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Tante Lilo

Der Tod kommt nie zur richtigen Zeit. Ich habe Tante Lilo kennengelernt als Einwohnerin von Karl-Marx-Stadt. Die waschechte Sächsin war Ehefrau des ältesten Bruders meiner Mutter, Georg.  Sie konnten sich begegnen, nur weil der Krieg gewesen war.

Der kleine Georg im kleinen Dorf bei Guttentag war von Geburt an fast blind.  Als er 6 Jahre alt war, kam er in der Dorfschule. Je höher die Klasse, desto schwieriger war der Unterricht, weshalb der Lehrer für ihn in Breslau eine Bildungsanstalt gefunden hat. Georg startete also seine Ausbildung in der Provinzhauptstadt. Die Trennung vom Dorf, der Familie und Geschwistern war für alle sehr schwierig. Dann kam der grausame Krieg, der Vater musste zur Front, die Mutter blieb mit den Kinder allein. Es gab immer weniger Besuche.

Als im Januar 1945 plötzlich die Flucht angeordnet wurde, musste die Familie aus Guttentag in Trecks in Richtung Tschechien flüchten. Die Schule in Breslau wurde Richtung Sachsen evakuiert.  Kein Kontakt mehr, keine Briefe.  Besonders schmerzhaft war das für die Mutter. Als nach dem Krieg die Familie zurück nach Schlesien, unter polnische Verwaltung kam, fehlte der Georg.  Nach der Rückkehr mussten sie sich das schon besetzte Haus wieder erkämpfen. Dank des Suchdienstes des Roten Kreuzes wurde Georg in Chemnitz gefunden.

Trotz Bitten der Mutter wollte er nicht nach Schlesien zurück. Er war blind, sprach kein Polnisch und in Chemnitz hatte er die Bekannten und Freunde aus der Schule. Er blieb. Dort hat er die körperlich behinderte Liselotte getroffen. Sie haben sich gegenseitig das ganze Leben unterstützt und eine musterhafte Familie aufgebaut. Tante Lilo mit ihrem sächsischen Dialekt war schwierig zu verstehen, aber das offene Herz hat alles ausgeglichen.  Die Sommerferien in Karl-Marx-Stadt sind traumhaft gewesen und die Tante war wie eine Ersatzmutter. Genauso, als sie Schlesien besucht haben. Am Abend spielte Onkel Georg Akkordeon und die Tante Mundharmonika. Gesang und Lachen sind mir in Erinnerung geblieben. Beide behindert, aber immer lustig und nett.

Von klein auf habe ich die beiden, damals aus der DDR, als ein Zeichen des Deutschtums unserer Familie gesehen. Der Onkel hat zwar auch Witze von Antek und Frantzek erzählt, aber nur auf Deutsch, weil sogar „wasserpolnisch“ konnte er nicht.  Auch als der schlesische Onkel gestorben ist, war die Tante ein Bindeglied zwischen uns in Schlesien und der sächsischen Familie.  An jedem Geburtstag  habe ich einen Anruf bekommen, wo die Mundharmonika zuerst „Zum Geburtstag viel Glück“ spielte. Von der Liebe der Kinder und Enkel umgeben, hat sie die letzten Jahre in einem Chemnitzer Pflegeheim verbracht. Vor zwei Jahren konnte ich mit ihr noch ihren 90. Geburtstag feiern, später noch einige Male besuchen und immer mit neuen gestrickten Socken nach Hause fahren.  Die warme Socken werden mich immer an die herzenswarme Tante Lilo erinnern.

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Probleme mit Toleranz

Wenn jemand meinte, die Pandemie könnte den Raum für Toleranz erweitern, dann hat er sich geirrt. Rassistische Unruhen in den USA, das Stürzen von Denkmälern in Großbritannien und letztens auch in Deutschland, weltanschauliche Konflikte in Sachen LGBT in Polen. Man könnte noch vieles mehr aufzählen.

