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Sprache als Bastion der Identität

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der sich vieles um Planungen dreht. Sowohl, wenn es um die deutsche Gemeinschaft in Polen geht, die vom VdG vertreten wird, als auch bei der internationalen Zusammenarbeit der deutschen Minderheiten, die im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten realisiert wird. Da ich an der Spitze beider Organisationen stehe, nehme ich an diesen Planungen teil. Unsere Möglichkeiten basieren dabei vor allem auf Zuwendungen des polnischen und deutschen Staates. Sie sind auch an den Zielen orientiert, die sich die Deutschen in Polen und anderen Ländern in ihren Satzungen, Strategien und Plänen vorgenommen haben.

Zumeist sind wir gut organisiert, sodass wir auch gut planen können. Wenn wir jedoch die Initiativen für das kommende Jahr planen, denken wir auch an strategische Ziele? Aus der Analyse der Vorhaben in Polen und anderen Ländern tritt die Arbeit mit jungen Menschen sowie die Tatsache, dass bei immer weniger Mitgliedern, die vor 1945 geboren wurden, die Förderung der deutschen Sprache an Bedeutung gewinnt, immer deutlicher in den Vordergrund. Es scheint, als sollte die Sprachförderung in Europa, wo man die kulturelle und sprachliche Vielfalt als Bindemittel der Gemeinschaft und die Minderheitenrechte als Bestandteil der Menschenrechte ansieht, Aufgabe der Schulen sein. Am 30. Jahrestag der Versöhnungsmesse in Kreisau jedoch erinnerte ich mich daran, dass damals auf einem der Transparente über unseren Köpfen geschrieben stand "Wir fordern deutsche Schulen". Traurig war die Reflexion, dass wir nach 30 Jahren diese Forderung immer noch unterzeichnen könnten.

Dabei wissen wir aus Rumänien oder aus der Erfahrung der polnischen Schulen in Litauen, dass dies möglich und unabhängig vom materiellen Status des Landes ist, sondern vielmehr auch vom politischen Willen abhängt - von Politikern, die in der letzten Zeit konsequent die Anzahl der Deutschstunden in polnischen Grundschulen reduzieren. Deshalb wird nichts die Anstrengungen unserer Organisationen und der Familien selbst ersetzen. Sowie die Hilfe aus Deutschland, das glücklicherweise nach der letzten Sitzung des Deutsch-Polnischen Runden Tisches und dem Rückzug der polnischen Regierung von gegebenen Versprechen in Sachen Bildung sich entschlossen hat, diese Anstrengungen zu unterstützen. Wenn nämlich der Schule nicht erlaubt wird, entsprechend der Bedürfnisse gegen den weiteren Verfall der Muttersprache bei Kindern aus schlesischen, masurischen oder ermländischen Familien anzugehen, muss dies in einem enormen Kraftakt außerschulisch geschehen.

Und wir werden dies tun. Das bedarf aber nicht nur eines realen Angebots, sondern auch des Bewusstseins und des Willens, aus der deutschen Sprache die Bastion der eigenen, familiären oder regionalen Identität bei Tausenden von uns zu machen. Es bedarf des Willens, jede Möglichkeit auf dem Weg zum Erlernen der Sprache und zum Kennenlernen der deutschen Kultur zu nutzen.

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Umgang mit einem Tabu

In der letzten Woche folgte ich der Einladung der Deutschen Gesellschaft e.V. zur Teilnahme an einer Tagung über die Vertriebenen in der DDR mit dem Untertitel „Zum Umgang mit einem Tabu“. Meine Aufgabe war, die Rolle der Vertriebenen im Prozess der deutsch-polnischen Verständigung zu schildern. Aber wichtig ist, dass ich dank der Konferenz sehr viel Neues über die Lage der Vertriebenen in der DDR lernen konnte.

