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Wir fühlen uns verwundet

Wir fühlen uns verwundet pixabay.com

Diese Kolumne schreibe ich an jenem Tag, an dem trotz Pandemie in ganz Polen versucht wird, Johannes Paul II., der genau vor 100 Jahren geboren wurde, würdig zu gedenken. Zugleich kann man, wenn man sich zur Hasssprache gegenüber Schlesiern äußern möchte, die gerade das Internet überflutet und fast gleichzeitig beide oberschlesischen Woiwodschaften betrifft, vielfach Zitate des Papstes aus seiner Botschaft „Um Frieden zu schaffen, Minderheiten achten“ nutzen.

In einem Teil unserer Region boten Bergarbeiter Anlass zur Hasssprache, da unter ihnen - mehr als im Durchschnitt - Fälle von Corona-Infizierungen vorkommen. In einer anderen Gegend trifft der Hass die deutsche Minderheit, deren Gemeinderätin aus Himmelwitz den Antrag einbrachte, zusätzliche deutschsprachige Schilder am Gemeindegebäude anzubringen. Sowohl die einen wie die anderen sind Schlesier (zumindest werden sie in der allgemeinen Öffentlichkeit so gesehen), daher konzentriert sich ein Hauptaugenmerk des Hasses auf den national-ethnischen Aspekt. Gewiss kommt ein großer Teil der Aussagen von der sog. Generation JPII, daher lege ich ihnen die Lektüre der päpstlichen Botschaft nahe.

Ich möchte mich jedoch auf Hegel berufen, der meinte, das Antriebsrad der Menschheitsgeschichte sei immer der Kampf um Anerkennung gewesen. Doch es reicht nie eine deklarierte Anerkennung allein. Diese muss zu einer konkreten Anerkennung des Heimatrechts, der Gleichheit und des würdigen Umgangs werden. Wenn der Antrag einer Schlesierin in Schlesien für das Recht auf die deutsche Sprache neben der polnischen am Amtsgebäude ihrer Gemeinde Kommentare hervorruft wie „wenn die polnische Sprache nicht gefällt, dann ab zu Merkel, hier braucht sie keiner“ und als Reaktion auf die Erkrankungen unter den schlesischen Bergarbeitern zu lesen ist „nichts passiert, wenn es weniger von ihnen gibt“ oder „endlich stirbt die deutsche Option aus“, dann bedeutet es, dass mit der Anerkennung der gleichen Würde etwas schief läuft. Man muss dabei ehrlicherweise hinzufügen, dass die Mehrheit der Politiker deklariert, sich von einem solchen unbürgerlichen Umgang mit Schlesiern zu distanzieren, doch ich habe das Gefühl, dass die einen es aus Angst vor den Bergarbeitern tun, die anderen wegen des Wahlkampfes und noch andere schweigen.

Obwohl angegriffen, fühle ich keine ökonomische oder juristische Gefahr, aber wir fühlen uns tief verwundet. Nichts tut mehr weh, als die mit Füßen getretene Würde, die zum Nichts-Sein verurteilte Identität, das infrage gestellte Recht auf Heimat. Daher muss sich die Gemeinschaft um diese Werte konsolidieren und dabei die Gedanken Hegels in Erinnerung behalten. Allen, die damit nicht einverstanden sind, zitiere ich Francis Fukuyama: „Wir können vom Denken über uns und unsere Gesellschaft in Identitätskategorien nicht weglaufen. (…) Identität kann man zum Teilen benutzen, aber auch wie früher zur Integration. Dies wird unterm Strich das Mittel gegen den Populismus unserer Zeit sein“.