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Gedanken über alles

Vertreibung von Deutschen aus den Ostgebieten Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Vertreibung Vertreibung von Deutschen aus den Ostgebieten

Wenn man innerhalb von ca. zwei Wochen die „Anmerkungen zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten” von Alfred-Maurice de Zayas, die „Unfreiwillige Ökumene in Niederschlesien nach 1945“ von Annemarie Franke, Nicola Remig und Inge Steinsträßer und den „Reisenden“ von Ulrich Boschwitz gelesen hat, dann scheint es zunächst eine chaotische Streuung zu sein. Die Vertreibung der Deutschen in der Darstellung eines Juristen und Experten des UN-Menschenrechtsrates ist das Thema des ersten dieser Bücher. Das zweite schildert das Leben deutscher Christen beider Konfessionen in Niederschlesien in den Nachkriegsjahren und das letzte schließlich ist eine literarische Beschreibung über das Leben der Juden im Dritten Reich an einigen Tagen zu Beginn des Novembers 1938. Trotz dieser unterschiedlichen Thematik bilden sie dennoch ein Ganzes voller Ähnlichkeiten.

Sie alle sind Niederschriften über eine schreckliche Zeit des Leidens wegen des Heimatverlustes sowie über ein Leben, das den Betroffenen als normal erschien. Und alle betreffen sie auch Zeiten, in denen es formell keinen Krieg gibt, es herrscht Frieden. Alle darin geschilderten Ereignisse geschehen außerhalb des Zeitraums zwischen 1.09.1939 und 8.05.1945, und dennoch hat man als Leser den Eindruck, Kriegsberichte zu lesen. So verliert in Boschwitz’ Roman die Hauptfigur, ein jüdisch-deutscher Kaufmann, in nur drei Tagen Freunde, seine Firma, die Ersparnisse seines ganzen Lebens und vor allem sein Land, welches für ihn einzig und allein Deutschland ist. Erschütternd sind dabei seine Gedanken. Er ist Bürger eines Landes, das ihn rechtlos gemacht hat und muss feststellen, er befinde sich nun „in einem Heimatland auf feindlichem Territorium”. Der Roman gewinnt noch zusätzlich dadurch an Kraft, dass der Verfasser ihn zu Beginn des Jahres 1939 schrieb!

Auch im populärwissenschaftlichen Buch de Zayas’ finden sich Aussagen, die den Ereignissen unserer Zeit gleichen. So schreibt Philosoph Bertrand Russel am 19.10.1945 in der „Times”: „In Osteuropa werden jetzt von unseren Verbündeten Massendeportationen in einem unerhörten Ausmaß durchgeführt, und man hat ganz offensichtlich die Absicht, viele Millionen Deutsche auszulöschen, nicht durch Gas, sondern dadurch, dass man ihnen ihr Zuhause und ihre Nahrung nimmt.(..) Das gilt nicht als Kriegsakt, sondern als Teil einer bewussten Friedenspolitik“. In der dritten Publikation schließlich schreibt einer der deutschen Priester, die man aus ihrer Pfarrei hinauswarf . Dadurch wurden sie zu „wandernden Hirten”, die nunmehr hinter verschlossenen Türen Beichten abnahmen und Predigten hielten: „Wie einsam und heimatlos ist er in der Heimat”.

Die Beschreibungen und Gedanken in all diesen Veröffentlichungen führen den Leser zu der Reflexion, sie seien eine Niederschrift über den Untergang der Zivilisation. Sie stellen somit die Frage nach der Kraft einer Zivilisation, in der solcherlei möglich ist. Diese Frage scheint nun im Kontext unserer Wirklichkeit Prof. T. Gadacz in einem „Polityka”-Interview universell zu beantworten. Dort weist er darauf hin, dass nur ein Denken, das sich auf die unserer Zivilisation zugrundeliegende Philosophie stützt, uns vor ihrem Verfall schützen kann, welcher immer eine Verletzung der Grundprinzipien ist. Dieses Denken müsse aber im Kanon der Allgemeinbildung und nicht nur bei den intellektuellen Eliten etabliert werden. Leider sei ein ständiges Abdriften weg vom Humanismus, hin zu „bio-“, „info-“ und „techno-“ zu beobachten, welches eine Verarmung der Kultur sei. Wie eine Drohung klingen seine Worte: „Eine Zivilisation kann die Kultur, in der sie gewachsen ist, verwerfen, aber es ist nicht sicher, dass sie es überleben kann”.

Bernard Gaida