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Leid hat keine Nationalität

Leid hat keine Nationalität Quelle: pixabay.com

In der letzten Zeit komme ich mit vielen Menschen in Rollstühlen, mit Querschnittsgelähmten, Leidenden und doch mit einer außergewöhnlichen Kraft diese Einschränkung Überwindenden zusammen. Ich weiß nicht, ob die Familie von Pückler heute froh ist, dass in Polen, in ihrem ehemaligen Familiensitz in Friedland, dem heutigen Korfantów, solchen Menschen geholfen wird. Es ist ja das Oppelner Ortophädie-Zentrum.

An die ehemaligen Besitzer der Güter, Häuser, Bauernhöfe östlich von Oder und Neiße denkt man selten, und wenn doch, dann hat die Erinnerung einen allgemeinen, historischen und unpersönlichen Charakter. Für Patienten, die am Nachmittag in der Umgebung des Krankenhauses spazieren können, verschwindet dieser unpersönliche Charakter bereits ca. 200m hinter dem Schloss. Dort, im ehemaligen Schlosspark, der heute Wald ist, an der Straße hinter einem Metallzaun, befinden sich drei Gräber derer von Pückler. Das am nächsten an der gusseisernen Pforte gelegene ist das Grab Carl Rüdiger Graf von Pücklers, der am 23. Dezember 1923 gestorben ist, also am Tag vor Heiligabend.

Die Alten sagten, dass jeder Tag gut zum Sterben ist. Doch Carl Rüdiger kam gerade einmal drei Monate vorher, am 2. Oktober 1923, auf die Welt. Die Grabplatte erweckt bei jedem, der auf sie trifft, Mitgefühl. Auf einmal werden die Eltern, deutsche Großgrundbesitzer, deren Nachfahren hier nicht mehr leben, einem nahe. Das menschliche Leid der Deutschen erinnert die Polen auf einmal an andere Situationen, in denen das deutsche Schicksal Mitleid erweckt.

Einer der Patienten, dessen Wurzeln in Großpolen sind, erzählte mir die Geschichte seines Vaters, der während des Krieges faktisch Verwalter des Gutes eines Wehrmachtsoffiziers wurde. Er war die rechte Hand der Ehefrau, beteiligte sich sogar an der Erziehung des Sohnes des Offiziers, der den Polen gebeten hatte, mit männlichem Wort die Mutter zu unterstützen. Und der Sohn wurde streng, bescheiden und zur soliden Arbeit erzogen, um das Gut zu übernehmen. Der Pole schätzte die Familie so sehr, dass er 1945, als auf einmal die Rote Armee näher kam, dem Offizier in der letzten Minute anbot sie zu verstecken. Die Familie entschied sich jedoch für die Flucht in den Westen und versprach, dass sie den Polen samt seiner Familie nach dem Krieg nach Deutschland nachziehen lassen werde. Einige Jahre nach dem Krieg, als keine Nachricht kam, beauftragte der Pole das Rote Kreuz nach der deutschen Familie zu suchen. Sie wurde aber nicht gefunden. Der Vater meines Gesprächspartners, der von den Gräueltaten der Rotarmisten wusste, sprach bis zu seinem Tod unter Tränen von seiner Überzeugung, die deutsche Familie habe es nicht geschafft zu flüchten und starb namenlos wie hunderttausende andere Deutsche. Gestern erzählte es mir der Sohn dieses Polen.

Das menschliche Schicksal verlangt immer, dass es nicht gesichtslos in der Masse verschwindet. Und das Leid hat keine Nationalität.