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"Gänzlich ein Schlesier, gänzlich ein Deutscher" - zum 233. Geburtstag von Joseph von Eichendorff

Am vergangenen Sonntag fand im Oberschlesischen Kultur- und Begegnungszentrum von Joseph von Eichendorff in Lubowitz eine Gedenkfeier anlässlich des 233. Geburtstags des Dichters. Die Veranstaltung begleitete ein Konzert und ein gelegentlicher Vortrag des Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Bernard Gaida. Wir empfehlen, einen Videobericht aus der Veranstaltung zu verfolgen und sich mit dem Inhalt des Vortrags vertraut zu machen (Video unten). Die Auszüge aus dem Vortrag präsentieren wir hier:

Ich möchte meine Rede in den Worten des deutschen Denkers Wilhelm von Humboldt verankern. (...) Er war es, der mit erstaunlicher Präzision sagte: "Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache. Sie bestimmt die Sehnsucht danach, und die Entfernung vom Heimischen geht immer durch die Sprache am schnellsten." – Waren diese Worte für uns in Schlesien nicht prophetisch? Ist das nicht das, womit wir zu tun haben? Sollten wir nicht ständig darüber reden, zu Hause, in Familien? Hat die Verleugnung der deutschen Sprache aus dem schlesischen Raum ihr die wesentlichen Attribute der Heimat für uns entzogen? Lässt sich der Massenexodus der Schlesier nach Deutschland nur auf die Wirtschaft reduzieren? Oder wegen der Plünderung eines wichtigen Teils des schlesischen Erbes, der auf der Sprache gewachsen war, führte Humboldt zu dem, was er "Entfernung vom Heimischen" nannte.

(...) Ich werde indirekt zu Eichendorff gehen, und zwar dazu, wie mit seiner Person - im Grunde genommen zu den ideologischen Zwecken - manipuliert wurde. Nun, als ich darüber nachgedacht habe, die Herausforderung anzunehmen, die mir Paul Ryborz [Leiter des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Bildungszentrums in Lubowitz] stellte, fand ich auf Facebook auf einer der Hunderten von Seiten der oberschlesischen Herkunft, hier so geschätzt, das Ratiborer Bild eines jungen Eichendorff sitzend auf einem Eichenstamm, aus dessen Mund eine Sprechblase mit [angeblichen] Worten [des Dichters] erscheint: „Moi rostomili, mimo co Niemce godajum, co jo je niemiecki poeta jo zowdy godou co żech je Ślunzok ino żech pisoł po niemiecku!” [ "Meine Lieben, trotz dem, was die Deutschen sagen, dass ich ein deutscher Dichter bin, habe ich doch seit eher gesagt: Ich bin Schlesier, ich schreibe nur auf Deutsch!" ]

(...) Wir leben in einer Zeit der ungestraften Entbehrung vieler und Missachtung wichtiger Dinge. In Schlesien tragen wir nach Jahrzehnten des Kampfes gegen alles Deutsche bis heute dessen Folgen. (...) In diesem "wahrscheinlichen Zitat" von Eichendorff bestätigt er nicht so viel sein Schlesiertum, sondern er bestreitet eher sein Deutschtum. Das aber ist die Annahme vieler der heutigen Schlesier (...). Nach Jahrzehnten des Auslöschens von allem, was Deutsch ist, was in den Lehrprogrammen immer noch sichtbar ist, befinden wir uns in einer neuen Gefahr: dass die deutsche Kultur oder Geschichte zurückkehren werden, aber dass wir nach Jahren der Entdeutschung Schlesiens durch die Dominanz des einzig legitimen Polentums paradoxerweise einer weiteren Entdeutschung ausgesetzt werden: indem das Deutschtum den Menschen und ihren Werken verweigert wird. Und zwar von Menschen, die über frühere Handlungen des Staates empört waren. (...) Daher muss dieses Reichtum und diese weite Sichtweise zugunsten Schlesiens wieder aufgebaut werden.

Zu diesem Reichtum gehören Eichendorff, Hauptmann und schlesische Nobelpreisträger; aber solange, wie wir in unserer Mentalität zulassen, dass sie das sind, was sie waren: sowohl Deutsche als auch Schlesier. Wenn wir sie lediglich auf Schlesien reduzieren und sie als "deutschsprachige" Künstler aus Schlesien anfangen zu bezeichnen, werden wir auch Schlesien verarmen lassen. Aber ohne sie gibt es keine schlesische Identität, denn ohne ihren Multikulturalismus, ohne Mehrsprachigkeit, ohne Deutschsein und hier im Süden ohne mährische Fäden, wird sie nicht schlesisch sein. Eichendorff war authentisch: schlesisch und deutsch zugleich.