Dank meiner sächsischen Verwandtschaft habe ich von klein auf mit dem Leben der dortigen Schlesier zu tun gehabt, aber ich wusste nichts über die stummen  Sonntagsdemonstrationen in Görlitz an der Neiße oder über das Problem der Integration der protestantischen Vertriebenen aus Ostpreußen und Pommern im lutherischen Mecklenburg. Wer weiß auch, dass Menschen, die in den 50er Jahren versucht haben, Vereine der Umsiedler (so die offizielle Bezeichnung) zu gründen, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, weswegen die Menschen  Orte wie z.B. den ZOO in Leipzig aufsuchten, wo sie sich ohne Registrierung versammeln konnten. Das alles fiel damals unter die Bezeichnung „Tabu“. 

Aber die wichtigste Äußerung kam von einem Mann, der verzweifelt meinte, das Tabu herrsche aus politischen Gründen immer noch. Er selbst war als Kind von 1945 bis 1949 in Potulitz inhaftiert und hatte  wenige Jahre zuvor bei Kriegsbeginn im Bromberger Blutsonntag durch die Hände polnischer Mitbürger seine Großeltern verloren. Bis heute habe er keine Forschungen gefunden, die sich mit dem Entzug  der Säuglinge von den deutschen Müttern und deren Adoption durch polnische Familien befasst haben. Er sagte fast weinend, dass die Mütter deswegen monatelang  geschrien haben. Genauso könne er nirgendwo über sexuelle Gewalt in dem Lager hören, die oft mit einer Abtreibung  der Schwangerschaft unter schrecklichen Umständen zum Tod der Frauen führten. Er fragte, warum keiner forsche, wie viele Fälle es gewesen sind und welches Schicksal die geraubten und polonisierten Kinder erlebten. Er fragte auch, warum für die Opfer des Nazi-Lagers in Potulitz ein gepflegter Friedhof mit individuellen Gräbern eingerichtet wurde, die tausende Opfer des Nachkriegslagers dagegen nur unter einem Kreuz in einem Massengrab zwischen zwei Kiesgruben liegen. Anschließend  bestätigte eine junge Frau, die sich als Krankenschwester vorgestellt hatte, dass  diesbezüglich weiterhin ein Tabu herrsche. Sowohl im Schulwesen als auch in den Berufsschulen für zukünftige Pflegerinnen werde nichts über diese Geschehnisse gesagt, aber in Pflege- und Altersheimen  haben sie massenweise mit Frauen zu tun, die durch solche Schicksale traumatisiert sind. Das Weinen und Schreien dauere ganze Nächte.

In der Tagung wurde mehrmals gesagt, dass in den sog. neuen Bundesländern fast keine Forschungen zu dieser Thematik durchgeführt wurden, obwohl in manchen Gebieten durch Flucht und Vertreibung  die Bevölkerung sich verdoppelt hat. Die Tagung sollte ein Zeichen sein, dass die Einstellung sich verändert hat, aber die Diskutanten meinten meistens, es sei bereits zu spät. Dies zeigte mir eindeutig, wie wichtig unser Vorhaben ist, der deutschen Opfer der Nachkriegsgewalt nächstes Jahr besonders zu gedenken. Aber vielleicht müssen auch wir um gründliche Forschungen ringen überall dort, wo das noch nicht getan worden ist.

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Wichtige Orte

Die Kultur, die uns verbindet, hat verschiedene Ebenen, eine von ihnen sind bestimmte Orte. Einer der wichtigsten Orte in Schlesien ist wohl Trebnitz, wo die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens, begraben liegt. Die 1174 in Bayern geborene Tochter Bertholds, des Grafen von Andechs, wurde schon mit 14 Jahren mit Heinrich dem Bärtigen verheiratet und hat sich durch ihre Lebensweise nicht nur die Heiligkeit erworben, sondern auch mit ihrem Mann die deutsche Besiedelung und den Klosterbau unterstützt und damit die westliche Ausrichtung Schlesiens und dessen schnelle Entwicklung gefördert. Die letzten Jahre verbrachte Hedwig in dem von ihr gegründeten Kloster in Trebnitz. Jahrhundertelang pilgerten die Schlesier zu ihrem Grab.

