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Pascal und die zweite Welle

In der Philosophie ist die pascalsche Wette bekannt, die besagt, wenn man die Existenz Gottes nicht beweisen kann, ebenso aber auch nicht seine Nichtexistenz, ist es vernünftiger anzunehmen, es gibt ihn. So leben wir gut, um das ewige Leben zu erringen. Und wenn sich herausstellen sollte, es gibt keinen Gott oder kein Leben nach dem Tod, dann haben wir nichts verloren, wenn wir gut gelebt haben. Schlimmer wäre die umgekehrte Annahme, dass Gott nicht da ist, weshalb wir also ohne Gebote leben und am Ende feststellen müssen, dass wir unser ewiges Leben mit ihm im Himmel verloren haben.

Es ist nur meine Zusammenfassung seiner Gedanken, die aber in dieser Zeit wichtig scheinen. Das Internet, private Gespräche, Medien, öffentliche Versammlungen drehen sich nun nicht mehr nur um Politik, sondern auch um die Frage, ob es die Pandemie gibt oder nicht. Eine weitere Gelegenheit zu Teilungen in der Gesellschaft, zu Protesten und Attacken. Auf die Bekanntmachung der Beschränkungen, deren Synonym die Schutzmaske wurde, antworteten einige mit einer gegnerischen Haltung. Manche taten es demonstrativ auch in Form von Straßenprotesten, andere ignorieren leise, aber sichtbar die Vorschriften. Ein unrühmliches Beispiel sind sogar Geistliche, die trotz des Dekrets des Oppelner Bischofs weiterhin die Kommunion ohne Maske austeilen, die die Gläubigen nicht aufteilen in diejenigen, die die Kommunion in den Mund und diejenigen, die sie weitaus hygienischer in die Hand empfangen wollen. Man könnte etliche weitere Beispiele anführen. Proteste gegen die Pandemie gibt es natürlich auch in anderen Ländern, auch in Deutschland, doch sie ändern nichts daran, dass dort die Kommunion nur auf die Hand ausgeteilt wird, dass z.B. in Berliner Kirchen nur jede zweite Bank besetzt sein darf, dass man beim Betreten der Kirche (aber auch eines Restaurants) seine Kontaktdaten hinterlegen muss.

Gestern habe ich mir die Europakarte angeschaut, auf der die Infektionszahlen je 100.000 Einwohnern gezeigt wurden. In fast ganz Deutschland liegt dieser Wert unter 35 und in allen Nachbarländern, Polen eingeschlossen, ist er über 50 und mancherorts sogar über 100. Statt sich also zu streiten, ob es die Pandemie gibt oder nicht, denken wir wie Pascal. Wenn wir nicht einer Meinung sind, nehmen wir zu unserem gemeinsamen Wohl an, dass die Gefahr da ist und dass soziale Distanz sowie das Tragen von Masken uns vor ihr schützt. Wenn es die Pandemie nicht gibt, riskieren wir nichts außer einem längeren Aufenthalt zu Hause, häufigerem Händewaschen und selteneren Familienfeiern. Und wenn es die Pandemie doch gibt, retten wir unser Leben und vielleicht das eines anderen. Außerdem muss dann eine diszipliniertere Gesellschaft nicht alles schließen - und sich selbst in den Häusern einschließen.

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Solidarność-Beschluss noch nicht realisiert

Diese Kolumne schreibe ich am Tag, an dem in Polen alle an die Gründung der Solidarność vor 40 Jahren erinnern. Für mich persönlich war es eine intensiv durchlebte Zeit. Deshalb erinnere ich mich noch an meine Gefühle, die vom eingeführten Kriegsrecht nicht verändert wurden.

Wir haben die Solidarność von Anfang an nicht als Gewerkschaft angesehen, sondern als eine Bewegung von so immenser Kraft, dass das System ihr nicht widerstehen konnte. Vor allem, weil sie ihre Postulate von Anfang an nicht nur auf die Arbeiterrechte fokussierte, sondern sie vielmehr als Element eines demokratischen Staates ansah. Darin resultiert der Schutz der Arbeiter aus dem Schutz der generellen Menschenrechte. Schon bei der ersten Versammlung in der Halle Olivia wurde im Programmbeschluss geschrieben: „Die Geschichte lehrt uns, es gibt kein Brot ohne Freiheit. Es ging uns auch um Gerechtigkeit, Demokratie, Wahrheit, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde, Meinungsfreiheit, (…).“ Und weiter: „Unsere Gewerkschaft entstand aus dem Protest der polnischen Gesellschaft, die über 30 Jahre Menschen- und Bürgerrechtsverletzungen erfahren hatte“.