(...) Unser Dichter war gänzlich ein Schlesier und gänzlich ein Deutscher. Und es geht hier nicht um die deutsche Staatlichkeit. Denn nur mit einem solchen Eichendorff, mit einem solchen Hauptmann und mit einem solchen Angelus Silesius wird die schlesische Identität vollständig sein und wird sie imstande sein, für viele Generationen zu überleben.

Lernen wir solches Schlesiertum von ihnen: offen, breit, zukunftsweisend. Und lassen wir es nicht eingrenzen, was sie sehr breit empfunden haben, indem sie sich genauso in Schlesien wie in Halle oder Königsberg zu Hause gefühlt haben.

Schlesien muss endlich jeden akzeptieren wie er war oder wie es ist, und nicht wieder die Identität eines Menschen ändern, auch wenn in eine andere Richtung. Schlesiertum und Deutschtum sind sehr offene Begriffe, also lassen Sie mich akzeptiert werden, wenn ich sage, dass ich kein deutscher Schlesier oder kein schlesischer Deutscher bin. Denn ich bin zu hundert Prozent das eine und zugleich zu hundert Prozent das andere. Und wenn Janosch sagt, dass er "weder Deutscher noch Pole ist und schon gar nicht Oberschlesier", dann drängen wir ihm nichts auf. Auch wenn er andermal etwas anderes gesagt hat. Denn dieses reiche Schlesien ist reich daran, dass jeder hier das Recht hatte, anders zu sein. Und so respektiert zu sein, wie er war.

So indem wir uns um den richtigen Platz des Deutschtums in uns selbst kümmern werden, werden wir auch uns um seinen Platz in Schlesien zwischen den anderen kümmern. Das heißt um das wirkliche Schlesien, das der Dichter mit den Worten einschloss:   

"So lass uns unser Deutschland denn umstellen,
Bewachend brüderlich in treuen Hut,
Mit Lehren, Rat und Sang die Herzen schwellen,
Das sie bewahren rein die heil'ge Glut,
Den Ernst, den sie erkämpft in Bluteswellen,
Der Ehre Hort, Eintracht und freudigen Mut!"

„Ich habe keine Angst“

Als was fühlen Sie sich: ein Deutscher, ein Schlesier, ein Pole, ein deutscher Schlesier?

Ich mag den adjektivischen Begriff nicht. Ich fühle mich zu 100 Prozent als Deutscher und natürlich bin ich auch zu 100 Prozent ein Schlesier. Für mich sind das komplementäre Begriffe, die sich nicht gegenseitig ausschließen! (...)

Was bedeutet es für Sie, Deutscher zu sein?

Ein Deutscher in Polen zu sein ist anders als ein Deutscher in Deutschland. In Deutschland lebt man, trotz der allgegenwärtigen Multikulturalität, von Deutschtum umgeben. Dieses ist wie Luft, man denkt nicht darüber nach, solange man es nicht vermisst. Die Deutschen in Polen sind in einer anderen Situation. Um das Deutschtum um uns herum zu haben, müssen wir es organisieren, zum Beispiel indem wir den Fernseher auf ein deutsches Programm umstellen. Wir müssen uns auch mal die Mühe machen, ein deutsches Buch zu kaufen oder eine CD mit deutscher Musik aufzulegen, die ich normalerweise kaufe, wenn ich in Deutschland bin. Für mich bedeutet das Deutschsein in Polen also eine gewisse Anstrengung, weshalb ich gerne den polnischen messianischen Philosophen Karol Libelt zitiere, der einmal schrieb: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“. Vielleicht hat es Goethe im „Faust“ noch besser ausgedrückt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Das bedeutet, dass es nicht so ist, dass das Erbe, das wir in unserer Jugend von unseren Eltern erhalten haben, für immer in uns bleibt. Wenn wir es erhalten wollen, müssen wir uns bemühen, ihm etwas zu geben, wovon es zehren kann. Deshalb ist es mir wichtig, was ich lese, sehe und höre.

Sie haben einmal gesagt, dass man auch versuchen sollte, so viel wie möglich Deutsch zu sprechen. Warum so viel wie möglich?

