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Völkerverständigung mit Richard Henkes

Seit Jahren ist schon bekannt, dass der VdG Pilgerreisen zu den schlesischen Wallfahrtsorten organisiert, bei denen jahrhundertelang die Schlesier gemeinschaftlich gebetet haben. Damit stärken wir zwei wichtige Seiten der schlesischen Identität: den Glauben und die Bindung an die deutsche Sprache, Geschichte und Kultur. Bei der Wallfahrt nach Zuckmantel spielt die Völkerverständigung eine sehr wichtige Rolle. Schließlich ist das die Wallfahrt der Nationen zu Maria Hilf, wo alle drei benachbarten Sprachen wichtig sind.

Vor kurzem wurde mir gesagt, dass die diesjährige Wallfahrt besonders mit der Seligsprechung von Pater Richard Henkes am 15.09. in Limburg verbunden ist. Wieso? Vor zwei Wochen habe ich auf der Rückreise aus Königswinter von der A3 das prachtvolle Schloss in Montabaur gesehen. Nicht weit von dort ist Henkes geboren und ebenso unweit in Limburg wurde er 1925 zum Priester geweiht. Kurz danach kam er 1931 als Pallottiner nach Oberschlesien und wirkte hier fast bis zum Ende seines Lebens. Hier musste er sich als Priester mit hohen Idealen mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. In Katscher wurde er Schullehrer, aber er predigte in vielen Kirchen Schlesiens, vom Hultschiner Ländchen bis nach Frankenstein und den St. Annaberg.

Bekannt als konsequenter Kritiker der Nazi-Politik stand er schon vor dem Krieg vor dem Sondergericht in Breslau, aber erst im April 1943 wurde er von der Ratiborer Gestapo verhaftet und in das KZ nach Dachau gebracht. Dort hatte sich Henkes als Freiwilliger im Wissen um die eigene tödliche Bedrohung bei den Typhuskranken von Block 17 einschließen lassen, um sich um diese zu kümmern. Nach rund zwei Monaten im Dienst der Nächstenliebe infizierte er sich und innerhalb von fünf Tagen raffte ihn der Tod dahin. Er lebte ein Leben, in welchem das Bekenntnis des Glaubens und der Werte, die aus dem Evangelium ausstrahlen, wichtiger waren als lebensbedrohende Konsequenzen.

Henkes war kein geborener Schlesier, aber sein Leben mit unserer Heimat war so tief verbunden, dass wir ihn bestimmt als schlesischen Heiligen betrachten dürfen. Er steht in einer Reihe mit Gerhard Hischfelder aus Glatz, Maria Merkert aus Neisse und vielen anderen deutschen Seligen und Heiligen Schlesiens, die von der Katholischen Kirche in den heute polnischen Diözesen Schlesiens nicht vergessen werden dürfen und verehrt sein sollen. Das dürfen wir verlangen. Im Dienst des Glaubens und der Völkerverständigung.

Bernard Gaida

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Wie nennt man das?

Es ist logisch, dass Unternehmer anders auf die Wirtschaft schauen als Arbeitnehmer. Einen noch anderen Blick darauf haben Menschen, die im öffentlichen Dienst tätig sind. Doch die soziale Marktwirtschaft führt dazu, dass die unterschiedlichen Sichtweisen auf natürliche Art einen Kompromiss suchen. Es kommt manchmal zu Streiks, doch fast immer enden sie am Verhandlungstisch, wo die Parteien sich gegenseitig zu überzeugen suchen. Der Kompromiss zwingt alle Seiten zum Einlenken.  

Es ist nicht gut, wenn der Staat die Rolle desjenigen einnimmt, der, statt auf die Bedingungen für einen Kompromiss zu achten, die Rolle des Schiedsrichters spielt und seine Lösungen aufzwingt. Schlecht ist es, wenn die Rolle des Staates die Regierungspartei einnimmt, die von der Wiederwahl besessen ist. Dann nämlich ist es schwer, einen Kompromiss zu erreichen zwischen denen, die als Unternehmer Gewinne erzielen, auf Rentabilität achten, technische Effektivität sicherstellen, neue Märkte suchen und damit Einkünfte für den Staatshaushalt erbringen, und denen, die als Angestellte an einer höchstmöglichen Umverteilung dieser Gewinne interessiert sind. Es ist schlecht, denn Arbeitnehmer gibt es mehr als Arbeitgeber und der Hang, die Letzteren übermäßig zu belasten wird zur Normalität.

