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Bernard Gaida

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Nur eine oberschlesische Tragödie?

Der Januar ist für die in Mittel- und Osteuropa lebenden Deutschen der Monat schmerzlicher Erinnerungen, obwohl es meistens nicht mehr die eigenen sind. In unseren Häusern hatten wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Eltern oder Großeltern ihre Familien nicht mit dem Schmerz der Erlebnisse des Jahres 1945 belasten wollten. Daher sind heute all die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Tragödie, die wir in Schlesien als die Oberschlesische Tragödie bezeichnen, so wichtig. Am Sonntag vergangener Woche habe ich in Gleiwitz zum Gedenken an die von Rotarmisten sowie von den Besatzungen der polnischen sog. Arbeitslager Ermordeten einen Kranz niedergelegt. Doch schon da habe ich erklärt, wieso wir als deutsche Gemeinschaft in Polen den diesjährigen Feierlichkeiten eine breitere Perspektive geben wollen.

Am Dienstag flog ich nach Nowosibirsk, wo ich die Ausstellung über die deutsche Minderheit in 25 Ländern Europas eröffnet habe. Diese Ausstellung habe ich in Sibirien eröffnet, denn im Jahr 1941 wurden die Wolgadeutschen dorthin vertrieben. Von da flog ich direkt nach Reschitza in Rumänien, wo ich am Gedenken für die deutschen Opfer der Verschleppung in die UdSSR teilgenommen habe. In den letzten Jahren nahm ich als Sprecher der AGDM an Gedenkfeierlichkeiten für die Opfer von Lagern, Hungersnöten, Internierungen und Folter in Serbien und Kroatien teil.

Am 19. Januar fand in Ungarn zum wiederholten Mal der im Jahr 2012 durch das Parlament verabschiedete Nationale Gedenktag zur Vertreibung und Verschleppung der Ungarndeutschen statt. Der Bundesbeauftragte Bernd Fabritius sagte dort: "Das ungarische Gedenken an die Opfer der eigenen Ungerechtigkeit in der Vergangenheit zeugt von einem ernsten historischen Gewissen. Ein solches Verhalten erfordert eine ernsthafte Würde und zeigt Ungarn als Beispiel für Europa". Überall östlich der Oder haben die Sieger des Krieges gegenüber den Deutschen Kollektivschuld angewandt. Man hat diese auf alle ausgedehnt sogar auf die Kinder, Alten und Frauen.

Der amerikanische Hauptankläger in den Nürnberger Prozessen, Robert H. Jackson, sagte damals: „Was die Welt bestimmt nicht braucht, ist die Idee, die einen aus den Konzentrationslagern herauszuholen und die anderen hineinzustecken. Doch genau dies geschah!“ All das ist der Beweis für die Allgemeingültigkeit dessen, was wir gemeinhin auf die Oberschlesische Tragödie beschränken, obwohl man sich auch vor den Opfern in Pommern oder Ermland sowie in Ungarn oder Rumänien verneigen sollte. Dabei ist es wichtig zu unterstreichen, dass niemand die Gedenkfeierlichkeiten in Lamsdorf, Schwientochlowitz oder Potulitz als Relativierung der Geschichte interpretieren sollte, sondern als deren Vervollständigung nach Jahren des Schweigens.

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Foto: Bernard Gaida

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Bedrückende Zeit

Der Jahresanfang will nicht aus der bedrückenden Stimmung herauskommen. Wir alle gewöhnen uns seit langem schnell an Ereignisse, die uns eigentlich aufrütteln sollten und gehen zur Tagesordnung über.

Mit großer Trauer muss ich feststellen, dass ein Verbrechen, wie es der Abschuss eines Zivilflugzeuges mit vielen unschuldigen Menschen an Bord gewesen ist, viele von uns in Gesprächen als tragisches Ereignis wahrnehmen, ohne aber sich tiefere Gedanken dazu zu machen. Ein ukrainisches Flugzeug, nicht unsere Landsleute, weit von uns entfernt, also können wir zu anderen Themen übergehen. Ein wenig länger dauerte vielleicht unsere Trauer über die Opfer des in der Ukraine abgeschossenen holländischen Flugzeuges vor einigen Jahren. Man gewöhnt sich aber an das Grauen, an die Entpersonalisieung uns fremder Opfer.

