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Mögen viele dabei sein

Mögen viele dabei sein Wochenblatt.pl

Es ist der zweite Pfingstfeiertag, seit gestern sind die Kirchen wieder ganz offen, auch wenn man dort Masken tragen und die soziale Distanz wahren muss. In der letzten Woche habe ich gehört, dass das vor kurzem sehr bekannt gewordene Robert Koch-Institut prognostiziert, wir könnten die Corona-Pandemie frühestens im Jahr 2023 vergessen. Aber schon am kommenden Sonntag wird man ausnahmsweise in der Oppelner Kathedrale persönlich oder über den Livestream im Internet und den Fernsehsender TVP Opole an der Heiligen Messe für nationale und ethnische Minderheiten teilnehmen können.

Wir haben uns daran gewöhnt, diese Begegnung im Juni als Wallfahrt der Minderheiten zu bezeichnen und wir verbinden sie immer mit dem St. Annaberg. Denn in der dortigen Lourdes-Grotte kommen wir seit Jahren zu Tausenden aus ganz Oberschlesien zusammen. Jedoch nicht seit immer. Dank einiger Gespräche erinnerte ich mich an meine Teilnahme an der ersten Wallfahrt, die in einem anderen Sanktuarium der Hl. Anna, nämlich in Rosenberg, stattgefunden hat. Damals, im Jahr 1995, bei schlechtem Wetter, haben wir als junge Gemeinschaft in einem Zelt für eine Zukunft gebetet, die wir seinerzeit enthusiastisch bewerteten, wenn auch mit ein wenig Unsicherheit. Ich kann mich an den Inhalt der Fürbitten und der Predigt, die gewiss Pfr. Wolfgang Globisch, der Hauptzelebrant, gehalten hat, nicht mehr erinnern. Ich bin aber überzeugt, dass wir viele der Gebete von damals am kommenden Sonntag wiederholen können. Denn trotz vieler Veränderungen im Land und außerhalb, trotz der deutschen Ortsnamen auf vielen Schildern in Schlesien, der Denkmäler für deutsche Gefallene, die wieder im öffentlichen Raum sichtbar sind, des Gedenkens an die Opfer des sowjetischen und polnischen Nachkriegsterrors, wird keine der Veränderungen bis heute voll und ganz akzeptiert.

Bis heute wurde kein deutschsprachiges Schulsystem aufgebaut und der besser oder schlechter laufende Deutschunterricht in Form von einigen Stunden wöchentlich wurde in der letzten Zeit vom Bildungsministerium noch minimiert. Immer noch gibt es neben Pfarrgemeinden, in denen Priester deutschsprachige Gottesdienste feiern, auch solche, wo trotz des Bedürfnisses der Gläubigen dieses nicht erhört wird. Bis heute wurde also der Ballast der kulturellen Diskriminierung der Deutschen in Schlesien, die resigniert oft in den engen Regionalismus flüchten, nicht überwunden. Je mehr die Schlesier mit dem Deutschtum in Verbindung gebracht werden, desto öfter werden sie Objekt des Hasses, der ihnen Jahrzehnte nach der Vertreibung wieder das Recht auf Heimat nehmen will. Siehe den Fall Himmelwitz.

Nach 25 Jahren gibt es vieles, wofür man danken muss, aber es gibt auch gute Gründe, um weiterhin für die Anerkennung und Wertschätzung für sich selbst und die eigene Kultur zu beten. Um die Kraft der Kultur für sich selbst, um eine zuvorkommende Minderheitenpolitik des Staates und die Bekehrung der Hassenden. Seien wir am Sonntag um 9 Uhr zusammen und mögen viele von uns dabei sein.

Letzte Änderung am Mittwoch, 03 Juni 2020 11:40