Eines dieser Regulierungswerkzeuge ist der sog. Mindestlohn. Zur Wesensart konservativer Parteien gehört es, im Gegensatz zu sozialdemokratischen, auf staatliche Regulierung der Einkommen im privaten Sektor zu verzichten. In Deutschland wurde der Mindestlohn zum ersten Mal im Jahr 2015 eingeführt, als nach Jahren der Diskussion die CDU ihrem Koalitionspartner nachgegeben hat. Man muss nicht hinzufügen, dass es bedeutet, der heutige Stand der sozialen Marktwirtschaft und der relativ hohe Wohlstand wurde dort eben ohne Regulierungen erreicht. Es gibt aber auch einen anderen Grund für dessen Einführung. Diese Regulierung hatte zum Ziel, zu niedrige Löhne und Dumpingpreise zu verhindern.

Der in Polen angesagte rasche Anstieg des Mindestlohns dient einem Anstieg der Löhne, der, weit entfernt vom realen Niveau der Rentabilität der Wirtschaft, einigen Branchen schaden wird. Der Anstieg der Löhne führt zur Preiserhöhungen und zum Anstieg der ohnehin hohen Inflation. Er führt zur Abwanderung weiterer Firmen in Nachbarländer mit niedrigeren Lohnkosten. Wenn man dazu alle anderen Sozialtransfers zählt, die doch auch die Lohnkosten oder Steuerabgaben belasten, wird die Gefahr noch größer. Gleichzeitig scheint es so, als wäre das Ziel des Risikos, dessen sich sowohl der Premierminister als auch die Minister bewusst sein müssen, ausschließlich das politische Interesse einer Gruppierung. Wie nennt man das?

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Wie lange noch?

Als ich die Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges analysierte, hatte ich leider den Eindruck, dass, je mehr Pathos im Gedenken, umso größer die Entwertung des Inhalts der Worte und der dahinter stehenden Werte ist. Die Medien berichteten über die Worte von Bundespräsident Steinmeier in Wieluń: "Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wieluń. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung." Einige Stunden später sagte er in Warschau: "Ich bitte um Vergebung für Deutschlands historische Schuld. Ich bekenne mich zu unserer bleibenden Verantwortung."

Einen Tag später erhielt ich von einem Bekannten außerhalb Polens und Deutschlands eine kurze Nachricht: "Wie lange/bis wann sollen/müssen Angehörige des Deutschen Volkes um Verzeihung bitten? Warum sollen neue Generationen für die Sünden ihrer Vorfahren zahlen? Sie haben doch nichts damit zu tun gehabt.“ Der Sinn dieser Frage wurde mir vor allem deutlich, als mir bewusst wurde, dass die Bitte Steinmeiers unbeantwortet blieb. Vielleicht, weil die Worte der Entschuldigung von deutscher Seite in Polen so betrachtet werden, als bedürfen sie keiner Reflexion oder Antwort. Um Vergebung baten im Jahr 1994 Roman Herzog, im Jahr 1999 Johannes Rau. Wer erinnert sich heute daran? Gerade vor einem Monat bat in Warschau Außenminister Heiko Maas um Vergebung. Die Bedeutung seiner Worte bagatellisierten viele polnische Publizisten und Politiker und setzten sie den polnischen Erwartungen eines Einlenkens der Forderungen nach Wiedergutmachung für den Krieg gleich.

