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Bernard Gaida

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Ehrenwerte Ideen?

Es ist unpassend sich als deutscher Schlesier zu Jahrestagen und Jubiläen der polnischen Geschichte zu äußern, wenn der Gegenstand der Kritik mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Wenn es allerdings unsere gemeinsamen Werte und die heutige Sicht auf die Bürgerrechte betrifft, scheint mir Kritik anberacht zu sein. In der letzten Zeit erhitzt die Gemüter die Übernahme der Schirmherrschaft über das kontroverse 75. Jubiläum der Gründung der Heiligkreuz-Brigade der NSZ (Nationale Streitkräfte) durch den polnischen Präsidenten. Grund dafür sind Vorwürfe, diese Einheit hätte mit den Besatzern kollaboriert. Wenn es dabei einzig und allein darum ginge, die dort kämpfenden und vor allem gefallenen Soldaten zu ehren, dann gebührt allen Gedenken. Wenn es aber um die Anerkennung der politischen Vision, um die sie kämpften, gehen soll, muss man äußerste Vorsicht walten lassen.

Meine Unruhe wird geweckt durch die Tatsache, dass die NSZ ein bewaffneter Verband gewesen ist, dessen politische Basis die ONR (das National-Radikale Lager) war, Herausgeber der Zeitschrift "Szaniec", in deren Ausgabe vom 29. Januar 1943 folgendes über die Vision des Nachkriegspolens zu lesen ist: "Im ersten Zorn fegen wir gewiss einen Teil unserer Feinde weg, einen anderen siedeln wir aus. (...) Wir sind nun zu der Überzeugung gekommen, dass kein Deutscher oder Jude, kein Ukrainer oder Litauer als unser Bruder angesehen werden kann, keiner von ihnen darf vollwertiger Bürger des zukünftigen polnischen Staates sein. (...) Wir sollten uns auch nicht vormachen, dass wir alle Feinde aussiedeln und nur die loyalen Mitglieder der Minderheiten bleiben. Auch nach den härtesten Aussiedlungen bleiben in Polen viele Deutsche, einige Millionen Russen unterschiedlichster Art, eine geschlossene Gruppe tierisch minderbemittelter Litauer, eine oder zwei Millionen germanisierter Schlesier, Oderlandbewohner, Masuren und Preußen. (...) Wir können nicht alle ermorden und vertreiben, wir können auch unter keinen Umständen allen Bürgerrechte gewähren. Was bleibt also? (...) Wir müssen rücksichtslos die unbegründete Gleichheit der Bürger zurückweisen."

Wir halten Menschen in Ehren, die für uns Vorbilder sind und mit deren Ansichten wir übereinstimmen. Sollten also die oben angeführten Ideen heute geehrt werden? Es geht hier ja nicht um eine Schirmherrschaft, sondern eher um einen andauernden Austausch der Ideen in solche, die heute als ehrenwert angesehen werden. Denn diese Ideen, geschickt gepriesen, schrittweise dosiert, finden langsam aber konsequent Eingang in den Kalender der Jahrestage, in die Schulbücher, Predigten in Kirchen, Vorträge, Lesungen, Straßenschilder, Denkmäler, Fernsehschirme und verändern damit den Verstand der Erwachsenen und die gerade erst gebildeten Wertesysteme unserer Kinder. Das kann den Inhalt und die Gestalt unserer Gesellschaft auf Jahrzehnte hinaus beeinflussen. Einige Schritte gegenüber der nationalen Minderheiten, wie z.B. ihre Aufnahme im Bericht über den Terrorismus oder die Kürzung der Deutschstunden in den Klassen 7 und 8, passen leider ebenfalls beunruhigend in diese Ideen. Haben wir Angst, denn vielleicht ist es die Angst, die zum Handeln animiert.