In all den Konflikten sieht man, dass der Dialog durch ein Diktat ersetzt wird, und zwar eines von beiden Seiten. Dabei sollte doch Dialog bedeuten, dass beide Seiten letztendlich versuchen, sich zu verständigen. Die Atmosphäre des Diktats beider Seiten des Streits wird auf die Straßen verlegt - und das nicht nur in Form von Unruhen und Plünderungen von Geschäften in den USA, sondern auch als allgemeine Stimmungslage auf den Straßen europäischer Städte. In Polen wird das noch untermalt durch die Wahlfolklore. Ich nenne es Folklore vor allem deshalb, denn bei weltanschaulichen Streitigkeiten berufen sich alle auf Emotionen und nicht inhaltliche Argumente.

Paradoxerweise ist es gut, dass der Kampf gegen die Pandemie dazu zwingt, sich mit konkreten Lösungen und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Es hilft nicht, sie auf emotionale Weise zu zerreden, denn wir sprechen hier von Zahlen. Vielleicht sind sie nicht ganz exakt, denn es werden hierzulande immer noch zu wenige Tests durchgeführt, aber sie ermöglichen einen Vergleich. Und bewusste Wahlen verlangen von Wählern eben einen Vergleich, der der Gesellschaft, die so politisiert, gleichzeitig aber politisch so ungebildet ist, Schwierigkeiten bereitet.

Alle diskutieren leidenschaftlich über Politik, aber doch nur wenige engagieren sich ernsthaft in ihr, sodass sowohl die Wahrnehmung der Parteiprogramme als auch deren Evaluierung nur scheinbar geschieht. Um diesen Prozess zu erleichtern, haben wir bereits zu Beginn des Wahlkampfes einen Fragenkatalog an die Kandidaten zum Thema Minderheitenpolitik erstellt. Ich wäre glücklich, wenn ich schreiben könnte, dass zumindest die Mehrheit der Kandidaten dazu Stellung bezogen hat. Leider kann ich das nicht. Nicht ganze zwei Wochen vor der Wahl bleibt Szymon Hołownia der einzige, der auf unsere Fragen geantwortet hat. Dabei könnte man denken, dass die im Titel genannte Toleranz nirgendwo leichter erfahrbar wäre als im Bezug auf die Minderheiten. Es ist nur für diejenigen nicht leicht, für die die Toleranz ein schöner Wahlslogan ist, jedoch Probleme bereitet, wenn Fragen nach Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache, nach zweisprachigen Schildern oder der Unterstützung für die deutsche Kultur und deren kulturellem Erbe auftauchen. Wir warten weiterhin.

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Kreieren einer Realität?

Vor mir liegt der Bericht der Obersten Kontrollkammer Polens (NIK) über den Schutz des materiellen Erbes der nationalen Minderheiten. Ich gebe zu, dass ich ihn noch nicht gründlich studiert habe. Aber ich wurde vor allem auf einen Satz in der Zusammenfassung aufmerksam, dass die Kammer beurteilt, entsprechende Behörden „haben effektiv gehandelt und zum Schutz des kulturellen Erbes der nationalen Minderheiten beigetragen“. Als Entschuldigung kann ich sagen, dass die NIK die Jahre 2016-2019 kontrolliert hat.

Wenn man aber diesen Satz als Beschreibung der Realität nimmt, trägt er Züge des Kreierens einer Parallelwelt. Denn gleichzeitig liegt auf meinem Schreibtisch ein sorgfältig herausgegebenes Werk Hannibal Smokes „Das unsichtbare Niederschlesien. Paläste, die Du nicht mehr sehen kannst“ („Niewidzialny Dolny Śląsk. Pałace, których już nie zobaczysz”). Es ist eigentlich ein Epitaph für 447 Paläste, die zum deutschen Kulturerbe in Schlesien gehören. Die letzten Sätze des Buches lauten: „Man kann schlecht vor der Feststellung flüchten, dass nicht der Krieg und nicht die Rote Armee so verheerend für die niederschlesischen Residenzen gewesen sind, wie unsere Nachkriegsrealität. (…) Die überwältigende Mehrheit von ihnen haben wir dem Erdboden gleich gemacht. Man muss natürlich daran denken, dass nicht wir den größten Krieg begonnen haben (…). Dies ist aber eine unzureichende Erklärung und im 21. Jahrhundert keineswegs ein mildernder Umstand. Vor allem, weil man einen radikalen Wandel nicht sieht. Das wunderbare materielle Erbe Niederschlesiens verschwindet zusehends.“