Wirklich in Erinnerung blieben die Worte der polnischen Bischöfe, die 1965 allgemein kritisiert, das Bewusstsein doch aufrüttelten, da sie auf der Gegenseitigkeit des Vergebens basierten, die Politiker, wie man heute sieht, bislang nicht erreicht haben. Es lohnt sich, in die gemeinsame Erklärung der polnischen und deutschen Bischöfe hineinzuschauen, die aus Anlass des 40. Jahrestages des damaligen Briefwechsel veröffentlicht wurde, um zu erkennen, dass wir in den deutsch-polnischen Beziehungen von korrekten Verhältnissen immer noch, oder aber wieder, weit von einer wahren Versöhnung entfernt sind: "Ihr bewegendes und geradezu prophetisches Wort hat Geschichte geschrieben: 'Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung'. (...) Die Gabe der Versöhnung wird uns nur geschenkt, wenn wir uns ehrlich der ganzen Wahrheit stellen, Reue für die begangenen Verfehlungen empfinden und uns Vergebung gewährt wird.(...) 'Nur die Wahrheit kann uns frei machen, die Wahrheit, die nichts hinzufügt und nichts weglässt, die nichts verschweigt und nichts aufrechnet' (vgl. Joh. 8,32). (...) Nur wenn wir uns der ganzen Wahrheit stellen und gleichzeitig dem Geist der Aufrechnung abschwören, können wir eine einseitige Sicht auf die je eigene Geschichte verhindern und die Gegenwart und Zukunft für ein fruchtbares Miteinander öffnen“

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Begegnungen

Letztes Wochenende, wie in den Jahren zuvor, kamen zur Pilgerfahrt in das Sanktuarium Mariä Heimsuchung nach Wartha viele Schlesier, die ihren deutschen Wurzeln treu sind. Die Predigt hielt der bekannte deutsche Patrologe und Kirchenhistoriker Prof. Hubertus Drobner aus Paderborn. In Bezug auf die "Heimsuchung" konzentrierte er sich auf ihre heutige Definition und bezeichnete sie als "Kommunikation", die durch die damalige Begegnung zwischen Maria und Elisabeth stattgefunden hat.

In Zeiten, in denen wir einen Überfluss an Kommunikation erleben, die auf einem schnellen und allgemeinen Zugang zum Internet basiert, erweckt diese den Anschein, man könne die persönliche Begegnung damit ersetzen. Das hat auch noch einen anderen Aspekt. Drobner wies auf den Inhalt der Kommunikation hin, also darauf, dass sie inhaltsleer sein kann. Inhalt der biblischen Heimsuchung war die Überbringung der frohen Botschaft an Elisabeth. Es war also Kommunikation, eine Begegnung mit einem wichtigen Ziel, das Freude, Kraft und Verbindung zwischen Menschen geben sollte. Vor diesem Hintergrund sieht die heutige Kommunikation, die mehrheitlich aus einem entmenschlichten Andrang an Informationen und Impulsen oder sogar medialen Manipulationen und keiner wirklichen Begegnung besteht, abgemagert und wie ein krasser Kontrast aus.

Doch eine Pilgerfahrt ist zweifellos eine Begegnung mit Menschen und zwar solchen, die zumindest zwei wichtige Aspekte verbindet: der Glaube und die Bindung an unser schlesisches Deutschtum. Wir kamen aus verschiedenen Teilen Schlesiens und wie schön war es zu sehen, als uns nach der Heiligen Messe das Blasorchester aus Zülz mit einem Konzert die Zeit versüßte und wie die Menschen aus Glatz und Ratibor, aus Breslau und der Nähe von Oppeln miteinander ins Gespräch gekommen sind.

Diese Atmosphäre der Begegnung dauerte dann bis in den Montag hinein, als in Liegnitz Vertreter aller niederschlesischen Organisationen der deutschen Minderheit zusammengekommen sind und über eine bessere, tiefere Kooperation gesprochen haben. Das Treffen fand auf Initiative des VdG statt. Die Idee dahinter war es, bessere Synergieeffekte zu erreichen, basierend auf dem Potenzial der einzelnen Verbände sowie den Koordinierungsmöglichkeiten des Büros in Breslau. Es erfreute eben die Atmosphäre des Treffens, die das Gefühl einer Gemeinschaft der Ziele für Gruppen von Glatz bis Grünberg gab.