Manchmal wollen wir, um unser eigenes Gewissen nicht zu belasten, den Prozess nicht sehen, in dem das Böse weiteres Übel hervorbringt. Und Politiker rationalisieren auch die unvorstellbarsten eigenen Verfehlungen oder die ihrer Vorgesetzten und Staatsmächte. Dabei wissen wir ja, dass es nicht zum Angriff auf das ukrainische Flugzeug gekommen wäre, wenn nicht auf Befehl Trumps der iranische General Suleimani getötet worden wäre. Ebenso wenig wären die holländischen Reisenden über der Ukraine gestorben, gäbe es den Konflikt im Donbass nicht, einen Konflikt, der von konkreten Politikern vom Zaun gebrochen wurde.

Wo bleiben die Demokratie und die mit ihr verbundene Ethik in einer Welt, in der die Mehrheit sich gegen die Todesstrafe ausspricht, aber die diese Menschen vertretenden Politiker eine derartige Straftat vollziehen ohne jeglichen Gerichtsprozess? Ist Selbstjustiz nur für die normalen Bürger verboten? Glauben wir nicht mehr daran, dass jeder Verbrecher ein Recht auf ein Gerichtsverfahren hat?

Im Dezember wurden zwei russische Diplomaten aus Berlin verwiesen, weil nachgewiesen wurde, dass der Mord an einem tschetschenischen Dissidenten (nach Meinung Moskaus eines Terroristen) im Tierpark auf Anordnung der höchsten Vertreter der Russischen Föderation geschah. Man könnte von Spannungen im Verhältnis zwischen Moskau und Berlin ausgehen, aber bei dem Besuch von Bundeskanzlerin Merkel in Moskau am vergangenen Samstag und der gemeinsamen Pressekonferenz mit Präsident Putin war davon nichts zu spüren. Gaspipeline, Konferenz zum Thema Libyen, etwas über Syrien, fast nichts zum Thema Konflikt im Donbass und der Situation in der Ukraine - und zum Mord an den 176 unschuldigen Menschen in einem ukrainischen Flugzeug fiel vielleicht ein Satz des Lobes, dass der Iran den Abschuss zugegeben hat. Es geschieht nichts Gutes.

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Anfang und Ende

Es beginnt nun wieder der Alltag, in den wir nach der Weihnachtszeit und den gefassten Vorsätzen für das neue Jahr klüger und besser vorbereitet eintreten sollten. Der Kern der Weihnachtsfeiertage ist der Beginn, die Geburt - und am schönsten schrieb über die Geburt im Prolog der Evangelist Johannes: "Am Anfang war das Wort".

Das Leben aber schreibt Drehbücher, die uns dazu zwingen, diesen Beginn in all seinen Dimensionen zu verstehen. So geschieht es auch in meinem Neujahr. Am Donnerstag begleite ich in Warschau den Dominikanerpater Jan Spież auf seinem letzten Weg. Mein Seelsorger aus der Studentenzeit in Posen erlebte nur einen Tag des neuen Jahres. Er war der geistliche Führer für hunderte Studenten in einer Zeit, in der sich alles veränderte: Karol Wojtyła wurde Papst und es fand seine folgenreiche Pilgerreise nach Polen statt: die   Solidarność entstand und der Kriegszustand wurde ausgerufen. Er, der aus Kalisz stammende, spät in den Priesterstand berufene Historiker, hat mit Ruhe allen Hitzköpfen die äußerlichen Prozesse erklärt und nicht selten unheilvolle Emotionen beruhigt. Seine rationale Aufmerksamkeit unterschied ihn von vielen anderen.

Als er die Geschichte der Dominikaner studierte, musste er sich auch mit Schlesien beschäftigen. Denn gerade in Groß Stein wurde der Hl. Hyazinth, ein Schüler des Hl. Dominiks und Gründer von Dominikanerklöstern in Prag, Breslau, Cammin in Pommern oder Danzig, geboren, der dann in Krakau beigesetzt wurde. Daher auch unsere späteren Treffen beim Ablassfest in Groß Stein. Viele weitere Jahre erforschte er im Rahmen ihres Seligsprechungsprozesses das Leben der Dominikanerin Euphemie, der Herzogin von Ratibor.