Am letzten Samstag fand dort die erste Wallfahrt der deutschen Minderheit statt, die sogleich so gut angenommen wurde, dass die große Basilika sich mit Pilgern füllte und der deutsche Gesang klangvoll ertönte. In der Begrüßung sagte der dortige Ortspfarrer mit Freude, dass die heilige Hedwig nun wieder ihre Muttersprache gehört habe. Wir müssen dorthin zurückkehren, genauso, wie wir nicht die anderen Orte vergessen dürfen, die für jeden deutschen Schlesier von Bedeutung sind.

Zu solchen Orten gehören Friedhöfe und Gräber gefallener Soldaten, überall, wo sie sich befinden. Der Tod eines Soldaten ist dann am tragischsten, wenn er für eine falsche Sache stirbt. Deutsche Soldaten, die in Schlesien gefallen sind, starben vor allem in den letzten Monaten des bereits verlorenen Krieges. Hier taten sie es in der Gewissheit, dass sie das eigene Vaterland und ihre Landsleute beschützten. Groß Nädlitz ist der Ort der letzten Ruhe für ca. 18.000 Soldaten und es werden immer mehr, deren sterbliche Überreste von verschiedenen, oft unwürdigen Plätzen, hierher verlegt werden. Das Gebet und die Ehrerweisung für sie am vergangenen Samstag durch die Pilger war ein ergreifendes Ereignis.

Es gibt auch schlesische Orte weit von hier entfernt. Tausende Soldaten aus Schlesien starben weit weg von hier. Die Teilung Europas nach dem Krieg führte dazu, dass Millionen Menschen ihre Heimat zunächst unter Zwang und später aus unterschiedlichen Gründen schon freiwillig verlassen haben. Hierher kamen dann hunderttausende Menschen aus verschiedenen Teilen Polens, die irgendwo im Osten die Gräber ihrer Verwandten allein lassen mussten. Daher findet man auf jedem schlesischen Friedhof ein Kreuz, das symbolisch steht für all die Toten, die irgendwo in weiter Ferne ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Ein solches Kreuz wurde am Sonntag nachmittag in Guttentag wiedereingeweiht. Dank der Familie Ziaja und der lokalen Firma von Herrn Szczecin erstrahlte das Kreuz im neuen Glanz mit der alten Aufschrift: „O Mensch bedenk, ich lebte, litt und starb fuer dich, so lebe, leide und sterbe du fuer mich” Es ist ein wichtiges und nachahmungswürdiges Beispiel der Sorge um für uns wichtige Orte. Doch denken wir auch an all die anderen.

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Leben ohne Verbitterung

     

Die heutige Kolumne schreibe ich in einem ziemlichen Missklang. Am Dienstag nämlich, statt bei der Eröffnung des Schlesienseminars in Groß Stein dabei zu sein, fahre ich nach Warschau zur Sitzung des Gemeinsamen Ausschusses der Regierung und der nationalen Minderheiten. Aus einer Standardsitzung wurde sie zu einem wichtigen Ereignis, denn die Deutschen in Polen erhielten Unterstützung von anderen Minderheiten, die letzte Woche gemeinsam den Standpunkt der Regierung gegenüber der deutschen Volksgruppe, ausgedrückt durch Minister Szymon Szynkowski vel Sęk, kritisiert haben. Außerdem wurden die Minderheiten letzte Woche mit der Information überrascht, die finanzielle Unterstützung für die Volksgruppen solle um 10% reduziert werden. Erfreulich dabei ist, dass alle den Standpunkt ablehnen, wonach die polnische Regierung die Unterstützung für ihre Bürger aus einer nationalen Minderheit von der Situation der Polen in einem anderen Land abhängig machen kann!

