass der Dialog durch ein Diktat ersetzt wird, und zwar eines von beiden Seiten. Dabei sollte doch Dialog bedeuten, dass beide Seiten letztendlich versuchen, sich zu verständigen. Die Atmosphäre des Diktats beider Seiten des Streits wird auf die Straßen verlegt - und das nicht nur in Form von Unruhen und Plünderungen von Geschäften in den USA, sondern auch als allgemeine Stimmungslage auf den Straßen europäischer Städte. In Polen wird das noch untermalt durch die Wahlfolklore. Ich nenne es Folklore vor allem deshalb, denn bei weltanschaulichen Streitigkeiten berufen sich alle auf Emotionen und nicht inhaltliche Argumente.

Paradoxerweise ist es gut, dass der Kampf gegen die Pandemie dazu zwingt, sich mit konkreten Lösungen und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Es hilft nicht, sie auf emotionale Weise zu zerreden, denn wir sprechen hier von Zahlen. Vielleicht sind sie nicht ganz exakt, denn es werden hierzulande immer noch zu wenige Tests durchgeführt, aber sie ermöglichen einen Vergleich. Und bewusste Wahlen verlangen von Wählern eben einen Vergleich, der der Gesellschaft, die so politisiert, gleichzeitig aber politisch so ungebildet ist, Schwierigkeiten bereitet.

Alle diskutieren leidenschaftlich über Politik, aber doch nur wenige engagieren sich ernsthaft in ihr, sodass sowohl die Wahrnehmung der Parteiprogramme als auch deren Evaluierung nur scheinbar geschieht. Um diesen Prozess zu erleichtern, haben wir bereits zu Beginn des Wahlkampfes einen Fragenkatalog an die Kandidaten zum Thema Minderheitenpolitik erstellt. Ich wäre glücklich, wenn ich schreiben könnte, dass zumindest die Mehrheit der Kandidaten dazu Stellung bezogen hat. Leider kann ich das nicht. Nicht ganze zwei Wochen vor der Wahl bleibt Szymon Hołownia der einzige, der auf unsere Fragen geantwortet hat. Dabei könnte man denken, dass die im Titel genannte Toleranz nirgendwo leichter erfahrbar wäre als im Bezug auf die Minderheiten. Es ist nur für diejenigen nicht leicht, für die die Toleranz ein schöner Wahlslogan ist, jedoch Probleme bereitet, wenn Fragen nach Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache, nach zweisprachigen Schildern oder der Unterstützung für die deutsche Kultur und deren kulturellem Erbe auftauchen. Wir warten weiterhin.

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