Weil die Fähigkeiten der verschiedenen Generationen sich in dieser Hinsicht deutlich voneinander unterscheiden. Um die Fähigkeit zu erwerben, sich in der deutschen Sprache zu verständigen, braucht man aber auch den oben erwähnten Aufwand – und das habe ich getan. Ich habe das für mich getan und nachdem ich eine Familie hatte, habe ich versucht, das in meiner Familie zu tun. Dabei gehöre ich ja zu der Generation, die in der Schule keine einzige Deutschstunde haben konnte. Natürlich kann ich nicht sagen, dass ich nur Deutsch gesprochen habe, aber in meiner Familie, auch dank meiner Großeltern, gab es viel davon, durch Geschichten, die den Kindern auf Deutsch vorgelesen wurden, Bücher, Schallplatten, deutsches Fernsehen, einfache Gespräche mit den Kindern, Radiohören auf Deutsch. Das Ergebnis ist, dass meine drei Söhne heute perfekt Deutsch sprechen und den Gedanken der zweisprachigen Erziehung auf ihre Familien übertragen haben. Das gibt mir die Hoffnung, dass die nächste Generation zweisprachig sein wird und sich der deutschen Kultur stark zugehörig fühlt!

Allerdings ist es nicht einfach, in Polen Deutscher zu sein. Lohnt es sich, sich zum Deutschsein zu bekennen?

Ich bin kein Opportunist. Ein Opportunist verheimlicht seine Herkunft, wenn er auf der Straße oder in einem Geschäft merkt, dass eine Person, die Deutsch spricht, mit feindseligen Augen angeschaut wird. Ein Opportunist wird auch sein Deutschsein verbergen, wenn er z. B. beleidigende Kommentare in einem Internetforum oder auf Facebook Angriffe auf Deutsche sieht, weil er dann Angst hat. Ich habe keine Angst! Ich habe meine Rechte. Heute, im Gegensatz zurzeit der Volksrepublik Polen, ist es für uns einfacher, denn dank der Demokratie und der Zugehörigkeit zur EU fühlen wir uns durch das europäische Recht und die Sitten unterstützt. Die EU basiert auf dem Prinzip der kooperierenden Vielfalt. Deshalb gibt uns dieses Recht auch die Freiheit, uns zu bekennen. Aber es zwingt uns nicht dazu. Das Bekenntnis ist unsere eigene Entscheidung! Wenn ich in Wahrheit mit meinem Deutschsein zu mir selbst stehe, sollte ich mit der gleichen Wahrheit auch zu anderen stehen.

Die Volkszählung ist nun eine perfekte Gelegenheit.

Ganz genau. Und es ist ein Test der eigenen Wahrheit durch jeden von uns persönlich. Deshalb schreiben wir auf unseren Flyer: „Du zählst!“. Damit lenken wir die Aufmerksamkeit darauf, dass Du ganz konkret zählst – Du, nicht irgendeine Masse. Es hängt nun von Dir ab, wie Du dich definierst. (...)

Mit Bernard Gaida, dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen und Chef der AGDM in Europa, sprach Krzysztof Świerc.

Voller Inhalt des Gespräches: Wochenblatt.pl

Deutsch von zwei Seiten

Als ich mich an diese Kolumne einen Tag nach dem von der UNESCO initiierten Tag der Muttersprache machte, schaute ich auf den Facebook-Verlauf der vergangenen Tage. Wir haben uns mit dem Stand des Deutschunterrichts als Muttersprache beschäftigt, die ja Trägerin der Identität ist. Der Grund dafür war zu wiederholen, dass so lange Zeit nach der von Polen ratifizierten Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen im Jahr 2009 die Regierung keinen ambitionierten Plan zur Gründung von Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache hatte und es auch in den weiteren Jahren keine Spur solcher Initiativen gab. Vor dem Hintergrund jahrelanger Vernachlässigungen in diesem Bereich „verdammt“ die Ablehnung der Europäischen Bürgerinitiative Minority SafePack die nationalen Minderheiten in Polen und einigen anderen Ländern zum weiteren Stillstand.

