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Die Sprache der Kränze

Kranzniederlegung auf dem Friedhof am St. Annaberg  / Złożenie kwiatów na cmentarzu na Górze Św. Anny. Foto: Mateusz Koszyk Kranzniederlegung auf dem Friedhof am St. Annaberg / Złożenie kwiatów na cmentarzu na Górze Św. Anny. Foto: Mateusz Koszyk

Ich habe schon früher über die Wallfahrt der Minderheiten auf den Sankt Annaberg geschrieben, also sollte ich das Thema hier auch abschließen. Vor dem Hochamt am Sonntag habe ich gesagt, dass der Berg die Mehrheit der dort Versammelten von Kindesbeinen bis zum Seniorenalter begleitet. Diese Worte waren für mich umso symbolischer, da in diesem Jahr meine Mutter zum ersten Mal nicht mit auf dem Sankt Annaberg gewesen ist, da der Gesundheitszustand sie dazu gezwungen hat, die Wallfahrt online zu verfolgen. Dafür waren alle in Schlesien lebenden Enkelkinder mit dabei.

Nicht nur deswegen konnte ich am Sonntag Freude empfinden, sondern auch weil bei der ersten Wallfahrt seit dem schrittweisen Rückgang der Pandemie wir viele gewesen waren. Diese zahlreiche und aktive Teilnahme beschrieb der Oppelner Woiwode Sławomir Kłosowski kurz: „Wie schön ihr singt.“ Doch auch seine Anwesenheit auf meine Einladung hin war ein Grund zu Freude. Alle waren ergriffen, sowohl von der Frömmigkeit, dem Gesang und dem Hineinhören in die Worte, von den Intentionen, die ich die Ehre hatte zu Beginn zu erläutern, über die Predigt Bischof Andrzej Czajas bis hin zu den Worten des Botschafters Arndt Freytag von Loringhoven und des Ministers Błażej Poboży. Die erhobene Atmosphäre der Triade in der Intention „Versöhnung, Freiheit, Erneuerung“ konnte man spüren.

Die Wallfahrt ist immer ein religiöses Ereignis, sehr schlesisch, genau wie schlesisch die hiesige deutsche Minderheit ist, was leider in manchen Ansprachen unbewusst auseinandergerissen wurde. Religiös sind auch ihre Früchte, obwohl die ein Geheimnis bleiben. Es ist aber auch immer ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem die Anzahl der Pilger, die Worte, die gefallen sind, und die anwesenden Gäste analysiert werden. Ich weiß nicht, wie viele wir waren, doch es überwiegt die Meinung, dass nach einer einjährigen Pause und der Zeit der Beschränkungen viele gekommen sind. In der öffentlichen Meinung wurde die zahlreiche und freudige Teilnahme von Jugendlichen, Familien mit Kindern, Fahrradfahrern sichtbar, was von der Lebendigkeit der Gemeinschaft der deutschen Schlesier zeugt. Und man nutzte damit die Freiheit der kulturellen Wahl, die Teil der Intention gewesen ist.

Am schwierigsten war und bleibt immer der Aufruf zur Versöhnung. Und doch wurden die von der Minderheit seit Jahren wiederholten Appelle dazu im Kontext der Tragödie der Kämpfe nach dem Plebiszit am Sonntag erhört. Noch nie lagen so viele identische Kränze auf Gräbern deutscher und polnischer Gefallener des Jahres 1921. Kränze mit Bändern in schwarz-rot-goldenen Farben neben solchen mit gelb-blauen Farben wurden „symmetrisch“ niedergelegt und gedachten der schlesischen Aufständischen und Lemberger Kadetten sowie auf der anderen Seite auf der dem Annaberg gefallenen deutschen Verteidiger. Ein einzelner weiß-roter Kranz mit der Aufschrift „Oppelner Woiwode“ lag nur auf dem polnischen Grab. Schmerzhaft fehlte er auf dem Grab der damals gefallenen Deutschen. An Versöhnung muss also noch gearbeitet werden.

Bernard Gaida

Letzte Änderung am Mittwoch, 09 Juni 2021 11:41
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