In dieser Situation war mein Wochenende in Bad Kösen beim Naumburg zum 75. Geburtstag von Prinz Franz-Friedrich von Preußen ein völliges Kontrastprogramm. Ich war mir gar nicht bewusst, welch schönes Fleckchen Erde die Region Saale-Unstrut ist, vor allem, wenn man sie von der Rudelsburg aus betrachtet. In diesem Schloss versammelten sich die Gäste des Prinzen von Preußen, darunter viele Vertreter des deutschen Adels. Ich kenne den Prinzen seit einigen Jahren, also überraschte mich nicht, dass er schon in seiner Einladung geschrieben hatte, er wünsche sich keine Geschenke, dafür eine Spende für das Psychiatrische Kinder- und Jugendkrankenhaus in Saabor/Zabór im Lebuser Land. Wieso? Dieses befindet sich im Schloss, in dem das Geburtstagskind geboren und aus dem es zusammen mit seiner Mutter vertrieben wurde.

Das Thema Vertreibung sowie Heimat- und Besitzverlust, dazu die oft unsinnige Zerstörung der Güter, Schlösser, sogar der Grabmale der Vorfahren, kehrte in vielen Gesprächen wieder. Doch man würde sich wundern, wenn man meinte, diese Menschen würden deswegen ihr Leben in Verbitterung verbringen. Sie arbeiten, haben Firmen gegründet und die Prinzessin von Preußen lief während des Geburtstages zwischen den Tischen umher, kümmerte sich um das Essen, die Getränke und eine gute Atmosphäre, so wie es jede Gastgeberin tut. Am treffendsten formulierte es einer der Gäste: „Wenn es einen Gott gibt, dann wollte er es so. Und wenn es ihn nicht gibt, ist eh alles egal. Ich glaube, es gibt einen Gott.“ Und dann hörte ich: „Ich kann überall sterben, doch begraben will ich zu Hause sein, auf dem Friedhof unweit von Breslau, wo seit dem 16. Jahrhundert meine Vorfahren ihre letzte Ruhe gefunden haben.“

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Olga Tokarczuk und Schlesien

Die Emotionen nach den Parlamentswahlen haben nachgelassen. Die Analysen werden noch andauern. Als einer der Kandidaten der Deutschen Minderheit habe ich eigene Reflexionen, und zwar dank der Treffen in Dutzenden von Ortschaften der Woiwodschaft mit Wählern, die zumeist zu den alteingesessenen Bewohnern Schlesiens gehören und sich dessen bewusst sind. Nicht immer identifizieren sie sich dabei mit der Deutschen Minderheit. Diese Begegnungen verdanke ich den Wahlen, doch ihr Umfang überstieg oft die Perspektive der bevorstehenden Wahlen.

Die letzte Woche vor dem Wahlsonntag war bestimmt von der Nachricht über den Nobelpreis für Olga Tokarczuk. Die Bedeutung dieses Preises verstehen wir, die sich mit der deutschen Kultur identifizierenden Schlesier, besonders gut, denn seit jeher zählen wir zu den wichtigen Elementen der schlesischen Identität die Riege der schlesischen Nobelpreisträger. Als langjähriger Leser der Prosa Tokarczuks habe ich mich sehr gefreut und reihte mich zu den vielen dazu, die ehrlich die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees lobten. Unehrlich taten es die Mitglieder der Regierung und Parteiaktivisten, die die Schriftstellerin als „intellektuellen Schädling“ ansehen. Dies erinnerte mich an den Tag, an dem Karol Wojtyła zum Papst gewählt wurde. Die damaligen Medien brauchten einen ganzen Tag, um eine Stellungnahme der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei zu erhalten, um erst in den Abendnachrichten die vorsichtige Meldung zu bringen, dass diese Wahl "eine besondere Anerkennung der Leistungen der Volksrepublik Polen und der Bedeutung des polnischen Volkes" ist.

