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Egoismus darf nicht trendy sein

Egoismus darf nicht trendy sein Pixabay.com

Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, dessen wichtigste Frage lautete: Was, wenn sich herausstellt, dass das schwedische Modell, also der Kampf gegen die Epidemie, ohne die Wirtschaft und die Gesellschaft zu ruinieren, der richtige ist? Ich muss zugeben, dass dies eine düstere Lektüre ist, vor allem für die pleitegehenden Restaurantbesitzer und Hoteliers nicht nur in Polen, die über volle Biergärten in Schweden lesen. Sogar in Berlin ruft die Skala der polnischen Beschränkungen Verwunderung hervor, darunter das berühmteste und vor allem auf dem  Land wirklich unverständliche Verbot, in den Wald zu gehen. Es ist doch epidemiologisch gesehen nirgendwo sicherer als allein zwischen Bäumen zu sein.

Für immer wird uns das Osterfest 2020 im Gedächtnis bleiben und das vielleicht weniger wegen der Unmöglichkeit, in die Kirche zu gehen, als vielmehr durch das Bild der einsamen Person in Weiß, Papst Franziskus, auf dem leeren Petersplatz oder im leeren Petersdom. Und auch wenn er in seinem Ostersegen Urbi et Orbi vom christlichen „Recht auf Hoffnung“ sprach, war die Trauer in seinem Gesicht deutlich sichtbar. Ich bin überzeugt, dass die Verantwortung für das gesprochene Wort in der Zeit des optimistischsten Festes der Christenheit, das während der Pandemie gefeiert wird, die täglich Tausende aus dem Leben reißt, seine Gedanken zerriss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Päpste zu diesem Fest immer zum Frieden aufgerufen haben. Früher bewirkten die Worte des Papstes, dass für wenige Tage die Kanonen still wurden. Die letzten Jahrzehnte lehrten uns aber, dass die Worte aus Rom keinen Einfluss  mehr auf die Konflikte hatten. Doch Franziskus, eine der wenigen moralischen Autoritäten der Welt, wohlwissend um die geringe Wirksamkeit seiner Appelle, darf nicht nicht zu Frieden im Jemen, der Ukraine oder Palästina aufrufen. Jemand muss die Stimme des Gewissens sein. Das Gewissen spricht ja lauter, je weniger es gehört wurde. Das Besondere des diesjährigen Appells besteht darin, dass niemals zuvor alle Seiten der unterschiedlichen Konflikte von ein und demselben Feind dezimiert wurden.  Und nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind. Wenn dieser also die Kräfte der wissenschaftlichen Labors und in vielen Ländern die Politiker der unterschiedlichen Lager verbunden hatte, sollte er doch auch die Konflikte abklingen lassen können.  Doch geschieht dies auch?

Die Bedeutung der Worte des Papstes ist besonders wichtig für den Konsumenten polnischer Medien.  In Zeiten der Pandemie und der tiefen politischen Zerrissenheit im Land hörten die Medien auf, über die Flüchtlinge in Griechenland oder die Kämpfe im Donbass zu berichten und die  die Öffentlichkeit verachtenden Regierungsfeierlichkeiten zum Jahrestag der Smolensk-Katastrophe in Warschau wurden wichtiger als die an Hunger sterbenden Kinder im Jemen. Deshalb sind die Worte des Papstes von Bedeutung, auch wenn sie politisch nichts ändern. Wie ein Gewissensbiss.

Letzte Änderung am Donnerstag, 16 April 2020 09:43
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