Doch es ist auf der anderen Seite schwierig, die jetzige Situation der deutschen Sprache mit der Zeit der Volksrepublik Polen zu vergleichen, als das Lehren und Lernen und sogar der Gebrauch der deutschen Sprache in Schlesien verboten gewesen ist, gleichzeitig in anderen Teilen des Landes in den Oberschulen der Deutschunterricht bevorzugt wurde… mehr noch als das Englische. Wir haben gezeigt, dass es trotz fehlender Schulen mit Deutsch als Unterrichtsprache junge Menschen gibt, die trotz weniger Deutschstunden wöchentlich, diese Sprache gebrauchen können, was gut im Videobeitrag des Wochenblatt.pl über Julia Chrobok zu sehen ist. Gesprochen und… gesungen. Das hängt also von der individuellen Liebe zur deutschen Sprache. In dieser Zeitung wurde auch die unverständliche Situation im Innenministeriums beschrieben, wo es zu Verzögerungen bei der Bearbeitung von Anträgen von vier Gemeinden auf zweisprachige, deutsch-polnische Ortsschilder kommt. Gut, dass die Zeitung daran erinnert nach dem kuriosen Angriff des Abgeordneten (aber nicht mehr Staatssekretär) Janusz Kowalski auf zweisprachige Schilder an den Bahnstationen in der Gemeinde Chronstau.

Ist also die Situation der deutschen Sprache in einem Land, das internationale Abkommen zum Schutz nationaler Minderheiten und deren Sprache ratifiziert hatte, gut? Ich denke, es liegt noch ein weiter Weg zur Zufriedenheit vor uns, wenn bei den Feierlichkeiten am Samstag in Laband zum Gedenken der Deportationen der Deutschen aus Schlesien zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion bei der zweisprachigen Messe während der Predigt jemand laut ruft, dass hier Polen sei und man nur auf Polnisch beten dürfe. Mein Medikament gegen schlechtes Befinden nach dieser Situation war ein Gespräch mit einem jungen, engagierten und sehr gut deutsch sprechenden Mitglied der Minderheit aus Rybnik, aber auch … mit meiner eigenen Enkelin. Sie hörte dem Opa zu, als er davon erzählte, dass Guttentag früher in Deutschland lag und hier alle einmal Deutsch gesprochen haben und antwortete nach einer kurzen Überlegung: „Ah… Deshalb spreche auch ich Deutsch“.

Bernard Gaida

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Armin Laschet, ein neues Kapitel

Die Wahl des Vorsitzenden der CDU, einer Partei, die Friedrich Merz als die letzte christliche Volkspartei Europas bezeichnete, ist abgeschlossen. Es bringt also nichts, in der Zeitung der Deutschen in Polen zu überlegen und zu analysieren: „Was wäre, wenn“. Einerseits sind die Medien voll von Parolen, dass die Wahl der Parteiapparat, und nicht ihre Basis getroffen hat sowie dass dies das Ende der CDU-Partei ist. Andererseits aber – dass es eine Wahl ist, die den Erfolg der letzten 16 Jahre der Regierung von Bundeskanzlerin Merkel fortzusetzen hat.

Ich habe 2018 in Aachen persönlich mit Armin Laschet gesprochen. Das war lediglich ein kurzes Gespräch bei der Verleihung des Polonicus-Preises an Donald Tusk. In diesem Zusammenhang ist es wert zu erwähnen, dass einer der wenigen Gäste des online-Parteitags der CDU gerade Donald Tusk war. Und ähnlich wie damals in Aachen äußerte er seine Gedanken über die EU, ihre Werte und die Rolle von Deutschland in dieser Gemeinschaft. Gestern bedankte er sich für die standhafte, pro-europäische Haltung der CDU, für ihre Geduld und Kreativität angesichts der EU-Probleme, aber auch für ihre Anständigkeit. Er betonte, dass es heute selten ist, eine Partei als anständig zu bezeichnen.

Zurück zu Laschet: Nach unserer Ansicht einer Minderheit muss man betonen, dass − selbst wenn ihm vorgeworfen wird, nicht das Charisma zu haben, das zum Gewinn des Vertrauens der Deutschen nötig ist − bedeutet seine Wahl eine Fortsetzung. Eine Fortsetzung, die er selbst in seinen Worten betont hat: Dass die CDU eine Partei der Mitte bleiben muss. In den letzten Dutzend Jahren hatte die Unterstützung für uns in Minderheiten lebende Deutschen in allen Regierungskoalitionsprogrammen ihren Platz. Als ich mit der Arbeit am neuen CDU-Basisprogramm begann, wandte ich mich an die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, besorgt darüber, dass ich unter den Hauptthemen einer breiten Debatte nicht das Thema der Vertriebenen oder der Verantwortung für die Minderheiten finden konnte. Ich wurde damals versichert, dass dieses Thema so tief verwurzelt ist, dass es niemals aus der CDU-Optik verschwinden wird.

