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Pendel

Pendel pixabay.com

Als vor einigen Jahren eine Sejm-Debatte über eine Verschärfung des Abtreibungsrechts entbrannte, war für mich klar, dass ihre Eindämmung nur für einen Moment die Weltanschauungsdiskussion beruhigen würde. Wer das Pendelprinzip kennt, weiß nämlich: Wie weit man das Pendel in eine Richtung ausschlagen lässt, ebenso weit wird es auch in die Gegenrichtung ausschlagen. Diese banale Wahrheit ist eine gute Beschreibung der Realität einer hin- und herschwankenden Gesellschaft. Als Mickiewicz die Worte schrieb „Unser Volk gleicht der Lava: Oben ist sie kalt und hart, trocken und schmutzig, doch das innere Feuer können auch hundert Jahre nicht auskühlen”, konnte er nicht einmal ahnen, wie seine Worte zur jetzigen Zeit in Polen passen würden. Wie treffend benutzte er dabei die Worte über Trockenheit und Schmutz, Kälte und Härte. Hingegen würde es heute naiv klingen, ein inneres Feuer anzupreisen, das hundert Jahre lang nicht erkaltet. Heute kann dieser Kontrast nichts mehr aufbauen, sondern nur noch mit zerstörerischer Kraft verbrennen. In dem unaufrichtigen Weltanschauungskrieg der Politiker ist auch meine Kirche, die mit jedem Monat an Autorität verliert, gänzlich an seinen Fronten verloren. Dabei müsste sie ja ihre Autorität bewahren können – nicht, um über Straßenkämpfe zu richten, sondern um bei dem unvermeidlichen Auseinanderdriften der moralischen Standpunkte den Menschen als ein Kompass dienen, der sich nicht nur auf die Liebe zu Gott stützt, sondern auch zum Nächsten! Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man dann noch salzen? Und sie verliert diesen ja immer mehr, indem sie eine nationale und patriotische Haltung einnimmt, die zu Zeiten Volkspolens als ein Eintreten für europäische und christliche Werte gegenüber einer aus dem Osten kommenden Enthumanisierung verstanden wurde. Wie leicht kann sie sich doch in Europafeindlichkeit, Ausgrenzung und Hass verkehren! Die von ihren Politikern enttäuschten Menschen tragen die Weltanschauungsdebatte immer öfter auf die Straße und vermitteln so der Gesellschaft eine karikaturistisch vereinfachte Botschaft anstelle einer vertieften Reflexion über Menschenrechte und Demokratie. Die Straßentribünen sind für Politiker zu einer Versuchung geworden, ihre Auftritte zunehmend populistisch und damit „so einfach wie möglich” zu gestalten. Eine sachliche Ansprache erfordert ja im Gegensatz zu Straßentiraden eine gehörige Portion Vorbereitung. Auf diese Weise schwindet die Hoffnung auf rationale Wahlentscheidungen, auf ein Verstehen der europäischen Integration, auf sozialen Frieden und eine sozial ausgerichtete Erziehung der Jugend, während der Wunsch zu innerer und äußerer Emigration wächst. Leider lässt dabei auch die Überzeugung nach, dass es nicht die Rolle des Staates ist, die Weltanschauung der Bürger zu bestimmen, sondern dass es vielmehr die Bürger selbst sind, die in ihrer Vielfalt und Achtung vor anderen für ihre eigene Weltanschauung und deren Authentizität verantwortlich sind. Wenn die Kirche ihre Autorität vergeudet, wird sie nicht in der Lage sein, ihnen dabei zu helfen. Und der Staat hat kein Recht, die Kirche zu ersetzen, sondern er hat die Pflicht, den Bürgern ein Recht auf Vielfalt zu garantieren. Für diese Rolle muss man auch die Abgeordneten und Senatoren wählen. Unterdessen schlägt das Pendel immer weiter aus.

Bernard Gaida

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