Für mich persönlich war es eine Gelegenheit zu einer zweitägigen Entdeckungsreise durch Schlesien über Kamenz, Wartha, Silberberg, Fürstenstein und Liegnitz. Man könnte im übertragenen Sinn sagen, dass die persönliche Begegnung mit der Geschichte und der greifbaren Gegenwart dieser Orte meine Kommunikation mit Schlesien gewesen ist. Heimat kann zu uns sprechen, und wenn wir uns für sie öffnen, kann sie unsere Identitäten, die deutsche und die schlesische zugleich, stärken.

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Gedanken über alles

Wenn man innerhalb von ca. zwei Wochen die „Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten” von Alfred-Maurice de Zayas, die „Unfreiwillige Ökumene in Niederschlesien nach 1945“ von Annemarie Franke, Nicola Remig und Inge Steinsträßer und den „Reisenden“ von Ulrich Boschwitz gelesen hat, dann scheint es zunächst eine chaotische Streuung zu sein. Die Vertreibung der Deutschen in der Darstellung eines Juristen und Experten des UN-Menschenrechtsrates ist das Thema des ersten dieser Bücher. Das zweite schildert das Leben deutscher Christen beider Konfessionen in Niederschlesien in den Nachkriegsjahren und das letzte schließlich ist eine literarische Beschreibung über das Leben der Juden im Dritten Reich an einigen Tagen zu Beginn des Novembers 1938. Trotz dieser unterschiedlichen Thematik bilden sie dennoch ein Ganzes voller Ähnlichkeiten.

Sie alle sind Niederschriften über eine schreckliche Zeit des Leidens wegen des Heimatverlustes sowie über ein Leben, das den Betroffenen als normal erschien. Und alle betreffen sie auch Zeiten, in denen es formell keinen Krieg gibt, es herrscht Frieden. Alle darin geschilderten Ereignisse geschehen außerhalb des Zeitraums zwischen 1.09.1939 und 8.05.1945, und dennoch hat man als Leser den Eindruck, Kriegsberichte zu lesen. So verliert in Boschwitz’ Roman die Hauptfigur, ein jüdisch-deutscher Kaufmann, in nur drei Tagen Freunde, seine Firma, die Ersparnisse seines ganzen Lebens und vor allem sein Land, welches für ihn einzig und allein Deutschland ist. Erschütternd sind dabei seine Gedanken. Er ist Bürger eines Landes, das ihn rechtlos gemacht hat und muss feststellen, er befinde sich nun „in einem Heimatland auf feindlichem Territorium”. Der Roman gewinnt noch zusätzlich dadurch an Kraft, dass der Verfasser ihn zu Beginn des Jahres 1939 schrieb!

Auch im populärwissenschaftlichen Buch de Zayas’ finden sich Aussagen, die den Ereignissen unserer Zeit gleichen. So schreibt Philosoph Bertrand Russel am 19.10.1945 in der „Times”: „In Osteuropa werden jetzt von unseren Verbündeten Massendeportationen in einem unerhörten Ausmaß durchgeführt, und man hat ganz offensichtlich die Absicht, viele Millionen Deutsche auszulöschen, nicht durch Gas, sondern dadurch, dass man ihnen ihr Zuhause und ihre Nahrung nimmt.(..) Das gilt nicht als Kriegsakt, sondern als Teil einer bewussten Friedenspolitik“. In der dritten Publikation schließlich schreibt einer der deutschen Priester, die man aus ihrer Pfarrei hinauswarf . Dadurch wurden sie zu „wandernden Hirten”, die nunmehr hinter verschlossenen Türen Beichten abnahmen und Predigten hielten: „Wie einsam und heimatlos ist er in der Heimat”.