Ein Internetuser, der sichtlich überrascht gewesen ist, dass auch auf den Seiten der deutschen Minderheit über den Nobelpreis für Tokarczuk geschrieben wurde, fragte: „Was haben denn die Deutschen mit Olga Tokarczuk gemeinsam?“ Diese Frage lässt uns darauf hinweisen, was Gegenstand des Streites der Schriftstellerin mit der derzeit in der Regierung vorherrschenden Ideologie ist, und zwar die Offenheit. Die polnische Schriftstellerin mit ukrainischen Wurzeln, die in Züllichau geboren wurde und in Schlesien aufgewachsen ist und sich mit dieser Region verbunden  fühlt, öffnete sich für deren deutsche Kultur und wurde auf das deutsche Schicksal der Vertreibung und des Heimatverlustes aufmerksam. Das fühlt auch der Zuschauer des Films "Die Spur" (Pokot), der auf ihrem Roman basiert. Der Leser des Buches "Taghaus, Nachthaus" (Dom dzienny, dom nocny) bewegt sich zwischen Polen aus dem Osten und Deutschen sowie deren Geschichten, die sich im kulturellen Grenzgebiet durchdringen. Albendorf, das heutige Wambierzce, die heilige Wilgefortis, Franz Frost und der sehnsüchtige Peter Dieter, der nach Jahren weiß, "dass er zu spät gekommen ist, denn er ist zu alt für Rührungen" und auf dem Wanderweg an der polnisch-tschechischen Grenze stirbt mit Erinnerungen an die Krippe in Albendorf.

Olga Tokarczuk ist mit den Deutschen verbunden, weil sie unser Schlesien fühlt.

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Nicht die Stimme vergeuden

Vor den Wahlen, die am kommenden Sonntag auf uns zukommen, hört man immer wieder verschiedene Bedenken der Wähler. Es kommt einem vor, als würde immer noch die fälschlicherweise von einigen Medien verbreitete Information vorherrschen, dass ein Abgeordneter der deutschen Minderheit im Sejm garantiert sei.

Wenn wir in Ungarn leben würden, wäre es auch wirklich so. Doch nationale Minderheiten in Polen haben kein derartiges Privileg wie die in Ungarn lebenden. Außerdem gibt es nur in der Woiwodschaft Oppeln eine Liste des Wahlkomitees Deutsche Minderheit, die neben Listen anderer Parteien zur Wahl steht. Darüber hinaus kann man noch in der Woiwodschaft Schlesien einen Kandidaten der deutschen Minderheit auf der Liste der Bürgerkoalition finden. Nirgendwo anders taucht die Minderheit bei diesen Wahlen auf, weshalb eine Mobilisierung unserer Gemeinschaft so wichtig ist.

Ein Abgeordneter der deutschen Minderheit, bislang Ryszard Galla, entscheidet wie jeder andere Abgeordnete in allen Dingen, mit denen sich der Sejm befasst. Ähnlich wäre es bei einem Senator. Und da kommen eben die weiteren Bedenken der Wähler, die bezweifeln, ob man mit einem oder zwei Stimmen überhaupt etwas im Parlament erreichen kann. Mathematisch gesehen vielleicht nicht, aber inhaltlich um so mehr. Und dafür gibt es viele Beispiele.

