Log in

Wie lange noch?

Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident/ Prezydent Republiki Federalnej Niemiec Bildquelle: pixabay.com Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident/ Prezydent Republiki Federalnej Niemiec

Als ich die Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges analysierte, hatte ich leider den Eindruck, dass, je mehr Pathos im Gedenken, umso größer die Entwertung des Inhalts der Worte und der dahinter stehenden Werte ist. Die Medien berichteten über die Worte von Bundespräsident Steinmeier in Wieluń: "Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wieluń. Ich verneige mich vor den polnischen Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Und ich bitte um Vergebung." Einige Stunden später sagte er in Warschau: "Ich bitte um Vergebung für Deutschlands historische Schuld. Ich bekenne mich zu unserer bleibenden Verantwortung."

Einen Tag später erhielt ich von einem Bekannten außerhalb Polens und Deutschlands eine kurze Nachricht: "Wie lange/bis wann sollen/müssen Angehörige des Deutschen Volkes um Verzeihung bitten? Warum sollen neue Generationen für die Sünden ihrer Vorfahren zahlen? Sie haben doch nichts damit zu tun gehabt.“ Der Sinn dieser Frage wurde mir vor allem deutlich, als mir bewusst wurde, dass die Bitte Steinmeiers unbeantwortet blieb. Vielleicht, weil die Worte der Entschuldigung von deutscher Seite in Polen so betrachtet werden, als bedürfen sie keiner Reflexion oder Antwort. Um Vergebung baten im Jahr 1994 Roman Herzog, im Jahr 1999 Johannes Rau. Wer erinnert sich heute daran? Gerade vor einem Monat bat in Warschau Außenminister Heiko Maas um Vergebung. Die Bedeutung seiner Worte bagatellisierten viele polnische Publizisten und Politiker und setzten sie den polnischen Erwartungen eines Einlenkens der Forderungen nach Wiedergutmachung für den Krieg gleich.

Wirklich in Erinnerung blieben die Worte der polnischen Bischöfe, die 1965 allgemein kritisiert, das Bewusstsein doch aufrüttelten, da sie auf der Gegenseitigkeit des Vergebens basierten, die Politiker, wie man heute sieht, bislang nicht erreicht haben. Es lohnt sich, in die gemeinsame Erklärung der polnischen und deutschen Bischöfe hineinzuschauen, die aus Anlass des 40. Jahrestages des damaligen Briefwechsel veröffentlicht wurde, um zu erkennen, dass wir in den deutsch-polnischen Beziehungen von korrekten Verhältnissen immer noch, oder aber wieder, weit von einer wahren Versöhnung entfernt sind: "Ihr bewegendes und geradezu prophetisches Wort hat Geschichte geschrieben: 'Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung'. (...) Die Gabe der Versöhnung wird uns nur geschenkt, wenn wir uns ehrlich der ganzen Wahrheit stellen, Reue für die begangenen Verfehlungen empfinden und uns Vergebung gewährt wird.(...) 'Nur die Wahrheit kann uns frei machen, die Wahrheit, die nichts hinzufügt und nichts weglässt, die nichts verschweigt und nichts aufrechnet' (vgl. Joh. 8,32). (...) Nur wenn wir uns der ganzen Wahrheit stellen und gleichzeitig dem Geist der Aufrechnung abschwören, können wir eine einseitige Sicht auf die je eigene Geschichte verhindern und die Gegenwart und Zukunft für ein fruchtbares Miteinander öffnen“