Die Beschreibungen und Gedanken in all diesen Veröffentlichungen führen den Leser zu der Reflexion, sie seien eine Niederschrift über den Untergang der Zivilisation. Sie stellen somit die Frage nach der Kraft einer Zivilisation, in der solcherlei möglich ist. Diese Frage scheint nun im Kontext unserer Wirklichkeit Prof. T. Gadacz in einem „Polityka”-Interview universell zu beantworten. Dort weist er darauf hin, dass nur ein Denken, das sich auf die unserer Zivilisation zugrundeliegende Philosophie stützt, uns vor ihrem Verfall schützen kann, welcher immer eine Verletzung der Grundprinzipien ist. Dieses Denken müsse aber im Kanon der Allgemeinbildung und nicht nur bei den intellektuellen Eliten etabliert werden. Leider sei ein ständiges Abdriften weg vom Humanismus, hin zu „bio-“, „info-“ und „techno-“ zu beobachten, welches eine Verarmung der Kultur sei. Wie eine Drohung klingen seine Worte: „Eine Zivilisation kann die Kultur, in der sie gewachsen ist, verwerfen, aber es ist nicht sicher, dass sie es überleben kann”.

Bernard Gaida

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Der Schatten von Lamsdorf

"Schatten von Łambinowice" heißt ein Buch von Edmund Nowak. Letztes Wochenende ist die Erinnerung an diesen Schatten aufs Neue erwacht, und zwar nicht nur, weil ich für einige Woche nun im 7 km von Lamsdorf entfernten Friedland wohne. Sondern auch, weil das Gedenken an diesen langen Schatten des Nachkriegslagers in Lamsdorf von den Menschen aus den hiesigen Dörfern nicht vergessen und nicht an die Historiker abgegeben wurde. Der Schatten lebt bis heute weiter. Aus der Geschichte wissen wir, dass die Mehrheit der Internierten deutsche Bewohner aus den um Lamsdorf gelegenen Dörfer gewesen sind. Für sie hat das Falkenberger Landratsamt im Juli 1945 ein "Konzentrationslager" eingerichtet, das später Arbeitslager genannt wurde.

Soweit die Geschichte, die heute auch dank des Engagements der deutschen Minderheit gut bekannt ist. Die heutige Dimension des Schattens erlebte ich am Sonntag, als ich in der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Friedland gehört habe, dass auf dem Schwedischen Bergchen eine "Gelöbnismesse" des Dorfes Polnisch Jamke gelesen wird. Zu dieser Messe habe ich es nicht geschafft , bin aber später zu diesem Ort gefahren. Als ich näher an die mitten in den Getreidefeldern liegende Wallfahrtskirche kam, sah ich mit Erstaunen viele Autos und um die Kirche wurde der Kreuzweg gebetet. Da ich der Meinung war, es handele sich immer noch um Pilger aus Polnisch Jamke, wollte ich nur nach dem Hintergrund für die „Gelöbnismesse“ fragen, aber es stellte sich heraus, dass es sich hierbei nun um eine "Gelöbniswallfahrt" des Dorfes Pogosch handelt. Ich schloss mich der Andacht an, im Schatten der Bäume rund um das Schwedische Bergchen mit einer wunderschönen Aussicht auf das Oppagebirge. Mich verwunderte die für eine lokale Wallfahrt große Anzahl der Menschen aus einem Dorf und das warf die Frage nach der Geschichte des Gelöbnisses auf.

Einer der ältesten Teilnehmer der Andacht erklärte mir ruhig und in einem wunderschönen Deutsch, dass im Jahr 1945 die Bewohner von Pogosch vertrieben werden und in das Lager in Lamsdorf kommen sollten. Diese Entscheidung wurde aber nie ausgeführt und die Bewohner konnten in ihren Häusern bleiben. Es wurde gesagt, dass dies geschehen sei, weil das Lager, das im Grunde ein Übergangslager für vertriebene Deutsche sein sollte, deren Häuser für die ankommenden "Repatrianten" gebraucht wurden, überfüllt war. Die Bewohner haben daher feierlich gelobt, dass sie seitdem jedes Jahr für ihre Rettung mit einer Wallfahrt zum Schwedischen Bergchen danken werden. Sie gedenken dessen bis heute und kommen.