Mein ganzes Leben lang konnte ich den polnischen Umgang mit Denkmälern in Schlesien, Pommern und Ostpreußen nicht verstehen. Bis 1989 konnte man dafür noch die Politik des totalitären Staates verantwortlich machen, doch wir wissen, dass wohl mehr Baudenkmäler nach diesem Jahr verfallen sind aufgrund von Misswirtschaft, irrationellen Ausverkaufs und  räuberischer Politik der neureichen Eigentümer. Fehlende Regulierungen in Bezug auf das Erbe in deutsch-polnischen bilateralen Verhältnissen führten zum „Todesurteil“ für die meisten von ihnen. Der Bericht der NIK versichert, dass nach dem polnischen Gesetz die Baudenkmäler „geschützt werden, unabhängig von ihrer historischen Herkunft“. Jedoch wird hinzugefügt, dass über ihren Schutz „vor allem der künstlerische, historische und wissenschaftliche Wert“ entscheidet sowie „ihre Bedeutung für die lokalen Gemeinschaften“. Wie eine Entschuldigung klingt dabei die Feststellung im Bericht, dass nach 1945 ein „Nationalitätswechsel“ der Baudenkmäler in Nord- und Westpolen stattgefunden hat. Vielleicht besiegelte ihr Schicksal aber, dass die Baudenkmäler ihre Nationalität nicht gewechselt haben und ihr Deutschtum deutlich hervortrat. Die Schäden, die aufgrund der Entscheidung zum fast gesamten Bevölkerungsaustausch in den Gebieten entstanden sind, hatten auch Einfluss auf das Schicksal der Baudenkmäler.

Doch die Verantwortung für sie kann man im heutigen Polen nicht mit den Worten des Berichtes abtun, dass das Problem des Denkmalschutzes, das nicht mit der Geschichte der lokalen Gemeinschaft verbunden ist, aktuell nicht nur in Polen existiere, sondern in allen Ländern, die von territorialen sowie Bevölkerungsänderungen nach dem Jalta-Abkommen betroffen sind. Deshalb kann es noch lange kein Einverständnis  für eine positive Bewertung der Maßnahmen der Regierung und der Kommunen im Bezug auf den Denkmalschutz in den ehemaligen deutschen Gebieten geben.

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Mögen viele dabei sein

Es ist der zweite Pfingstfeiertag, seit gestern sind die Kirchen wieder ganz offen, auch wenn man dort Masken tragen und die soziale Distanz wahren muss. In der letzten Woche habe ich gehört, dass das vor kurzem sehr bekannt gewordene Robert Koch-Institut prognostiziert, wir könnten die Corona-Pandemie frühestens im Jahr 2023 vergessen. Aber schon am kommenden Sonntag wird man ausnahmsweise in der Oppelner Kathedrale persönlich oder über den Livestream im Internet und den Fernsehsender TVP Opole an der Heiligen Messe für nationale und ethnische Minderheiten teilnehmen können.

