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Erinnerung an Leppich

Pater Johannes Leppich You Tube Pater Johannes Leppich

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig entdeckt, dass am 16. April vor 105 Jahren O/S Pater Johannes Leppich in Ratibor geboren wurde. Auch wenn heute viele schon gar nichts mehr über ihn wissen, gehörte er seinerzeit absolut zum Kreis der bekannten Oberschlesier. Auch mir war er bekannt, obwohl ich nie eine Möglichkeit hatte, ihn persönlich zu treffen. Leider war ich am 20. Juli 1990 nicht in Lubowitz anwesend, als Pater Leppich vor der Eichendorff- Schlossruine, im Rahmen der großen Europakundgebung mit Otto von Habsburg an der Spitze, gepredigt hat. Damals war dort die Rede von Oberschlesien als „Südtirol des Ostens“ gewesen.

Zwei Jahre später starb Pater Leppich in Münster. Aber mir blieb er seit den Kindheitstagen in Erinnerung, und zwar als Stimme auf Schallplatten, später auf Tonbändern und Kassetten mit den Aufnahmen seiner Predigen aus deutschen Städten,  mit Strassengeräuschen im Hintergrund. Diese Aufnahmen wurden in den schlesischen Häusern mit Frömmigkeit gehört. Der Name “Strassenprediger” war für uns, im damaligen totalitären Staat Lebende, ein Synonym für Religionserweckung und Religionsfreiheit zugleich.

Als Pater Leppich in den 50er und 60er Jahren nicht nur vom Dach eines Autos, sondern sogar von einem Tisch auf der Hamburger Reeperbahn predigte, herrschte in Polen ein Kampf der Partei gegen die Kirche. Kardinal Wyszyński war festgenommen, das Bild der schwarzen Madonna war in Tschenstochau eingesperrt, die Pfarrer wurden bestraft für nicht bezahlte Mieten, eine Gruppe der sog. Patrioten-Priester war eine Gefahr innerhalb der Kirche. Nicht denkbar war, dass ein Priester irgendwo an einer Kreuzung predigte, ohne festgenommen zu werden. Dazu kam noch der Stolz, dass Pater Leppich als Schlesier in Deutschland von Tausenden gehört wurde, verbunden mit der Annahme, seine harte Kritik des Konsumptionismus als indirekte Bestätigung unseres Verbleibs in Schlesien, wo noch die traditionellen Werte lebendig waren, als richtige Entscheidung zu bewerten.

In diesem Zusammenhang sehe ich ein Bild der geschlossenen Küche, wo meistens rund um den Tisch die Frauen saßen und mit roten Backen ängstlich, ob nicht ein Spitzel an der Straße die deutsche Sprache hört, still die raue Stimme Leppichs aus dem Grammophon kontemplierten. Eines Tages erklärte er, dass er an derartig ungewöhnlichen Orten predigte, weil er „ an ein Publikum heran muss, das keinen Weihrauch mehr riechen kann“.  In der Zeit der Pandemie, wo alle in geschlossenen Wohnungen sitzen, in der die Kirchen so wie auch Restaurants leer sind, führt die Erinnerung zu solchen Bildern zurück.