Logische Folge einer solchen Sichtweise war der Beschluss über nationale Minderheiten, in dem geschrieben wurde: „Indem wir die Entwicklung der polnischen Kultur pflegen, die offen für das Werk anderer Völker ist, wollen wir nicht minder dazu beitragen, dass in Polen lebende Bürger anderer Völker und ethnischer Gruppen (…) im gemeinsamen Vaterland mit den Polen Möglichkeiten finden, ihre Kultur frei zu entwickeln und sie den nächsten Generationen zu übermitteln.” Aus historischer Perspektive muss man festhalten, dass es für die im Beschluss genannten Deutschen, anders als für andere bereits anerkannte Minderheiten, in der Volksrepublik eine erste öffentliche Bestätigung ihrer Existenz gewesen war. Und das zu einer Zeit, in der sowohl der Staat als auch die Kirche dem widersprachen.

Aus der heutigen Perspektive muss man jedoch fragen, ob der demokratische Staat, das Werk der Solidarność, „nicht minder dazu beiträgt“, dass sich die Kultur der Minderheiten so entwickeln kann wie die polnische. Können wir unsere Kultur frei entfalten und sie den nächsten Generationen übermitteln? Leider bleibt dieser Beschluss nur ein teilweise realisiertes Postulat der Solidarność. Haben wir als Mitglieder einer nationalen Minderheit die Freiheit, unsere Kultur zu entfalten und weiterzugeben? Ich antworte mit Ja. Hat der Staat zu ihrer Entwicklung in einem nicht minderen Maße als bei der polnischen Kultur beigetragen? Entschieden antworte ich mit Nein. Die Bedingungen fehlen, vor allem im Bereich Bildung, meint jeder Bericht zur Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen durch Polen. Die Berichte werden weiterhin kritisch bleiben, solange in Polen keine Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache entstehen und in den Medien nicht mehr Sendungen in den Minderheitensprachen angeboten werden... Der Beschluss von vor 40 Jahren wartet also noch auf seine Realisierung.

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Schwierige Beziehungen

Nach dem Sieg von Bayern München (ich betone, dass Fußball gänzlich außerhalb meiner Interessen liegt) und der damit verbundenen Begeisterung aller polnischen Medien, auch des programmatisch antideutschen TVP könnte man meinen, dass es in den Beziehungen zu Deutschland und den Deutschen zu einer Wende kam. Dem ist aber nicht so. Es reicht, nur auf die Sackgasse zu schauen, wenn es um das nichterteilte Agrément des vor drei Monaten in Berlin ernannten neuen Deutschen Botschafters in Polen geht.

Ich hatte die Ehre, bei der feierlichen Verabschiedung Rolf Nikels, der bei diesem Festakt mehrmals die deutsch-polnischen Beziehungen als „besser als wir denken“ beschrieb, dabei zu sein. Die Patsituation, die wir jetzt mit der Ernennung seines Nachfolgers Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven haben, scheint zu beweisen, dass es ganz anders ist. Vielleicht sind die Beziehungen in Wirklichkeit „schlechter als wir denken“. In Deutschland wächst die Besorgnis, vielleicht auch schon die Ungeduld wegen der Situation, in der die Ernennung eines hervorragenden Diplomaten mit einer Berufserfahrung auf Topposten in Deutschland und europäischen Institutionen so lange keine Zustimmung seitens des polnischen Außenministeriums erhält. Im Juli war die Rede davon, die Sache verzögere sich wegen der Wahlen in Polen. Einen Monat danach ist es schwierig, sich weiterhin darauf zu beziehen. Es ist auch schwierig zu verstehen vor dem Hintergrund der normalen diplomatischen Beziehungen zwischen Staaten, die normale, konfliktfreie Kontakte pflegen. Solche Gesuche werden da ohne unnötige Verzögerung angenommen.

In einigen Medien wurde zwar sofort nach Bekanntwerden der Kandidatur Freytag von Loringhovens beschrieben, sein Vater sei bis zum Schluss in Hitlers Bunker gewesen. Ein Teil nahm es eher als eine interessante Meldung an,  vor allem, weil dieser Vater später hohe Funktionen in der NATO innehatte. Aber vielleicht werden solche Informationen von vor 75 Jahren in einem Land, in dem man aus Wahlkampfzwecken ernsthaft Donald Tusk seinen Großvater in der Wehrmacht vorgehalten hat, nicht als einfache Meldungen aufgenommen. Vor allem außerhalb der diplomatischen Kreise und wie deutsche Medien suggerieren, wurde die Entscheidung über eine bewusste Verzögerung außerhalb des Außenministeriums getroffen.