Dazu zählt die Tatsache, dass Dank der Anwesenheit unseres Abgeordneten in der letzten Amtsperiode erreicht werden konnte, dass Denkmäler für gefallene deutsche Soldaten nicht von einer geplanten Gesetzesänderung betroffen wurden, die im Grunde den Abbau dieser Mahnmale vorgesehen hätte. Man kann auch negative Beispiele nennen, dass trotz großer Bemühungen etwas nicht aufgehalten werden konnte. Als Beispiel kann hier die diskriminierende Anforderung für Richter angeführt werden, sie dürften ausschließlich die polnische Staatsbürgerschaft besitzen. Leider haben in diesem Fall auch die Abgeordneten der Opposition eine solche Änderung als nicht wichtig genug erachtet, um unseren Abgeordneten zu unterstützen. Dies sowie unser einsames Ringen mit dem Bildungsministerium, das den Zugang zum Deutschunterricht in unseren Schulen erschwert, zeigen, dass in strikt minderheitsbezogenen Themen keine politische Partei sich auf unsere Seite stellt.

Das ist eine schmerzhafte und langjährige Erfahung. Eine Erfahrung, die lehrt, dass die schlesische Stimme nur dann nicht vergeudet wird, wenn sie auf einen Kandidaten der Deutschen Minderheit fällt.

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Das Gesicht des Wahlkampfes

Es dauert der Wahlkampf an, dessen Bilder in den Medien präsentiert werden und ungeachtet der politischen Sympathien zur Reflexion zwingen. Wie es in Polen üblich ist, übertreffen sich die politischen Parteien in Emotionen. Am einfachsten ist es, diese zu entfachen, wenn wirkliche oder fiktive Affären aufgedeckt werden, Plänkler zu Wort kommen oder statt eigener Programme die der Gegner lächerlich gemacht werden. Emotionen entstehen auch dank des Geldes, was in der letzten Zeit im Wahlkampf zur Norm wurde. Eine Norm, die aus offensichtlichen Gründen nur von der Regierungspartei genutzt werden kann. Immer weitere Sozialtransfers oder deren Ankündigung, von denen einige sinnvoll waren, haben längst eine Grenze überschritten, sodass sie nun aus makroökonomischer Sicht schädlich sind und das gemeinsame Konto für die Zukunft belasten. Sie haben aber Einfluss auf die Wähler. Daher machen sie auch viele Politiker abhängig und der Opposition geben sie im Grunde keine Chance auf die Entwicklung eigener sinnvoller Programme. Eine andere Sache ist, ob die Oppositionsparteien lange vor den Wahlen an Alternativen und schlüssigen Programmen gearbeitet haben. Es war schwierig, dies zu sehen.

Ein Bild des Wahlkampfes sind die bunten Banner und Plakate an Zäunen, Brücken und anderen Flächen. Neben dem Gesicht und einem Slogan beinhalten sie zumeist nichts mehr. Ein anderes Bild sind Treffen mit Wählern. Millionen Menschen sehen fern und hören die Tiraden und Reden im Blitzlichtgewitter, in Hallen und Stadien und die Medien entnehmen daraus einzelne Sätze nach ihrem Gusto. Öffentlich-rechtliche Medien, die schon längst ihren öffentlichen Charakter und die Mission verloren haben, sind dabei keine Informationsgeber mehr sondern Teilnehmer des Wahlkampfes.

Im Schatten der polenweiten Gefechte führen regionale Gruppierungen ihren Wahlkampf weniger spektakulär. Das sieht man am Beispiel Oberschlesiens, wo die Wähler daran gewöhnt sind, dass auf den Listen Kandidaten auftauchen, die nicht zum Mainstream gehören. Dazu zählen auch Kandidaten der deutschen Minderheit in beiden oberschlesischen Woiwodschaften. Wenn man die sozialen Medien beobachtet, sieht man, mit welcher Mühe, aber auch Wertschätzung für die Wähler, die Kandidaten Dörfer und Städte besuchen und sich mit deren Bewohnern treffen. Schade, dass bei diesen Treffen vor allem der ältere und erfahrenere Teil der Gesellschaft diesen qualitativen Unterschied bemerkt - zwischen dem einfachen Aushängen von Bannern und einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht sowie den Gesprächen mit hunderten von Bewohnern, nicht nur von Großstädten und nicht immer im Blitzlichtgewitter, sondern in den DFKs und den Dorfclubs.