Diese unsere Erwartung geht auf Armin Laschet über. Und irgendwie bin ich ruhiger, denn seine Regierung von NRW die Mitarbeit mit der deutschen Minderheit als unverzichtbaren Element des Partnerschaftsabkommens mit Woiwodschaft Schlesien eingetragen hat. Selbst das zeigt, dass ich in ihm eine für uns offene Person erwarte. Und was für welche Position die CDU nach neuen Bundestagswahlen haben wird, ist ein anderes Thema.

Bernard Gaida

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Erinnerung muss das einzige Ziel sein

Als ich die Bemühungen der deutschen Initiatoren einer Idee beobachtete, polnische Opfer der Besatzungszeit in Berlin durch Errichtung eines Denkmals zu würdigen, habe ich vermutet, dass es zu Zwietracht kommen könnte. Trotz der Pandemie gelang es mir, Ende September den Bundestag zu besuchen, wobei ich in Gesprächen mit manchen Abgeordneten eine ähnliche Besorgnis wahrnahm. Zu diesem Zeitpunkt war jedoch bereits sicher, dass nahezu alle parlamentarische Fraktionen für den, wie man angenommen hat, einzigen Erinnerungsort mit nationalem Charakter stimmen würden.

Diese eine eher naive Annahme basierte auf einer fast gleichzeitigen Entscheidung, in Berlin einen Erinnerungsort an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges in ganz Europa zu schaffen. Vielleicht wäre es so gewesen, hätte der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski nicht bereits im Mai einen Brief an seinen ukrainischen Kollegen Andrij Melnyk geschickt, der in Form einer Anweisung die Anzahl und zumal die Würde der ukrainischen Kriegsopfer infrage gestellt hat. Im Brief fällt Überheblichkeit auf und ein uns in Polen bekanntes Motto, dass „mein Leid größer ist als Deins“. Dieser Brief wurde wiederum zum Ausgangspunkt für die Intervention des ukrainischen Botschafters bei den Bundestagsabgeordneten, der vor einer Instrumentalisierung der Geschichte warnte und vor der Tendenz der Polen, die Rolle der „Märtyrer des Zweiten Weltkriegs“ zu monopolisieren.

Man braucht nicht zu erwähnen, dass diese aufgedeckte Polemik der Botschafter, die ungeachtet der gefassten Bundestagsbeschlüsse geführt wurde, in Deutschland Besorgnis weckt, dass die Frage eines in einer Art neuen polnisch-ukrainischen Krieges um die Geschichte nicht bloß bei der Korrespondenz endet. Eine Art Verminderung des Leidens der Ukrainer im Vergleich zu den polnischen Opfern, die Vorwürfe der Kollaboration mit den Nazis genutzt als Argument gegen das Recht, ein „eigenes“ Denkmal zu besitzen, erinnern an ein „Hausieren“ mit der Tragödie der Menschen. Die wichtigste Schlussfolgerung dieses Streits zwischen zwei Nachbarn in einem dritten, fremden Hof ist die Tatsache, dass die Erinnerung an die Opfer nur einen Zweck haben kann: ihrer ehrenvoll zu gedenken. Jeder Versuch, nach Nationalität, Größe, geografischer Lage u. a. zu vergleichen oder zu relativieren, führt dazu, dass die Folgen eines Vorhabens zum Gegenteil seiner selbst werden. Dass sie trennen, anstatt in würdevoller Erinnerung zu vereinen.

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Botschaft aus Rom

Wir sind daran gewöhnt, dass die Weihnachts- und Neujahrszeit erfüllt ist von Botschaften und Ansprachen. Auch ich wende mich seit Jahren mit einem Neujahrsbrief an die in Polen lebenden Deutschen und versuche, sowohl auf das vergangene Jahr als auch auf die Zukunft einzugehen. Diesmal war es nicht leicht für mich, den Brief zu verfassen, denn während des Schreibens musste ich gegen die Auswirkungen der Krankheit ankämpfen, die so viele Millionen Menschen betroffen und so viele vorzeitig aus dem Leben gerissen hat. Daher empfand ich ganz persönlich die Worte Papst Franziskus´ zum Weltfriedenstag, der alljährlich am 1. Januar begangen wird.

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Neujahrsbrief: „Einmal gewählt, muss ich jeden Tag eine Wahl treffen“ – hl. Augustinus

Liebe Landsleute, Mitglieder der deutschen Gemeinschaft in Polen, unsere Sympathisanten und Freunde,

ich wende mich an Sie als Präsident des VdG in Polen nun schon traditionell anlässlich des Neuen Jahres. Vor einem Jahr hatte ich folgende Worte Dietrich Bonhoeffers zum Motto meines Neujahrsbriefes ausgewählt:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

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