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Pendel

Als vor einigen Jahren eine Sejm-Debatte über eine Verschärfung des Abtreibungsrechts entbrannte, war für mich klar, dass ihre Eindämmung nur für einen Moment die Weltanschauungsdiskussion beruhigen würde. Wer das Pendelprinzip kennt, weiß nämlich: Wie weit man das Pendel in eine Richtung ausschlagen lässt, ebenso weit wird es auch in die Gegenrichtung ausschlagen. Diese banale Wahrheit ist eine gute Beschreibung der Realität einer hin- und herschwankenden Gesellschaft. Als Mickiewicz die Worte schrieb „Unser Volk gleicht der Lava: Oben ist sie kalt und hart, trocken und schmutzig, doch das innere Feuer können auch hundert Jahre nicht auskühlen”, konnte er nicht einmal ahnen, wie seine Worte zur jetzigen Zeit in Polen passen würden. Wie treffend benutzte er dabei die Worte über Trockenheit und Schmutz, Kälte und Härte. Hingegen würde es heute naiv klingen, ein inneres Feuer anzupreisen, das hundert Jahre lang nicht erkaltet. Heute kann dieser Kontrast nichts mehr aufbauen, sondern nur noch mit zerstörerischer Kraft verbrennen. In dem unaufrichtigen Weltanschauungskrieg der Politiker ist auch meine Kirche, die mit jedem Monat an Autorität verliert, gänzlich an seinen Fronten verloren. Dabei müsste sie ja ihre Autorität bewahren können – nicht, um über Straßenkämpfe zu richten, sondern um bei dem unvermeidlichen Auseinanderdriften der moralischen Standpunkte den Menschen als ein Kompass dienen, der sich nicht nur auf die Liebe zu Gott stützt, sondern auch zum Nächsten! Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man dann noch salzen? Und sie verliert diesen ja immer mehr, indem sie eine nationale und patriotische Haltung einnimmt, die zu Zeiten Volkspolens als ein Eintreten für europäische und christliche Werte gegenüber einer aus dem Osten kommenden Enthumanisierung verstanden wurde. Wie leicht kann sie sich doch in Europafeindlichkeit, Ausgrenzung und Hass verkehren! Die von ihren Politikern enttäuschten Menschen tragen die Weltanschauungsdebatte immer öfter auf die Straße und vermitteln so der Gesellschaft eine karikaturistisch vereinfachte Botschaft anstelle einer vertieften Reflexion über Menschenrechte und Demokratie. Die Straßentribünen sind für Politiker zu einer Versuchung geworden, ihre Auftritte zunehmend populistisch und damit „so einfach wie möglich” zu gestalten. Eine sachliche Ansprache erfordert ja im Gegensatz zu Straßentiraden eine gehörige Portion Vorbereitung. Auf diese Weise schwindet die Hoffnung auf rationale Wahlentscheidungen, auf ein Verstehen der europäischen Integration, auf sozialen Frieden und eine sozial ausgerichtete Erziehung der Jugend, während der Wunsch zu innerer und äußerer Emigration wächst. Leider lässt dabei auch die Überzeugung nach, dass es nicht die Rolle des Staates ist, die Weltanschauung der Bürger zu bestimmen, sondern dass es vielmehr die Bürger selbst sind, die in ihrer Vielfalt und Achtung vor anderen für ihre eigene Weltanschauung und deren Authentizität verantwortlich sind. Wenn die Kirche ihre Autorität vergeudet, wird sie nicht in der Lage sein, ihnen dabei zu helfen. Und der Staat hat kein Recht, die Kirche zu ersetzen, sondern er hat die Pflicht, den Bürgern ein Recht auf Vielfalt zu garantieren. Für diese Rolle muss man auch die Abgeordneten und Senatoren wählen. Unterdessen schlägt das Pendel immer weiter aus.

Bernard Gaida

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Begegnungen

Letztes Wochenende, wie in den Jahren zuvor, kamen zur Pilgerfahrt in das Sanktuarium Mariä Heimsuchung nach Wartha viele Schlesier, die ihren deutschen Wurzeln treu sind. Die Predigt hielt der bekannte deutsche Patrologe und Kirchenhistoriker Prof. Hubertus Drobner aus Paderborn. In Bezug auf die "Heimsuchung" konzentrierte er sich auf ihre heutige Definition und bezeichnete sie als "Kommunikation", die durch die damalige Begegnung zwischen Maria und Elisabeth stattgefunden hat.

In Zeiten, in denen wir einen Überfluss an Kommunikation erleben, die auf einem schnellen und allgemeinen Zugang zum Internet basiert, erweckt diese den Anschein, man könne die persönliche Begegnung damit ersetzen. Das hat auch noch einen anderen Aspekt. Drobner wies auf den Inhalt der Kommunikation hin, also darauf, dass sie inhaltsleer sein kann. Inhalt der biblischen Heimsuchung war die Überbringung der frohen Botschaft an Elisabeth. Es war also Kommunikation, eine Begegnung mit einem wichtigen Ziel, das Freude, Kraft und Verbindung zwischen Menschen geben sollte. Vor diesem Hintergrund sieht die heutige Kommunikation, die mehrheitlich aus einem entmenschlichten Andrang an Informationen und Impulsen oder sogar medialen Manipulationen und keiner wirklichen Begegnung besteht, abgemagert und wie ein krasser Kontrast aus.

Doch eine Pilgerfahrt ist zweifellos eine Begegnung mit Menschen und zwar solchen, die zumindest zwei wichtige Aspekte verbindet: der Glaube und die Bindung an unser schlesisches Deutschtum. Wir kamen aus verschiedenen Teilen Schlesiens und wie schön war es zu sehen, als uns nach der Heiligen Messe das Blasorchester aus Zülz mit einem Konzert die Zeit versüßte und wie die Menschen aus Glatz und Ratibor, aus Breslau und der Nähe von Oppeln miteinander ins Gespräch gekommen sind.

Diese Atmosphäre der Begegnung dauerte dann bis in den Montag hinein, als in Liegnitz Vertreter aller niederschlesischen Organisationen der deutschen Minderheit zusammengekommen sind und über eine bessere, tiefere Kooperation gesprochen haben. Das Treffen fand auf Initiative des VdG statt. Die Idee dahinter war es, bessere Synergieeffekte zu erreichen, basierend auf dem Potenzial der einzelnen Verbände sowie den Koordinierungsmöglichkeiten des Büros in Breslau. Es erfreute eben die Atmosphäre des Treffens, die das Gefühl einer Gemeinschaft der Ziele für Gruppen von Glatz bis Grünberg gab.