Wir haben uns daran gewöhnt, diese Begegnung im Juni als Wallfahrt der Minderheiten zu bezeichnen und wir verbinden sie immer mit dem St. Annaberg. Denn in der dortigen Lourdes-Grotte kommen wir seit Jahren zu Tausenden aus ganz Oberschlesien zusammen. Jedoch nicht seit immer. Dank einiger Gespräche erinnerte ich mich an meine Teilnahme an der ersten Wallfahrt, die in einem anderen Sanktuarium der Hl. Anna, nämlich in Rosenberg, stattgefunden hat. Damals, im Jahr 1995, bei schlechtem Wetter, haben wir als junge Gemeinschaft in einem Zelt für eine Zukunft gebetet, die wir seinerzeit enthusiastisch bewerteten, wenn auch mit ein wenig Unsicherheit. Ich kann mich an den Inhalt der Fürbitten und der Predigt, die gewiss Pfr. Wolfgang Globisch, der Hauptzelebrant, gehalten hat, nicht mehr erinnern. Ich bin aber überzeugt, dass wir viele der Gebete von damals am kommenden Sonntag wiederholen können. Denn trotz vieler Veränderungen im Land und außerhalb, trotz der deutschen Ortsnamen auf vielen Schildern in Schlesien, der Denkmäler für deutsche Gefallene, die wieder im öffentlichen Raum sichtbar sind, des Gedenkens an die Opfer des sowjetischen und polnischen Nachkriegsterrors, wird keine der Veränderungen bis heute voll und ganz akzeptiert.

Bis heute wurde kein deutschsprachiges Schulsystem aufgebaut und der besser oder schlechter laufende Deutschunterricht in Form von einigen Stunden wöchentlich wurde in der letzten Zeit vom Bildungsministerium noch minimiert. Immer noch gibt es neben Pfarrgemeinden, in denen Priester deutschsprachige Gottesdienste feiern, auch solche, wo trotz des Bedürfnisses der Gläubigen dieses nicht erhört wird. Bis heute wurde also der Ballast der kulturellen Diskriminierung der Deutschen in Schlesien, die resigniert oft in den engen Regionalismus flüchten, nicht überwunden. Je mehr die Schlesier mit dem Deutschtum in Verbindung gebracht werden, desto öfter werden sie Objekt des Hasses, der ihnen Jahrzehnte nach der Vertreibung wieder das Recht auf Heimat nehmen will. Siehe den Fall Himmelwitz.

Nach 25 Jahren gibt es vieles, wofür man danken muss, aber es gibt auch gute Gründe, um weiterhin für die Anerkennung und Wertschätzung für sich selbst und die eigene Kultur zu beten. Um die Kraft der Kultur für sich selbst, um eine zuvorkommende Minderheitenpolitik des Staates und die Bekehrung der Hassenden. Seien wir am Sonntag um 9 Uhr zusammen und mögen viele von uns dabei sein.

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Wir fühlen uns verwundet

Diese Kolumne schreibe ich an jenem Tag, an dem trotz Pandemie in ganz Polen versucht wird, Johannes Paul II., der genau vor 100 Jahren geboren wurde, würdig zu gedenken. Zugleich kann man, wenn man sich zur Hasssprache gegenüber Schlesiern äußern möchte, die gerade das Internet überflutet und fast gleichzeitig beide oberschlesischen Woiwodschaften betrifft, vielfach Zitate des Papstes aus seiner Botschaft „Um Frieden zu schaffen, Minderheiten achten“ nutzen.

In einem Teil unserer Region boten Bergarbeiter Anlass zur Hasssprache, da unter ihnen - mehr als im Durchschnitt - Fälle von Corona-Infizierungen vorkommen. In einer anderen Gegend trifft der Hass die deutsche Minderheit, deren Gemeinderätin aus Himmelwitz den Antrag einbrachte, zusätzliche deutschsprachige Schilder am Gemeindegebäude anzubringen. Sowohl die einen wie die anderen sind Schlesier (zumindest werden sie in der allgemeinen Öffentlichkeit so gesehen), daher konzentriert sich ein Hauptaugenmerk des Hasses auf den national-ethnischen Aspekt. Gewiss kommt ein großer Teil der Aussagen von der sog. Generation JPII, daher lege ich ihnen die Lektüre der päpstlichen Botschaft nahe.