Ich dachte, dass vielleicht die Bewohner von Polnisch Jamke eine ähnliche Intention für ihre Gelöbnismesse haben. Einige Kilometer von diesem Dorf liegt nämlich Ringwitz, an dessen Einfahrt eine Votivkapelle alle grüßt. Diese wurde von den Einwohnern im Jahr 1947 erbaut, die im Februar 1945 gelobt hatten, eine Kapelle zu errichten, wenn "der Herrgott unser Dorf, unser Hab und Gut sowie unsere Familien und uns alle vor dem Unglück der Kriege und Zerstörungen bewahrt". Er bewahrte sie und ihren Besitz. Das musste für sie ein Wunder sein, da die Bewohner vieler anderer Orte in der Umgebung in Lamsdorf eingesperrt wurden. Die Kapelle steht. Wallfahrten und Messen werden gelesen. Die Erinnerung an das tragische Jahr 1945 ist hier lebendig.

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Setzen wir auf die Jugend

Hinter uns liegt ein emotionales Wahlwochenende. Zunächst haben wir am Samstag den neuen Vorstand der SKGD im Oppelner Schlesien und dann am Sonntag das EU-Parlament gewählt. Der Urnengang am Sonntag zeigte, worüber ich hier schon mehrmals geschrieben habe, und zwar dass die polnische Gesellschaft weitgehend unvorbereitet scheint der Souveren zu sein. Und dabei denke ich nicht nur an die Wähler, sondern auch an die Politiker. Demokratie ist nämlich eine Art Gesellschaftsvertrag, der Ehrlichkeit in beide Richtungen voraussetzt. Politiker sollten versprechen, dass sie sich kompetent den ihnen aufgetragenen Aufgaben widmen, die Wähler dagegen, dass sie im Lauf der Wahlperiode das Ergebnis achten. Der Wahlkampf dient der Unterzeichnung dieses Gesellschaftsvertrages um die Aufgaben.

Dagegen zeigte die Wahl am Sonntag, dass der Wahlkampf nichts mit den Kompetenzen der Europäischen Union zu tun hatte: Kampf gegen Kinderschänder, weitere Kindergeldzahlungen, eine Immobilie des Premierministers usw. Statt zum Beispiel vertieft über die Aufnahme des Euros zu debattieren, wurde dies emotional durch die PiS angegriffen, und die vermeintlichen Euroenthusiasten hatten keinen ehrlichen Mut ihre Ansichten zu verteidigen. So haben sowohl die politische Klasse als auch die Wähler einen speziellen Vertrag geschlossen, sich während des Wahlkampfes zum EU-Parlament nicht mit europäischer Thematik zu befassen.

Im Gegensatz dazu wussten wir am Samstag, für welche Aufgaben der SKGD-Vorstand gewählt wird. Der Vorstand meiner Organisation, in der ich seit 1990 Mitglied bin, und die ich im Gemeinderat, Kreisrat und dem Regionalparlament (Sejmik) vertreten habe und in deren Vorstand ich zwölf Jahre lang saß. Die jetzigen Wahlen waren für mich persönlich nicht leicht, denn ich fühlte, dass der Moment gekommen ist, trotz Nennung meines Namens als Kandidaten zum Vorstand dies nicht mehr anzunehmen. Ich möchte, dass diese Entscheidung unserer Gemeinschaft dient. Paradoxerweiser sehen wir nämlich deutlich, dass eines unserer größten Probleme der fehlende Austausch von Menschen in unseren Vorständen ist. Und wie ein Mantra wiederholen wir doch, dass uns die Jugend fehlt, geben ihr aber unsere Plätze nicht ab. Als ich aber in den Saal geschaut und die vielen Delegierten gesehen habe, erblickte ich auch viele junge Gesichter, denen man Platz machen sollte.