Hier sollte man auch den Tropfen suchen, der bei Minister Jacek Czaputowicz das Fass zum Überlaufen gebracht hat, da ihm seine Entscheidungsmacht in Sachen diplomatischer Beziehungen mit dem wichtigsten Partner Polens entzogen wurde. Das ändert nichts daran, dass die Frage bleibt, was der eigentliche Grund für das Überstrapazieren der deutsch-polnischen Beziehungen ist. Ist es die Tatsache, dass einige Kommentatoren sehen, das „Kaliber“ des neuen Botschafters sei verbunden mit dem Grad der Schwierigkeiten mit der Stellung Polens in Europa und in den bilateralen Beziehungen? Das konnte wohl in Regierungskreisen negativ aufgenommen worden sein.

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Reine Hände der Geschichte

Ein beliebter Ausdruck, ja sogar eine Binsenweisheit lautet, dass es in der Geschichte keinen Staat gegeben hat, dessen Taten immer gerecht und dessen Hände immer rein gewesen wären. Und doch geben sich die Gesellschaften dieser Illusion hin, vor allem bei Jahrestagen rühmlicher Schlachten. Ganze Völker sind im Stande zu vergessen, dass man alles in den richtigen Proportionen betrachten und Kriege vermeiden sollte.

Schon seit Tagen denke ich über die Bedeutung der Schlacht um Warschau nach, auch das Wunder an der Weichsel genannt, nach, aber auch über die Epoche und die Menschen, die damals lebten. Die Schlacht ist ja ein Element des polnisch-bolschewistischen Krieges, der zwischen 1919 und 1921 dauerte und im März 1921 mit dem Rigaer Frieden beendet wurde. Der Krieg war im Grunde das Ergebnis zweier unterschiedlicher Interessen. Polen versuchte nach der Rückkehr auf die politischen Landkarten in Folge des Ersten Weltkrieges im Osten bis an seine Grenzen aus der Zeit vor den Teilungen zu kommen, die Bolschewisten dagegen wollten so weit wie möglich ihren Einfluss ausdehnen. Die Rote Armee kam bis an Warschau heran, was zu der berühmten Schlacht führte, deren 100. Jahrestag, der auf den Feiertag Mariä Himmelfahrt fällt, gerade begangen wurde.

Wir sehen aber, dass die Kämpfe Polens mit der UdSSR in dieser Zeit für die Litauer gleichbedeutend sind mit der bewaffneten Annexion von Vilnius durch die Polen im Oktober 1920, für die Ukrainer dagegen ist es der Verrat ihrer Interessen durch die Teilung des Landes zwischen Polen und der UdSSR. Für die Schlesier ist es ein Teil des gesamten Konfliktzeitraums in Oberschlesien, der nach heutigem Wissen durch immer neue Publikationen, nicht einmal ein Bruderkrieg der Schlesier gewesen ist, sondern eine vom polnischen Geheimdienst gesteuerte und finanzierte Sabotageaktion auf dem Gebiet der Weimarer Republik. Es ist schwer zu glauben, dass eine Armee, die im Osten gegen den sowjetischen Andrang ankämpfen musste, die ganze Zeit kostspielige und illegale Operationen auf dem Gebiet eines anderen Staates im Westen durchgeführt hat. Nationale und soziale Spannungen wurden ausgenutzt, was eben der Grund für die Kämpfe ist, die man heute den Zweiten Schlesischen Aufstand nennt.   

Genau am 17. August 1920 floss in Kattowitz zunächst das Blut deutscher unbewaffneter Demonstranten, auf die französische Soldaten geschossen haben, was zur Aggression der Menschenmenge und Selbstjustiz gegenüber einem polnischen Aktivisten führte. Das Ganze dann, statt nach dem Ansinnen des Völkerbundes, der die Volksabstimmung vorbereitete, zu mildern, wurde noch verstärkt durch den Aufruf zum Generalstreik. Der Aufruf Korfantys entfachte militärisches Handeln von bereits vorbereiteten Einheiten, was weitere Opfer, Raub, Selbstjustiz und Brandstiftung nach sich zog.