Für mich persönlich war es eine Gelegenheit zu einer zweitägigen Entdeckungsreise durch Schlesien über Kamenz, Wartha, Silberberg, Fürstenstein und Liegnitz. Man könnte im übertragenen Sinn sagen, dass die persönliche Begegnung mit der Geschichte und der greifbaren Gegenwart dieser Orte meine Kommunikation mit Schlesien gewesen ist. Heimat kann zu uns sprechen, und wenn wir uns für sie öffnen, kann sie unsere Identitäten, die deutsche und die schlesische zugleich, stärken.

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Gedanken über alles

Wenn man innerhalb von ca. zwei Wochen die „Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten” von Alfred-Maurice de Zayas, die „Unfreiwillige Ökumene in Niederschlesien nach 1945“ von Annemarie Franke, Nicola Remig und Inge Steinsträßer und den „Reisenden“ von Ulrich Boschwitz gelesen hat, dann scheint es zunächst eine chaotische Streuung zu sein. Die Vertreibung der Deutschen in der Darstellung eines Juristen und Experten des UN-Menschenrechtsrates ist das Thema des ersten dieser Bücher. Das zweite schildert das Leben deutscher Christen beider Konfessionen in Niederschlesien in den Nachkriegsjahren und das letzte schließlich ist eine literarische Beschreibung über das Leben der Juden im Dritten Reich an einigen Tagen zu Beginn des Novembers 1938. Trotz dieser unterschiedlichen Thematik bilden sie dennoch ein Ganzes voller Ähnlichkeiten.

Sie alle sind Niederschriften über eine schreckliche Zeit des Leidens wegen des Heimatverlustes sowie über ein Leben, das den Betroffenen als normal erschien. Und alle betreffen sie auch Zeiten, in denen es formell keinen Krieg gibt, es herrscht Frieden. Alle darin geschilderten Ereignisse geschehen außerhalb des Zeitraums zwischen 1.09.1939 und 8.05.1945, und dennoch hat man als Leser den Eindruck, Kriegsberichte zu lesen. So verliert in Boschwitz’ Roman die Hauptfigur, ein jüdisch-deutscher Kaufmann, in nur drei Tagen Freunde, seine Firma, die Ersparnisse seines ganzen Lebens und vor allem sein Land, welches für ihn einzig und allein Deutschland ist. Erschütternd sind dabei seine Gedanken. Er ist Bürger eines Landes, das ihn rechtlos gemacht hat und muss feststellen, er befinde sich nun „in einem Heimatland auf feindlichem Territorium”. Der Roman gewinnt noch zusätzlich dadurch an Kraft, dass der Verfasser ihn zu Beginn des Jahres 1939 schrieb!

Auch im populärwissenschaftlichen Buch de Zayas’ finden sich Aussagen, die den Ereignissen unserer Zeit gleichen. So schreibt Philosoph Bertrand Russel am 19.10.1945 in der „Times”: „In Osteuropa werden jetzt von unseren Verbündeten Massendeportationen in einem unerhörten Ausmaß durchgeführt, und man hat ganz offensichtlich die Absicht, viele Millionen Deutsche auszulöschen, nicht durch Gas, sondern dadurch, dass man ihnen ihr Zuhause und ihre Nahrung nimmt.(..) Das gilt nicht als Kriegsakt, sondern als Teil einer bewussten Friedenspolitik“. In der dritten Publikation schließlich schreibt einer der deutschen Priester, die man aus ihrer Pfarrei hinauswarf . Dadurch wurden sie zu „wandernden Hirten”, die nunmehr hinter verschlossenen Türen Beichten abnahmen und Predigten hielten: „Wie einsam und heimatlos ist er in der Heimat”.

Die Beschreibungen und Gedanken in all diesen Veröffentlichungen führen den Leser zu der Reflexion, sie seien eine Niederschrift über den Untergang der Zivilisation. Sie stellen somit die Frage nach der Kraft einer Zivilisation, in der solcherlei möglich ist. Diese Frage scheint nun im Kontext unserer Wirklichkeit Prof. T. Gadacz in einem „Polityka”-Interview universell zu beantworten. Dort weist er darauf hin, dass nur ein Denken, das sich auf die unserer Zivilisation zugrundeliegende Philosophie stützt, uns vor ihrem Verfall schützen kann, welcher immer eine Verletzung der Grundprinzipien ist. Dieses Denken müsse aber im Kanon der Allgemeinbildung und nicht nur bei den intellektuellen Eliten etabliert werden. Leider sei ein ständiges Abdriften weg vom Humanismus, hin zu „bio-“, „info-“ und „techno-“ zu beobachten, welches eine Verarmung der Kultur sei. Wie eine Drohung klingen seine Worte: „Eine Zivilisation kann die Kultur, in der sie gewachsen ist, verwerfen, aber es ist nicht sicher, dass sie es überleben kann”.

Bernard Gaida

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