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Das Jahr der Schlesischen Aufstände

Powstańcy śląscy Quelle: Wikipedia Powstańcy śląscy

Anfang Mai beginnen gewiss die Gedenkfeierlichkeiten zu den Schlesischen Aufständen. In diesem Jahr werden sie wohl eine breitere Form annehmen, da der polnische Sejm das Jahr 2019 zum Jahr der Schlesischen Aufstände ausgerufen hatte. Daher ist es hier in Schlesien und anderswo Wert über die Ereignisse von vor 100 Jahren nachzudenken. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte der Sejmik der Woiwodschaft Oppeln (Landesparlament), der in seiner Resolution aus diesem Anlass dazu aufgerufen hat aller Gefallenen in den Aufständen zu gedenken und deutlich den Charakter eines Bruderkampfes zeigte. Aus wissenschaftlicher Sicht hat vor der Abstimmung der Resolution Prof. Ryszard Kaczmarek von der Schlesischen Universität, der erst vor kurzem ein opulentes Werk unter dem Titel „Powstania Śląskie 1919-1920-1921“ (dt.: Schlesische Aufstände 1919-1920-1921) herausgegeben hat, eine Einleitung vorgebracht.

Über die Aufstände wurde viel geschrieben, aber nicht alles sollte man lesen. Viele Publikationen, vor allem aber Schulbücher basieren blind auf dem Dogma, dass die Aufstände „ein Aufruhr des Volkes gegen die deutsche Unterdrückung“ gewesen sind. Alles, was diesem Dogma widerspricht, wird ausgeblendet. Doch wenn man die politische Situation von vor 100 Jahren kennt, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wieso brechen Aufstände aus, wenn seit Juni 1919, also seit dem Versailler Vertrag ein offizielles Einverständnis herrschte, dass über das Schicksal Oberschlesiens, Ermland, Masurens und des Oberlandes die Einwohner in Volksabstimmungen entscheiden sollten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass in eben diesen Volksabstimmungen die Einwohner bei einer Beteiligung von der man heute nur träumen kann, also von 98% über das Schicksal so entschieden haben, dass sie mehrheitlich für das Verbleiben in den Grenzen Deutschlands votiert haben.

Wer tiefgründig die Geschichte analysiert, die man in der Schule, zu Hause und manchmal auch während der Besuche auf den Friedhöfen kennenlernt, muss sich die Frage stellen, wieso auf dem Annaberger Friedhof ein Grab der Lemberger Kadetten steht, die bei den Aufständen gefallen sind. Oder wieso ein Bauer die Leichname von Aufständischen, die in der Nähe von Guttentag gefallen sind, zurück nach Tschenstochau gebracht hat. Ryszard Kaczmarek hat sich nicht aller stereotypenhafter Formulierungen entledigt, aber er versuchte in seinem Buch Wissen zu vermitteln über den konspirativen Einfluss des wiederhergestellten Polens auf die Gründung von militärischen Strukturen in Schlesien, auf die Bewaffnung, die Finanzierung und sogar auf die Führung der Aufstände. Er selbst schreibt in der Einleitung, dass in den bisherigen Bearbeitungen „die Tätigkeit der Polnischen Militärorganisation in Oberschlesien und die Kontakte dieser Organisation zur Polnischen Armee und den Offizieren im Umfeld Józef Piłsudskis verschwiegen wurde“. Ich bin sicher, dass die nächste Zeit eine gute Gelegenheit bieten wird unser Wissen zu vertiefen, hoffentlich ohne Mythen aber im Geist der Versöhnung.