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13.01.2019, 23.00

Diese Kolumne schreibe ich eigentlich immer sonntags und diese sollte Kreisau gewidmet werden, weil in diesem Jahr das 30. Jubiläum der Versöhnungsmesse am 12. November 1989 stattfindet. Und in wenigen Tagen, genau am 23. Januar, sind 74 Jahre nach dem in Berlin-Plötzensee vollstreckten Todesurteil gegen einen der Gründer des Kreisauer Kreises Helmuth von Moltke vergangen.

Ich habe gerade dessen Gedanken gelesen, als mich mit ungeheuerer Wucht die Nachricht über das Attentat auf den Danziger Stadtpräsidenten Paweł Abramowicz ereichte. Ich brach das Schreiben ab und hörte den Nachrichten aus Danzig zu. Mein erster Gedanke war, es ist das Ergebnis der in Polen seit einigen Jahren wachsenden Spirale des Hasses. Dem Druck dieses Hasses halten fanatische Menschen, psychisch kranke und schwache sowie von der politischen Atmosphäre in die Depression gezogene nicht stand. Doch die Verantwortung für deren Taten fällt denen zu, die die Gräben ausheben. Nach der Information, der Täter sei ein Krimineller gewesen, der erst vor kurzem das Gefängnis verlassen hatte, überlege ich, ob mein erster Gedanke richtig war. War der Grund für seine Aggressivität die Atmosphäre des Hasses, die alle Ebenen des gesellschaftlichen, politischen und sogar familiären Lebens vergiftet? Oder ist es eine Art privater Rache?

Das weiß ich nicht, aber mein Blick fiel auf die Worte Helmuth James von Moltkes, die mich mit ihrer Aktualität trafen:  „ … ich habe mein ganzes Leben lang gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der Intoleranz (…) angekämpft…“ (Abschiedsbrief an die Söhne Caspar und Konrad, 11. Oktober 1944).

Für ihn wurde dieser Geist im nationalsozialistischen deutschen Staat Realität. Im Kampf gegen diesen Geist war sein eigenes Leben ein Opfer, das er dargebracht hat. Ein Tag wie der 13. Januar 2019 zeigt, dass dieser Geist immer noch lebendig, und immer noch Opfer fordert und man immer noch gegen ihn kämpfen muss. In Polen im Jahr 2019 sogar mehr noch als vor 30 Jahren. Und das ändern auch nicht die nun viel zitierten Worte von Solidarität, Gebet und eines Aufrufs gegen solche Taten, der von verschiedenen Seiten und verschiedenen Politikern kommt.

Nach der Katastrophe von Smolensk gab es ebenfalls viele Zeichen der nationalen Einheit und eines Gemeinschaftsgefühls. Bald zeigte sich, wie falsch sie sind. Der Weg zur Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Fremden, zum Ablegen des Hasses oder gar nur des Unwillens ist steinig und womöglich auch unendlich lang.