Wenn ich auf diese Ereignisse aus der Perspektive von 100 Jahren danach schaue, weiß ich, dass der erste Satz dieses Textes wahr ist, genauso wie die folgende Aussage, auf die ich im Internet gestoßen bin: „Hört auf Kinder zu lehren, dass Krieg Ruhm und Heldentum bedeuten. Lehrt sie, dass wahrer Ruhm bedeutet, Krieg zu verhindern und Helden die Menschen sind, die dies erreichen“.    

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Bernard Smolarek

Immer, wenn jemand stirbt, der mir auf die eine oder andere Weise nahe stand, versuche ich, ihm meine Kolumne zu widmen. Bernard Smolarek konnte ich nur dank der deutschen Minderheit kennenlernen. Es ist diese Gemeinschaft, die unsere Wege kreuzte, und zwar gleich zu Beginn, also vor 30 Jahren.

Er widmete sich voll und ganz der Gründung der Organisation und ihrer Strukturen in der heute nicht mehr existierenden Woiwodschaft Tschenstochau, ich hingegen engagierte mich in den Aufbau der ersten lokalen Selbstverwaltung in Guttentag. Smolarek hatte Erfolg in einer Woiwodschaft, in der nur ein kleiner Teil zu Schlesien gehört. Als Organisation haben wir sogar die „Oppelner“ deutsche Minderheit überholt. Die Selbstverwaltung war ihm ebenso nahe. Im Jahr 1998 wurden wir beide Räte des ersten Kreistages in Rosenberg. Damals gestaltete sich unsere fast tägliche Zusammenarbeit nahezu selbstverständlich.

Bernard Smolarek war für mich der Inbegriff der schlesischen Eigenschaften. Er war ein ruhiger, sogar stiller Mensch, der sympathisch, manchmal sogar etwas geheimnisvoll lächelte, dabei aber sehr arbeitsam und effektiv war. Der beste Beweis für seine Effektivität ist die in Rosenberg stehende sog. zweisprachige Schule, die dank Fördergeldern aus Deutschland und der tiefen Überzeugung Smolareks entstehen konnte, der meinte, das erste, was Schlesier nach Jahren der sprachlichen und kulturellen Diskriminierung bräuchten, wäre die Rückkehr zur deutschen Sprache. Nur durch die Sprache könnten die deutschen Schlesier ihre Identität bewahren. Mit seiner Überzeugung steckte er sowohl deutsche als auch polnische Beamte an. Aber gelang es ihm auch, die Schlesier selbst zu überzeugen? Die Schule existiert, aber die Stadtherren von Rosenberg, denen sie übergeben wurde, sollten einmal nachdenken, ob und in welchem Maß sie noch das Erbe ihres Gründers, Bernard Smolarek, realisiert. Es ist die einzige Schule, die die Bundesrepublik Deutschland für das Schulwesen der deutschen Minderheit gebaut hatte.

Nach der Gebietsreform wurde es auch Zeit für Änderungen in der deutschen Minderheit selbst. Es war für Smolarek sehr schwer, die Entscheidung der Mehrheit anzunehmen, dass nach der Abschaffung der Woiwodschaft Tschenstochau und der Angliederung des Kreises Rosenberg an die Woiwodschaft Oppeln auch die von ihm gegründete Organisation der Minderheit in der Oppelner SKGD aufgehen sollte. Er stand dafür ein, als eigenständige Organisation weiter zu machen. Obwohl ich damals für die Vereinigung gewesen bin, stelle ich mir heute die Frage, ob nicht doch Smolarek recht hatte und ob die deutsche Minderheit in Landsberg, Guttentag oder Lublinitz heute nicht stärker wäre, wenn ihre Zentrale in Rosenberg läge.

Er aber hörte auf die Menschen, achtete sie und hielt nicht hartnäckig an seiner Meinung fest. Dies führte dazu, dass man ihn bis zum Lebensende achtete und er in Rosenberg eine Autorität gewesen ist. Für mich wird er auch eine Autorität bleiben.

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Vertrauensverlust

Als ich in den Nachrichten gehört habe, der Oberste Gerichtshof habe die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl bestätigt, dachte ich sofort an den geringen Stimmenunterschied. Dann hörte ich eine Reihe von Kommentaren, die man bei einer so geringen Mehrheit, bei gleichzeitig hohen Kosten, erwarten kann. Im Grunde wurden alle Einsprüche abgewiesen, von denen die Mehrzahl das Engagement des gesamten Staatsapparates für einen Kandidaten angefochten hat. Eines Staatsapparates, der von allen Steuerzahlern, also auch solchen, die Präsident Duda nicht wählen wollten, unterhalten wird.

