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Geschichte wiederholt sich

KAZIK - Twój ból jest lepszy niż mój YouTube KAZIK - Twój ból jest lepszy niż mój

Zum Lied „Dein Schmerz ist besser als meiner“ (poln.: „Twój ból jest lepszy niż mój”), seiner Entstehung und der unerwarteten Konsequenzen wurde wohl schon alles gesagt. Auch ich gehörte jahrzehntelang zu den Hörern der „Trójka“ (des dritten Programms des polnischen Rundfunks, Anm. d. Red.). Es begann, als ich in die Oberschule kam, also zur Jahreswende 1973-1974. Es war wie ein Ventil der Freiheit, der Satire und der Musik in der Volksrepublik.

Doch ich will nicht darüber schreiben, sondern über einen mit dem Rundfunkprogramm verbundenen Vorfall, der dazu führte, dass sich in dieser Woche die Geschichte wiederholt hat. Im Mai 1982, als ich in Gleiwitz war, hörte ich, dass beim Mickiewicz-Denkmal eine Demo stattfinden sollte. Es war der sechste Monat des Kriegsrechts. Die Emotionen waren aufgewühlt, doch trotz der Freiheitsbeschränkungen war ich überzeugt, dass das Kriegsrecht der Anfang vom Ende des Systems ist. Aufgrund dieses Gerüchtes begab ich mich zum Denkmal und stellte mich ihm gegenüber an einer Straßenbahnhaltestelle hin. Damals fuhr dort noch die Tram. Ich habe lange gewartet, aber es kam zu keiner Demo und das einzige, das man gesehen hatte, waren Polizeiwagen in den Nebenstraßen und viele Polizisten. Da wegen der ausgebliebenen Demo ich nicht an ihr teilnehmen konnte, beschloss ich, mich auf den Heimweg zu begeben, als auf einmal eine Gruppe von Polizisten erst meinen Ausweis sehen wollte, diesen mir dann wegnahm und mich schließlich informierte, ich sei festgenommen. Auf meinen Einwand hin, dass ich doch nur an der Haltestelle gestanden bin, es also keinen Grund zur Festnahme gibt, hörte ich eine überraschende Antwort. Der Polizist sagte mir nämlich, ich sei beobachtet worden und obwohl alle Straßenbahnen vorbeigefahren sind, stieg ich in keine ein. Ich spaziere also nicht und kam nicht zur Haltestelle, um irgendwo hin zu fahren, deswegen erfolgte die Festnahme.

38 Jahre später - und ich höre letzte Woche ein fast identisches Gespräch am Sitz des 3. Polnischen Radioprogramms in Warschau. Eine festgenommene und kontrollierte Frau antwortet auf die Frage des Polizisten, was sie da tue, sie gehe spazieren. Der Polizist sagte daraufhin: „Sie haben aber angehalten und stehen hier!“ Ich weiß nicht, wie die Situation ausging, aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass der Grund für die Festnahme nicht die aktive Teilnahme an einer Demo ist, sondern die eventuelle Bereitschaft dazu. Potentielles Demonstrieren. Und in diesem Kontext sind beide Situationen – meine in Gleiwitz  zu Zeiten des Kriegsrechts und die der Frau in Warschau Anno Domini 2020 – gleich. Das ruft meinen Widerspruch hervor, damals wie heute. Doch vor allem ist es für mich eine Warnung.