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Diebe des Geistes

In der vergangenen Woche wurde der Philosoph und Ideenhistoriker Marcin Król Held eines der wichtigsten Gespräche in der polnischen öffentlichen Debatte. Er meinte, die größte Schuld der Vertreter der Regierungspartei sei es, dass sie zu Dieben des Geistes wurden. Sie wurden zu denjenigen, die versuchen, aus Menschen eine gedankenlose Masse zu machen. Deswegen berauben sie die Menschen einer wirklichen Verbindung zur Tradition, des Patriotismus und der nationalen Kultur.

Prof. Król sagte dies, obwohl wir es seit Jahren mit einem Ausbruch von vermeintlich patriotischen Inhalten zu tun haben. Er deutete also indirekt auf den grundlegenden Unterschied zwischen einem authentischen Patriotismus und dem Nationalismus hin. Der Philosoph unterstrich in seinen Überlegungen zum Niveau der politischen Klasse, nicht nur in Polen, dass es an Politikern fehle, die in sich Intelligenz, geistige Entwicklung und Wirksamkeit vereinen würden. Als Beispiel eines Politikers, der all diese Fähigkeiten besaß, nannte er Otto von Bismarck. In ihm hat er sowohl Geduld (20 Jahre des Wartens auf seine Zeit), als auch die Liebe zur Kunst (Umgang mit Poesie) und eigene Visionen gesehen. Uns Deutschen sollte diese hohe Bewertung für den deutschen Politiker und Reformer, der wirksam einen modernen und gerechten Staat mit einem Sozialsystem und einer allgemeinen Schulpflicht aufgebaut hat, nicht entgehen.

Prof. Król sprach über Polen, doch es ist leicht, Analogien zur Situation in Deutschland zu finden, vor allem, als er die oppositionellen Kandidaten für das Präsidentenamt kritisierte und meinte, sie seien ausdruckslos und wiederholen den völlig unrealistischen Slogan "Präsident aller Polen sein zu wollen". Es ist für die Wähler demotivierend, wenn sie in einem gespaltenen Land unrealistische Signale vom Kampf um alles hören, statt vom Ringen um eine klare Mehrheit. Auch in Deutschland bezeichnen sich die meisten als Politiker der Mitte, dabei erwarten doch die Wähler, dass die einen sozialdemokratisch und die anderen konservativ sind, dass sie sich unterscheiden, um eine Wahl zu haben und nicht eine ideenlose Mitte zwischen den Extremen bilden.

Das scheint ein deutscher ungewollter Diebstahl des Geistes zu sein, der auch dort einen wirklichen Patriotismus, Verbindung zu Tradition und nationaler Kultur raubt. Hier können wir, zumindest teilweise, die Gründe in verwundernden symbolischen Ereignissen sehen, wie der hohen Wahrscheinlichkeit, dass einerseits in Gelsenkirchen ein Denkmal Wladimir I. Lenins errichtet wird, andererseits der Berliner Senat Paul von Hindenburg aus der Liste der Ehrenbürger streichen ließ.

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