Formal wurde das Ergebnis anerkannt, es bleibt aber trotzdem eine Leere. Ich weiß nicht, ob das im Folgenden beschriebene Ereignis wahr ist, aber ich hörte, dass während eines Marathons ein ständig an der Spitze laufender Kenianer kurz vor dem Ende wohl die Zeichen falsch verstanden hat: Er meinte, bereits das Ziel erreicht zu haben und blieb deshalb stehen. Ein hinter ihm laufender Teilnehmer hat ihn, ohne lange zu überlegen, geschubst, sodass der Kenianer doch als erster die Ziellinie überquert hatte. Als man den zweiten gefragt hat, warum er die Situation nicht einfach ausgenutzt und sich den Sieg geholt hat, antwortete er: „Aber was würde denn meine Mama dazu sagen? Der Kenianer war doch die ganze Zeit vorn“. Die Moral der Geschichte ist die Ehrlichkeit und das damit verbundene Vertrauen.

Das Vertrauen steckt heute in einer deutlichen Krise, und zwar nicht nur in Polen. Die Demonstration gegen die Politik gegenüber der Corona-Pandemie , die in Berlin den einen Quellen zufolge mehrere zehntausend, anderen zufolge sogar eine Million Protestierende versammelt hatte, war für sich das Ergebnis der Theorie, dass das Corona-Virus eher ein politisches denn ein medizinisches Thema ist. Diese Demonstration basierte auf dem Vertrauensverlust gegenüber Politikern, Mainstreammedien und der Wissenschaft. Die Gesellschaften verlieren das Vertrauen zu Institutionen, die früher das Bollwerk des gesellschaftlichen Vertrauens gewesen sind. Es reicht, nur auf die Kirche zu schauen, die das Vertrauen wegen der erschütternden Pädophilen-Skandale verliert, aber auch wegen der anstößigen, pompös ausgerichteten zweiten Vermählung eines prominenten Politikers mit stark strapaziertem Ansehen, nachdem seine erste Ehe für nichtig erklärt wurde.

Ein altes Sprichwort besagt, Hochmut kommt vor dem Fall. Der Fall ist die Folge des Vertrauensverlustes, der in verschiedenen Bereichen gefährlich ansteigt. Von einer Vertrauenskrise sind die Europäische Union sowie die NATO betroffen, wir glauben den Medien nicht mehr. Doch, kann man ohne Vertrauen in die Regierenden, die Prozeduren, die Normen oder gar die Ärzte leben? Wird die Vertrauenskrise nicht die Integrationsprozesse ausbremsen, die so große Hoffnungen geweckt haben? Ein Wiederaufbau des Vertrauens erfordert die Rückkehr zu solch einfachen Grundsätzen, wie diesem: „Was würde denn die Mama sagen?“. So wenig und doch so viel, dass es unmöglich erscheint.

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Reflexion über vergangene Zeiten

In der vergangenen Woche konnte ich durch meine Teilnahme an einer Konferenz in München einen lang gehegten Plan umsetzen. Er steht in Verbindung mit den Glasfenstern in der Kirche St. Maria Magdalena in meiner Heimatstadt Guttentag. Sie begeisterten mich schon immer, sowohl durch ihre neutestamentarische Tiefe als auch durch ihren modernen Ausdruck. Als ich auf einer von ihnen las, dass sie auf das Jahr 1934 datiert werden, war ich als Schüler überrascht, dass sie aktueller wirkten als die religiöse Kunst, die in den mir zeitgenössischen 1970er Jahren entstanden ist. Erst kürzlich erfuhr ich dank eines Projekts des DFK Guttentag, dass sie aus der Hand des berühmten deutschen modernen Künstlers Berthold Müller-Oerlinghausen stammen. Von da an begann mein Interesse an diesem Künstler, dessen anderes, ebenso modernes Werk ein in Schneidemühl (Piła) befindliches riesiges Holzkruzifix ist, mutmaßlich das größte in Europa. Der Künstler, der bei der Realisierung unserer Glasfenster mit den Ostdeutschen Werkstätten in Nysa und Breslau zusammenarbeitete, wurde in Westfalen geboren und in Berlin ausgebildet, wo er bis 1940 tätig war. Höchstwahrscheinlich hat er in seinem dortigen Atelier diese beeindruckenden Glasfenster entworfen, die unsere Kirche ununterbrochen schmücken. Nachdem sein Atelier bei einer Bombardierung Berlins völlig zerstört wurde, zog er nach Kressbronn am Bodensee und blieb dort bis zu seinem Tod im Jahr 1979 künstlerisch aktiv. Letzte Woche fand ich mich vor seinem Haus wieder, malerisch am Ufer des Sees gelegen. Und obwohl aufgrund der Pandemie das Museum mit seinen Werken nicht zugänglich ist, hatte ich dennoch den Eindruck, dass ich mich auf meiner Reise von Guttentag zu diesem fernen Ort innerhalb eines einzigen deutschen Kulturkreises bewegte, der bei der Entstehung unserer Glasfenster durch keine Grenzen geteilt war. Weder politisch, noch kulturell, geschweige denn sprachlich. Reflexionen über die vergangene Zeit drängen sich nun unwiderstehlich auf, zumal wir ja Anfang August den 70. Jahrestag der „Charta der deutschen Vertriebenen“ feiern werden. Sie war es damals – formuliert von Schlesiern, Pommeranern, Ermländern, Sudetendeutschen und vielen anderen Gruppen von Deutschen –, die mit Nachdruck das Unrecht der Nachkriegsvertreibung, des Heimatverlustes und der kulturellen Entwurzelung benannte, zugleich aber den einzigen Weg zur Überwindung des Geschehenen durch den Aufbau eines friedlichen und integrierten Europas zeigte.