Ich möchte mich jedoch auf Hegel berufen, der meinte, das Antriebsrad der Menschheitsgeschichte sei immer der Kampf um Anerkennung gewesen. Doch es reicht nie eine deklarierte Anerkennung allein. Diese muss zu einer konkreten Anerkennung des Heimatrechts, der Gleichheit und des würdigen Umgangs werden. Wenn der Antrag einer Schlesierin in Schlesien für das Recht auf die deutsche Sprache neben der polnischen am Amtsgebäude ihrer Gemeinde Kommentare hervorruft wie „wenn die polnische Sprache nicht gefällt, dann ab zu Merkel, hier braucht sie keiner“ und als Reaktion auf die Erkrankungen unter den schlesischen Bergarbeitern zu lesen ist „nichts passiert, wenn es weniger von ihnen gibt“ oder „endlich stirbt die deutsche Option aus“, dann bedeutet es, dass mit der Anerkennung der gleichen Würde etwas schief läuft. Man muss dabei ehrlicherweise hinzufügen, dass die Mehrheit der Politiker deklariert, sich von einem solchen unbürgerlichen Umgang mit Schlesiern zu distanzieren, doch ich habe das Gefühl, dass die einen es aus Angst vor den Bergarbeitern tun, die anderen wegen des Wahlkampfes und noch andere schweigen.

Obwohl angegriffen, fühle ich keine ökonomische oder juristische Gefahr, aber wir fühlen uns tief verwundet. Nichts tut mehr weh, als die mit Füßen getretene Würde, die zum Nichts-Sein verurteilte Identität, das infrage gestellte Recht auf Heimat. Daher muss sich die Gemeinschaft um diese Werte konsolidieren und dabei die Gedanken Hegels in Erinnerung behalten. Allen, die damit nicht einverstanden sind, zitiere ich Francis Fukuyama: „Wir können vom Denken über uns und unsere Gesellschaft in Identitätskategorien nicht weglaufen. (…) Identität kann man zum Teilen benutzen, aber auch wie früher zur Integration. Dies wird unterm Strich das Mittel gegen den Populismus unserer Zeit sein“.

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Freudige und tragische Jahrestage

Der Maianfang machte deutlich, dass die Menge an Jahrestagen so groß ist, dass manche sich darin nicht mehr zurechtfinden. Manche Jahrestage wurden vergessen, bei anderen wird übertrieben oder zumindest nicht zu Ende nachgedacht. Schauen wir nur auf zwei von ihnen.

Viele haben den 1. Mai als folgenden Jahrestag der EU-Erweiterung vergessen, deren der Nutznießer u.a. Schlesien gewesen ist. Vor 16 Jahren wurden alle Teile Schlesiens sowie die Staaten, auf die die Region aufgeteilt wurde, Mitglied einer Gemeinschaft. Die Staatsgrenzen sind nicht verschwunden, aber im Schengener Abkommen verschwand ihr repressiver Charakter. An diesem Tag war es wichtig, in zwei Zitate der Schuman-Erklärung hinein zu hören, der die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) für Kohle und Stahl als ersten Schritt zum Entstehen einer europäischen Föderation angesehen hat. Dieser Weg dauert nun schon lange an, sein Sinn aber hat sich bewahrheitet. Schuman sagte, „ohne Europa haben wir Krieg gehabt“. Es hat sich gezeigt, dass allein die Bildung einer Gemeinschaft uns seit Jahrzehnten Frieden bescherte. Den Gegnern des Integrationsprozesses und den Befürwortern der Überlegenheit der nationalen Interessen gegenüber den gemeinschaftlichen sollte dies in Erinnerung gerufen werden.

Man muss den Kritikern aber auch sagen, dass „Europa nicht sofort und nicht als Ganzes“ entsteht. Die Entstehung von Europa ist die Überwindung vieler Teilungen, wie die in Schlesien im Jahr 1921. Sie waren immer verschuldet. Während einige immer noch unreflektiert Anfang Mai die Helden des vermeintlichen „Aufstandes des schlesischen Volkes“ ehren, sollten sie dies bereits mit neuen Forschungsarbeiten polnischer Historiker vergleichen. Sie sprechen mutig davon, dass der Blick auf die Aufstände, vor allem aber auf den dritten, sich ändern müsse. Prof. Kaczmarek nennt sie einen unbekannten „deutsch-polnischen Krieg“ und die These, dass es eher ein polnischer Aufstand in Schlesien und kein schlesischer Aufstand gewesen ist, ist ihm nicht fremd. Die Eliten der Aufstände aus Schlesien erhielten seit langem einen Sold aus Polen. Neben einer diplomatischen Aktion war es eine großangelegte Aktion des polnischen Militärgeheimdienstes, dessen Ergebnis der Transport von Soldaten nach Schlesien (entgegen den internationalen Regelungen), von Waffen und Offizieren war - alles unter dem Deckmantel eines Bruderkampfes unter den Schlesiern selbst.