In der jetzigen Zeit des Streits um die Rechtsstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Gerichte erinnere ich mich an seine häufigen und in Posen geradezu natürlichen Vergleiche zwischen der preußischen und der russischen Teilung. Man weiß ja, dass nur in Preußen alle Kinder der Schulpflicht unterlagen, es keine Leibeigenschaft gab und die Dörfer wohlhabend gewesen sind. Doch nur Pater Jan wies darauf hin, dass der Ursprung dessen in der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und den Richtern lag. Es sagte oft, dass die Geschichte mit dem Wagen des Drzymała im russischen Teilungsgebiet Polens sich so nie hätte abspielen können, denn der Protagonist würde binnen einer Nacht in einem Transport nach Sibirien landen. Das bekannte Sprichwort „Dura lex, sed lex” interpretierte Pater Spież so, dass das harte preußische Recht besser sei als die russische Rechtlosigkeit.

Sein Tod zu Beginn des neuen Jahres ist nicht das Ende, sondern der Beginn eines Weges, zu dem er viele führte.

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Die Wolgadeutschen

Wenn wir heute über die Deutschen in Russland sprechen, dann benutzen wir meist den Begriff „Russlanddeutsche”. Dabei kann ich mich noch an meine Kindheit erinnern, als Männer, die die sowjetische Kriegsgefangenschaft in Sibirien überlebt haben, von „Wolgadeutschen“ gesprochen haben. Jahrzehnte nach diesen Erinnerungen konnte ich nun deren historische Hauptstadt an der Wolga, die heutige Stadt Marx, besuchen.

Eine Tafel am Hauptplatz der Stadt informiert darüber, dass die ersten deutschen Siedler auf Einladung Katharina der Großen am 27.08.1766 hierher gekommen sind. Langsam machten sie sich dieses Land zu eigen und an dieser Stelle gründeten sie die Stadt mit dem Namen Katharinenstadt, in der sie bis 1941 ohne Unterbrechung etwa 97% der Bevölkerung ausmachten. Aus dem Städtenamen musste im Zuge der Revolution von 1917 der Name Katharina verschwinden und die Änderung des Patrons in Marx gab der Stadt den neuen Namen Marxstadt. Als dann im Juni 1941 das Dritte Reich den Plan Barbarossa verwirklichte und die UdSSR angegriff, entschied Stalin noch im August, alle dort lebenden Deutschen in die Gebiete um Nowosibirsk, Omsk und Kasachstan umzusiedeln. Zusammen mit den Deutschen verschwand aus dem Stadtnamen die Endung "Stadt" und so blieb es beim kurzen Marx.

Wie die Juden in Babylon von Israel träumten, so sangen die Deutschen in Sibirien von der Wolga. Erste Möglichkeiten zur Umsiedlung aus dem kalten Sibirien erhielten sie in den 80er Jahren und zur Wiederansiedlung an der Wolga im Zuge der Perestroika zu Beginn der 90er Jahre. Die Nachfahren der einst Vertriebenen kehrten nach vielen Zwischenstationen langsam in ihre Heimat zurück, mit der Hoffnung auf die Wiedererrichtung der Autonomen Republik der Wolgadeutschen. Binnen weniger Jahre stieg die Zahl der Deutschen in Marx auf über 10% der Bevölkerung, um nach einigen Jahren voller Enttäuschungen und der damit einhergehenden Emigration nach Deutschland wieder zu sinken.

Die auf dem Gebiet der einstigen Autonomie verbliebenen Deutschen bauten ein Netzwerk auf und arbeiteten an der Bewahrung der deutschen Geschichte dieses Landstriches. Deutschstämmige Sponsoren errichteten die evangelische Kirche neu und machten sie wieder zu einem Gotteshaus, im „Brothafen“ gedachten sie Fridtjof Nansens, der die Hungernden in den 30er Jahren rettete. Darüber hinaus kauften sie Gebäude für den Sitz der Minderheit. Sie geben Publikationen heraus und das Museum ihrer Geschichte feierte gerade sein 100jähriges Bestehen. Darin finden wir sowohl das Manifest Katharinas der Großen, die die Deutschen nach Russland einlädt, als auch den Vertreibungsbefehl von 1941. Ebenso ausgestellt sind dort Beweise für den Revolutionsterror, der die lutherische Kirche in ein Kulturhaus umwandelte und der den Pastor, der die liturgischen Gegenstände retten wollte, erschossen hatte.

Die schön vorbereitete Eröffnung der Wanderausstellung über die deutschen Minderheiten zeigte eindrücklich den starken Willen der dortigen Deutschen, die nichts brechen konnte und die heute in Marx leben.

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