Bernard Gaida

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Nach der Wahl

Das Wahlergebnis erinnert mich an das Referendum zum Brexit, dessen Ergebnis 51,89% für und 48,11% gegen den Austritt aus der EU war. Man kommentierte, es sei fast unmöglich, eine solch wichtige Entscheidung für die Zukunft des Landes mit einer so geringen Mehrheit zu fällen. Der Präsident in Polen wird sein Amt aufgrund einer noch geringeren Stimmenmehrheit übernehmen. Und doch sind demokratische Wahlen zu achten, weshalb ebenso der Brexit vollzogen wie auch Andrzej Duda zum Präsidenten vereidigt werden wird.

Die Folgen der einen sowie der anderen Entscheidung beider Länder werden aber solidarisch alle tragen müssen. Tausende Bewohner der britischen Inseln siedeln in EU-Länder um oder verlagern ihre Unternehmen dorthin. Tausende Bewohner Polens, vor allem Schlesiens, werden es ebenso tun. Bevor das passiert, werden Politiker, Journalisten und Analytiker die Gründe für diese Ergebnisse beschreiben und untersuchen. In Oppeln werden dann wieder Stimmen laut, dass die deutsche Minderheit trotz antideutscher Rhetorik Andrzej Dudas für ihn gestimmt hat und man in den sog. Minderheitsgemeinden unverändert die geringste Wahlbeteiligung beobachtet.

Es stimmt, in meinem Guttentag lag die Beteiligung bei 47,59%, im benachbarten Zembowitz war sie sogar noch geringer. Wenn man auf alle Woiwodschaften schaut, ist die Oppelner mit ihren ca. 60% das Schlusslicht, vorletzte Woiwodschaft ist dabei Ermland mit Masuren, wo ebenfalls Tausende Menschen zwischen Deutschland und Polen pendeln. Ist der Grund für die hohe Abwesenheit bei der Wahl, dass viele Menschen in Wirklichkeit in Deutschland wohnen? Vielleicht fühlte sich aber ein Großteil der Wähler, die zu einer nationalen Minderheit gehören, von keinem der Kandidaten der Stichwahl direkt mit einem speziellen Angebot angesprochen. Z.B. in Sachen Verbesserung der Bildung für Minderheiten, die sowohl zu Zeiten der Bürgerplattform als auch der PiS von uns selbst und den Experten des Europarates als unzureichend und den Verpflichtungen Polens aus der ratifizierten Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen nicht entsprechend angesehen wird.

Und weil ein solches Angebot fehlte, war die Abwesenheit sichtbar, oder … es entschieden minderheitsunabhängige Präferenzen. Es wäre gut, wenn Soziologen solche Studien durchführen würden. Aus diesem Blickwinkel nämlich sollten die Kandidaten und ihre Berater und Wahlkampfhelfer die Programme und die Inhalte der Reden analysieren. Vor allem den Mitarbeitern des sympathischen Rafał Trzaskowski, dem ich (zwar erst in der Stichwahl) meine Stimme gegeben habe, sollte man sagen, dass einer Analyse nicht nur das bedarf, was im Wahlkamf gesagt wurde oder ob die Schwerpunkte richtig gesetzt waren, sondern auch, was dort völlig fehlte.

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