Ich hatte Anteil daran, dass bei seinem Besuch auf dem Annaberg der damalige Staatspräsident Komorowski auch die deutschen Oberschlesier ehrte, die den Berg und ganz Schlesien verteidigten in der Überzeugung, ein Recht zu haben auf dessen Verteidigung und den Traum, die Region möge bei Deutschland verbleiben. Deshalb kann man heute, aus der Perspektive des sich vereinenden Europas, das Gedenken an den Kampf um Schlesien von vor 100 Jahren nicht im alten Stil begehen. Das sich auf dem Annaberg befindende Denkmal steht an der Stelle des nach dem Krieg gesprengten Mausoleums zu Ehren der deutschen Verteidiger des Berges. Möge eines Tages aus beiden Denkmälern ein gemeinsames entstehen, das aller Gefallenen gedenkt, die in den Kampf geführt wurden von Politikern, die ihrerseits eine Grenzveränderung entgegen der Ergebnisse der Volksabstimmung herbeiführen wollten, dabei aber ruhig in ihren Amtszimmern in Warschau, Posen, Paris oder wo auch immer saßen.

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Das Land nach dem 10. Mai

Seit einigen Wochen versuche ich, politische Themen zu vermeiden, doch so ganz geht es nicht. Vor Kurzem habe ich darüber geschrieben, dass die polnischen Nachrichten, die schon immer einen Hang zu Provinzialität und einem Übersehen der globalen Probleme hatten, in Zeiten der Pandemie gänzlich egoistisch wurden. Auf einmal bemerkten sie nicht die Tragödie des Hungers in der Welt, der Flüchtlinge in Griechenland und des Konfliktes in der Ukraine. In der letzten Zeit hat sogar die Pandemie an Bedeutung verloren und man hat den Anschein, dass sich die ganze Welt um die Präsidentenwahl in Polen dreht. Doch in der Allgemeinheit,  sowohl in den Medien als auch unter den Menschen, liegt der Akzent eher auf der epidemiologischen Gefahr bei der Durchführung der Wahl. So verliert die Diskussion an Rationalität.

Klar sind die Pandemie und die Ansteckungsgefahr während der Wahl von immenser Bedeutung. Doch  paradoxerweise spielt für den Kern der Wahl in einem demokratischen Land die Frage, wie lange das Virus auf einem Blatt Papier überdauert, eine untergeordnete Rolle. Denn mit hygienischer Vorsorge kann man gewiss erreichen, dass niemand direkt gefährdet wird. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass die Pandemie in den letzten Wochen dazu führte,  dass die wichtigste Voraussetzung für eine demokratische Wahl nicht erfüllt wurde, nämlich die Informationen und die Möglichkeit, sich mit den Wahlprogrammen der Kandidaten vertraut zu machen. 

Wahlen sollten allgemein, geheim, direkt und gleich sein. Durch Manipulationen am Wahlgesetz, die Art ihrer Durchführung und die Degradierung der Polnischen Wahlkommission ist die Allgemeinheit, Geheimhaltung und Direktheit gefährdet. Auch, wenn dem nicht so wäre, kann man den Grundsatz der Gleichheit der Kandidaten nicht wiederherstellen. Die Möglichkeit, einen Wahlkampf zu führen durch den amtierenden Präsidenten, wenn gleichzeitig für die anderen Kandidaten Beschränkungen gelten, führt zu einer Situation, in der sich das Wissen der Bürger über die Kandidaten auf einige Namen beschränkt. Nach der Anzahl der Kandidaten gefragt, gibt jeder die Zahl fünf oder sechs an, dabei stellen sich letztendlich zehn Personen zur Wahl.