Als Chef des VdG besuche ich andere Organisationen der deutschen Minderheit und weiß, dass dies in anderen Regionen keineswegs alltäglich ist. Auch in unserer oberschlesischen Nachbarwoiwodschaft konnte man letzte Woche bei der Jahresversammlung der dortigen Deutschen Minderheit nicht viele junge Gesichter sehen. Es lohnt sich also, diejenigen zu motivieren, die es uns hier in Oberschlesien gelang zu gewinnen. Motivieren und ihnen die Verantwortung übertragen. Arbeit gibt es für uns alle genug, und wenn wir diese besser aufteilen, sind wir mehr und können mehr stemmen. Dafür sollten wir bei der kommenden alljährlichen Wallfahrt auf den St. Annaberg beten. Seien Sie unbedingt da!

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Das Jahr der Schlesischen Aufstände

Anfang Mai beginnen gewiss die Gedenkfeierlichkeiten zu den Schlesischen Aufständen. In diesem Jahr werden sie wohl eine breitere Form annehmen, da der polnische Sejm das Jahr 2019 zum Jahr der Schlesischen Aufstände ausgerufen hatte. Daher ist es hier in Schlesien und anderswo Wert über die Ereignisse von vor 100 Jahren nachzudenken. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte der Sejmik der Woiwodschaft Oppeln (Landesparlament), der in seiner Resolution aus diesem Anlass dazu aufgerufen hat aller Gefallenen in den Aufständen zu gedenken und deutlich den Charakter eines Bruderkampfes zeigte. Aus wissenschaftlicher Sicht hat vor der Abstimmung der Resolution Prof. Ryszard Kaczmarek von der Schlesischen Universität, der erst vor kurzem ein opulentes Werk unter dem Titel „Powstania Śląskie 1919-1920-1921“ (dt.: Schlesische Aufstände 1919-1920-1921) herausgegeben hat, eine Einleitung vorgebracht.

Über die Aufstände wurde viel geschrieben, aber nicht alles sollte man lesen. Viele Publikationen, vor allem aber Schulbücher basieren blind auf dem Dogma, dass die Aufstände „ein Aufruhr des Volkes gegen die deutsche Unterdrückung“ gewesen sind. Alles, was diesem Dogma widerspricht, wird ausgeblendet. Doch wenn man die politische Situation von vor 100 Jahren kennt, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wieso brechen Aufstände aus, wenn seit Juni 1919, also seit dem Versailler Vertrag ein offizielles Einverständnis herrschte, dass über das Schicksal Oberschlesiens, Ermland, Masurens und des Oberlandes die Einwohner in Volksabstimmungen entscheiden sollten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass in eben diesen Volksabstimmungen die Einwohner bei einer Beteiligung von der man heute nur träumen kann, also von 98% über das Schicksal so entschieden haben, dass sie mehrheitlich für das Verbleiben in den Grenzen Deutschlands votiert haben.

Wer tiefgründig die Geschichte analysiert, die man in der Schule, zu Hause und manchmal auch während der Besuche auf den Friedhöfen kennenlernt, muss sich die Frage stellen, wieso auf dem Annaberger Friedhof ein Grab der Lemberger Kadetten steht, die bei den Aufständen gefallen sind. Oder wieso ein Bauer die Leichname von Aufständischen, die in der Nähe von Guttentag gefallen sind, zurück nach Tschenstochau gebracht hat. Ryszard Kaczmarek hat sich nicht aller stereotypenhafter Formulierungen entledigt, aber er versuchte in seinem Buch Wissen zu vermitteln über den konspirativen Einfluss des wiederhergestellten Polens auf die Gründung von militärischen Strukturen in Schlesien, auf die Bewaffnung, die Finanzierung und sogar auf die Führung der Aufstände. Er selbst schreibt in der Einleitung, dass in den bisherigen Bearbeitungen „die Tätigkeit der Polnischen Militärorganisation in Oberschlesien und die Kontakte dieser Organisation zur Polnischen Armee und den Offizieren im Umfeld Józef Piłsudskis verschwiegen wurde“. Ich bin sicher, dass die nächste Zeit eine gute Gelegenheit bieten wird unser Wissen zu vertiefen, hoffentlich ohne Mythen aber im Geist der Versöhnung.

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