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Was verbindet uns?

Vor einer Woche habe ich ein Feuilleton über Deutsche in Kasachstan angekündigt. Als ich sie besuchte, versuchte ich immer, die Titelfrage zu stellen: Was verbindet uns? Entscheiden Sie selbst.

Die deutsche Bevölkerung tauchte in den kasachischen Steppen aufgrund der Deportation der Deutschen aus dem Gebiet der UdSSR im Jahr 1941 auf. Ihre Wurzeln reichen zwar in deutsche Lande des 18. Jahrhunderts, doch deportiert wurden sie von der Krim, der Ukraine, Georgien und vor allem von den Ufern der Wolga. Als dann die Sowjetunion zusammenbrach, trennte sich, neben vielen anderen Ländern, von Russland auch Kasachstan, wo damals eine Million Deutsche lebten.  Sie sind vom Terror gebrochen, von der Deportation und der späteren sprachlichen Diskriminierung, die dazu führte, dass die aussterbende Generation der Großeltern die letzte war, die Deutsch im Alltag gesprochen hat.

Durch die deutsche Politik gegenüber den deutschen Minderheiten in Osteuropa und der ehemaligen UdSSR, versuchen in den folgenden Jahren deutsche Familien massenweise das Land gen Westen zu verlassen. So blieben heute in Kasachstan ca. 180.000 Deutsche. Viele von ihnen bereiten sich aber auch heute zur Ausreise nach Deutschland vor, was allerdings deutsche Sprachkenntnisse und ein Wissen um die Kultur und Geschichte des Landes erfordert. Eine Ausreise als Spätaussiedler wird erst möglich, wenn man eine Art Prüfung in der deutschen Botschaft abgelegt hat. Zur Sonntagsschule in der Hauptstadt des Landes gehen deshalb auch Kinder aus Familien, die eine Ausreise geplant haben.

Infolge der Ausreisen sinkt die Zahl der Deutschen in Kasachstan stetig, doch ich bin auch Menschen begegnet, die aus Deutschland zurückgekehrt sind und der Minderheit mit ihren Sprachkenntnissen hervorragend dienen. Die Sprache ist die Achillesferse, nach Jahren der Diskriminierung und der heutigen Verdrängung der Sprache aus den Schulen. In der Hauptstadt gibt es sowohl in der katholischen als auch evangelischen Kirche keine Gottesdienste in deutscher Sprache, weil es - wie man mir sagte - keine Gläubigen gäbe, die diese Sprache beherrschen würden. Ähnlich ergeht es der polnischen Sprache, obwohl dort viele Polen leben. Es kommt vor, dass ein deutschsprachiger Gottesdienst auf dem Land stattfindet. Leider konnte ich kein einziges deutsches Dorf besuchen, obwohl sogar die Taxifahrer mir erzählten, dass es die schönsten Dörfer im Land waren. Waren, denn wegen der Ausgereisten bleiben sie zumeist nun verlassen.

Meine Gesprächspartner in der Zentrale der deutschen Minderheit konzentrieren sich auf die Realisierung von Projekten in 21 regionalen deutschen Organisationen und legen dabei besonderen Wert auf die Jugend und die Sprache. Gleichzeitig überlegen sie, wie sie die Migration ihrer Mitglieder nach Deutschland verhindern könnten, vor allem, weil viele von ihnen dies nicht aus wirtschaftliche Gründen tun, sondern um ihren Kindern nicht den Weg "in die Zukunft" zu verbauen.

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Geschichtsstrang

Eine alte Weisheit besagt, dass Reisen bildet. Wichtiger wäre wohl zu sagen, dass Reisen Stereotypen abbaut. Zu diesen gehört wahrscheinlich das allgemeine  Denken über Kasachstan, das wir mit dem sowjetischen Erbe, der Rückständigkeit Zentralasiens, der Deportation von Deutschen und Polen im Krieg sowie manchmal mit Diktatur in Verbindung bringen, da ja dort seit 28 Jahren Nursultan Nasarbajew regiert.

Aufgrund meines dreitägigen Besuches in der Hauptstadt des Landes bin ich keineswegs Experte, meine Stereotypen wurden aber auf jeden Fall gebrochen. Die Moderne und die Entwicklung in einem bis dahin ungesehenen Grad imponieren. Die neue Stadt mit Regierungszentrum entstand aus den Visionen des Präsidenten dort, wo noch vor einigen Jahren Steppe gewesen ist. Heute ragen dort moderne Wolkenkratzer in den Himmel. Die Vision des Präsidenten basiert auf einem Geschichtsstrang, den ich aus einer Höhe von 25 Metern sehen konnte. Im Zentrum steht die Unabhängigkeitssäule, die den Wendepunkt der Geschichte der Kasachen markiert. Von Beginn an lebte dieses Nomadenvolk in einer unbestimmbaren Welt, was die relativ chaotische, wenn auch moderne Bebauung veranschaulicht. Von da an wird alles systematisch und verläuft in einer geraden Linie bis zum Sitz der Regierung, des Parlaments und des Präsidenten sowie dem Palast der Religion in Form einer Pyramide  und dem Palast des Volkes.

In dieser Stadt erfuhr ich vielmals die traditionelle Gastfreundschaft und Offenheit der Kasachen, die seit 1991 in einem permanenten politischen, gesellschaftlichen und sprachlichen Umbruch leben. Die Unabhängigkeit war von Anfang an ein friedlicher Prozess,  aber doch ein Ausbruch aus der Abhängigkeit von Russland und einer Öffnung auf die Welt. Die Bedeutung dessen ist nicht nur mit der Wirtschaft verbunden, sondern auch mit der Kultur des Landes, das zu 70% von Kasachen und zu 25% von ethnischen Russen bevölkert wird. Gleichzeitig sprechen nur etwa 30% der Bürger kasachisch.

Die dominierende Rolle der russischen Sprache führt dazu, dass die Kulturpolitik auf die Popularisierung der kasachischen Sprache eingestellt ist, was, neben dem Rang des Englischen als Weltsprache, vor allem den dortigen Deutschen Sorgen bereitet. Denn dadurch wird das Deutsche, früher so beliebt, dass jedes Jahr 300.000 Schüler diese Sprache als erste Fremdsprache gelernt haben, heute nur auf Rang vier ist. Mehr über die Begegnungen mit den Kasachstandeutschen - und nicht nur - schreibe ich in der kommenden Woche.

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