Haben die weniger bekannten Kandidaten irgendeine Chance, um in der Situation von Versammlungsverboten, Reisebeschränkungen und einem fehlenden Zugang zu zentralen Medien die Wähler zu erreichen? Ermöglicht die Reduzierung des Wahlkampfes zum Streit, ob, wie und wann die Wahl  durchgeführt wird, dass man sich mit dem Programm der Kandidaten vertraut machen kann? Motivierte die Situation die Kandidaten dazu, überhaupt ein Programm zu schreiben? Auf diese Fragen muss man ehrlich mit Nein antworten. Und das bedeutet, dass ich als Wähler meines Rechtes auf rationelle Analyse und bewusste Entscheidung beraubt wurde, womit der Sinn solcher einer Wahl und einer Teilnahme daran in Zweifel steht. Was wird die Wahl  nun sein, wenn sie stattfindet? Und was wird aus einem Land, in dem der Präsident auf diese Art gewählt wurde?

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Erinnerung an Leppich

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig entdeckt, dass am 16. April vor 105 Jahren O/S Pater Johannes Leppich in Ratibor geboren wurde. Auch wenn heute viele schon gar nichts mehr über ihn wissen, gehörte er seinerzeit absolut zum Kreis der bekannten Oberschlesier. Auch mir war er bekannt, obwohl ich nie eine Möglichkeit hatte, ihn persönlich zu treffen. Leider war ich am 20. Juli 1990 nicht in Lubowitz anwesend, als Pater Leppich vor der Eichendorff- Schlossruine, im Rahmen der großen Europakundgebung mit Otto von Habsburg an der Spitze, gepredigt hat. Damals war dort die Rede von Oberschlesien als „Südtirol des Ostens“ gewesen.

Zwei Jahre später starb Pater Leppich in Münster. Aber mir blieb er seit den Kindheitstagen in Erinnerung, und zwar als Stimme auf Schallplatten, später auf Tonbändern und Kassetten mit den Aufnahmen seiner Predigen aus deutschen Städten,  mit Strassengeräuschen im Hintergrund. Diese Aufnahmen wurden in den schlesischen Häusern mit Frömmigkeit gehört. Der Name “Strassenprediger” war für uns, im damaligen totalitären Staat Lebende, ein Synonym für Religionserweckung und Religionsfreiheit zugleich.

Als Pater Leppich in den 50er und 60er Jahren nicht nur vom Dach eines Autos, sondern sogar von einem Tisch auf der Hamburger Reeperbahn predigte, herrschte in Polen ein Kampf der Partei gegen die Kirche. Kardinal Wyszyński war festgenommen, das Bild der schwarzen Madonna war in Tschenstochau eingesperrt, die Pfarrer wurden bestraft für nicht bezahlte Mieten, eine Gruppe der sog. Patrioten-Priester war eine Gefahr innerhalb der Kirche. Nicht denkbar war, dass ein Priester irgendwo an einer Kreuzung predigte, ohne festgenommen zu werden. Dazu kam noch der Stolz, dass Pater Leppich als Schlesier in Deutschland von Tausenden gehört wurde, verbunden mit der Annahme, seine harte Kritik des Konsumptionismus als indirekte Bestätigung unseres Verbleibs in Schlesien, wo noch die traditionellen Werte lebendig waren, als richtige Entscheidung zu bewerten.

In diesem Zusammenhang sehe ich ein Bild der geschlossenen Küche, wo meistens rund um den Tisch die Frauen saßen und mit roten Backen ängstlich, ob nicht ein Spitzel an der Straße die deutsche Sprache hört, still die raue Stimme Leppichs aus dem Grammophon kontemplierten. Eines Tages erklärte er, dass er an derartig ungewöhnlichen Orten predigte, weil er „ an ein Publikum heran muss, das keinen Weihrauch mehr riechen kann“.  In der Zeit der Pandemie, wo alle in geschlossenen Wohnungen sitzen, in der die Kirchen so wie auch Restaurants leer sind, führt die Erinnerung zu solchen Bildern zurück.

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