Hoffentlich stellen wir uns beim Urnengang die Frage, welche der von den Plakaten lächelnden Personen irgendwann vor oder im Wahlkampf in unser Dorf gekommen ist. Wen interessierte wirklich meine Meinung? Ist es nicht sicherer, die zu wählen, für die ich ein Teil ihrer Heimat bin und nicht nur einer von Millionen anonymer Einwohner Polens.

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Brief aus dem Heiligen Land

Wenn dein Reiseführer ein Bibelkundiger ist, wird die Reise durch Cäsarea, Nazareth, Kafarnaum, Magdala, Bethlehem, En Kerem, Jerusalem und viele andere Orte zu einer Reise nicht nur durch mehrere Jahrhunderte Bibelgeschichte, sondern auch durch die Geschichte der ersten Pilger und Kreuzritter, Sakralbauten und Klöster sowie durch ein zu denken gebendes Dasein des Christentums trotz völligen Wechsels der Herrscher und der dominierenden Religionen von den Zeiten Jesu bis heute. Wenn der Reiseführer zudem Theologe ist, werden im Heiligen Land die Lehre der Kirchenväter, der Mailänder Vereinbarung, der Strömungen des Nestorianismus, die Einflüsse der ersten Synoden, der byzantinischen und römischen Kirche sichtbar. Das Heilige Land lehrt auch, dass es möglich ist, aus einem Land mit einem blühenden Christentum durch Überfälle eine Region ohne Kirchen und mit einem dominierenden Islam zu machen. Und gleichzeitig lehrt es, dass das Christentum trotzdem weiter besteht.

Heute jedoch ist die Sprache der Christen in Palästina arabisch und in dieser Sprache verzieren viele Bewohner von Bethlehem die Hausfassaden mit Zitaten aus der Heiligen Schrift. Genauso tun es ihre muslimischen Nachbarn mit den Suren des Korans. Das Heilige Land zeigt, wie wenig eurozentristisch die Kirche heute ist. An allen Orten sieht man andächtige und betende Gesichter aller Kulturen Asiens, Afrikas, Südamerikas. Indianer, Hindus, Thais, Japaner, Chinesen, Koreaner neben Afrikanern und Arabern. Locker angezogene Europäer aus dem Westen neben Russinnen, die ihre Köpfe mit Tüchern bedecken, kurze Hosen neben langen Saris und bunt angezogenen Bewohnern Afrikas. Katholiken, Russisch-Orthodoxe und Protestanten - für sie alle ist die Erde, auf der Jesus gegangen ist, heilig. In den Gotteshäusern, die mehrheitlich in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden sind, sieht man Aufschriften in griechischer, lateinischer und arabischer Sprache und an den Wänden vor der Kirche Mariä Heimsuchung in En Kerem das Magnificat in unzähligen Sprachen der Welt.

Wenn man auf diese fröhliche Gemeinschaft in der Geburtskirche schaut, auf die weißen, schwarzen und gelben Gesichter in Franziskanerkutten, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Krise der Kirche ein Problem unseres Erdteils ist. Hier im Heiligen Land ist die Kirche lebendig und sie verblüfft mit ihrem Strahlen neben der jüdischen und arabischen Kultur. Wenn man durch die Straßen geht, durch die schon Jesus gegangen ist, dann vor der Klagemauer in Jerusalem steht und ungezwungen durch eine Synagoge geht, in der gerade Juden im Gebet vertieft sind, versteht man, wieso sie die älteren Brüder im Glauben genannt werden. Und wenn über den Köpfen der betenden Christen und Juden auf einmal die Stimme des Muezzin die Muslime zum Gebet ruft, spürt man keinen Missklang. Es ist wohl so, weil Menschen mit einer starken Identifikation und einem starken Glauben keine Angst vor der Offenheit gegenüber anderen haben.

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