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Gemeinsame Erfahrung

Im vergangenen Jahr hat der VdG beschlossen, das Jahr 2020, in dem 75 Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind, besonders einer immer noch wenig bekannten Wahrheit zu widmen, und zwar der, dass für die Deutschen östlich von Oder und Neiße mit diesem Jahr der Krieg nicht zu Ende gegangen ist. Eigentlich nur in Oberschlesien, zunächst nur durch unsere Organisationen, später in Zusammenarbeit mit anderen schlesischen Vereinen, ist es gelungen, dass das Drama der Deutschen unter dem Namen „Oberschlesische Tragödie“ in der Öffentlichkeit bekannt wurde. Aber nur dort.

Deshalb haben wir als VdG, trotz der Beschränkungen in diesem Pandemiejahr, neben Gedenkveranstaltungen in Lamsdorf und zum ersten Mal auch in Potulitz bei Bromberg, eine wissenschaftliche Konferenz organisiert, die dem Drama der Deutschen in allen Regionen des heutigen Polens gewidmet war. Die Konferenz am vergangenen Samstag, die wiederum vom Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum unter dem Titel „Oberschlesische Tragödie“ organisiert wurde, war wohl das letzte Ereignis, das diesem Thema gewidmet war.

In meinem Referat habe ich gesagt, auch wenn das Jahr 1945 zweifellos ein tragisches für Oberschlesien gewesen ist, wäre es unehrlich, dieses nicht in Verbindung mit der gesamten Tragödie zu sehen, die den Deutschen widerfahren ist - von der Oder bis zur Kamtschatka sowie auch zwischen der Adria, dem Schwarzen Meer und der Ostsee. Ich habe dazu Zahlen vorgelegt, die den Umfang der Verheerung zeigen. Die Daten sind zerstreut, doch man kann sie zusammenstellen und dann wird sichtbar, dass auf diesem Gebiet, auf dem heute die deutschen Minderheiten zusammen ca. 1 bis 1,5 Millionen Menschen ausmachen, vor dem Kriegsausbruch mehr als 25 Millionen Deutsche lebten. Flucht, Vertreibung, Deportationen und dann letztendlich Ausreisen betrafen also 95% dieser Gemeinschaft. Einige Millionen haben nicht überlebt.

Der Umfang dieser Nachkriegstragödie ist unbekannt, vor allem durch die jahrelange Tabuisierung und wenn daran trotzdem erinnert wird, dann aufgeteilt auf einzelne konkrete Staaten und Regionen. Dabei war sie doch geplant und im großen Maße mit den Alliierten überregional abgesprochen. Ihre schwache Wahrnehmung und ungenügende juristisch-moralische Bewertung führt laut Prof. A. de Zayas dazu, dass sie trotz ihrer historischen Außergewöhnlichkeit, wenn es um den Umfang geht, Europa nicht vor einer Wiederholung bewahrte in Form von ethnischen Säuberungen in Jugoslawien. Das richtige Gedenken und die Benennung eines jeden Verbrechens ist eine Aufgabe für die Zukunft und für den Frieden.

Den Befürwortern der Relativierung des Nachkriegsschicksals der Deutschen im Osten zitiere ich einen interessanten Satz de Zayas‘: „Der Zweite Weltkrieg war zwar der Anlass, nicht aber die Ursache der Vertreibung”. Es ist daher gut, dass in der Ansprache von Bundespräsident Steinmeier aus Anlass des Jahrestages des Kniefalls von Willy Brandt als Ballast der Vergangenheit neben den deutschen Verbrechen der Kriegszeit auch das Nachkriegsverbrechen der Vertreibung genannt wurde.

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