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Angst hinter dem Zaun

Polen erlebte in den letzten Tagen die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Die Medien konzentrieren sich, je nach dem welcher politischen Option sie nahe stehen, auf der Berichterstattung über den großen Marsch, der durch Warschau gegangen ist. Die einen sehen darin nur einen ruhigen Marsch einer viertel Million von Bürgern, andere konzentrieren sich auf die Leuchtraketen und die Rufe der Nationalisten. Doch gerade bei dieser massenhaften Explosion von patriotischen, aber auch fremdenfeindlichen Reaktionen, habe ich gespürt, dass ich als polnischer Staatsbürger und Schlesier Erbe von völlig anderen Inhalten und Jahrestagen bin.

Besonders nah waren mir Inhalte, die am 11. November aus Paris kamen. Der 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges ist ohne Zweifel der Jahrestag, der im Gegensatz zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens, bei uns in Schlesien, Pommern, Ermland-Masuren seine materiellen Spuren hat. Es sind Denkmäler oder ihre Überbleibsel sowie Gräber von in diesem Krieg gefallener Soldaten. Männer aus schlesischen Familien sind in diesem Krieg gefallen und es wird noch lange dauern, bis wir ihrer wieder vollkommen gedenken. Daher sollten wir in diesen Tagen eine Kerze für sie anzünden.

Im Zusammenhang mit diesem Jahrestag fallen in Paris aber seit langem Worte und es kommt zu Gesten, die für solche Jahrestage die Wichtigsten sind. So wie gestern: "Die Lehre aus dem großen Krieg darf nicht die Aufrechterhaltung der Ressentiments unter den Völkern sein ..." Und das inhaltsvollste Bild war bis gestern ein Foto aus dem Jahr 1984, auf dem sich Kohl und Mitterand auf dem Friedhof von Verdun an den Händen hielten. In Zukunft wird es vielleicht durch das Foto von Merkel und Macron in Compiegne ersetzt. Zwischen beiden Ereignissen liegen 34 Jahre, doch beide sind Gesten und Worte der dauerhaften Versöhnung, die Hoffnung für die Zukunft gibt.

Diese Worte schreibe ich am 12. November, am 29. Jahrestag der Versöhnungsmesse in Kreisau. Wir erinnern uns an Kohl und Mazowiecki im Friedensgruß vereint. Als ich diese Geste damals in Kreisau gesehen habe, fühlte ich trotz eines nasskalten Wetters eine innere Wärme. Später erfuhr ich aus einem Bericht von Erzbischof Alfons Nossol, dass diese Geste von der polnischen Regierungsseite nicht gewollt war. Als ich letzte Woche das steife Verhalten und die lakonischen Informationen über den letzten Besuch Merkels bei Morawicki beobachtet habe, wusste ich, dass nach vielen Jahren der Reifung bis zu solchen Gesten und Worten die deutsch-polnischen Beziehungen im Gegensatz zu den deutsch-französischen wieder auf dem Rückzug sind. Auch ihr soziales Werk wird damit zerstört.

Als Beispiel dafür habe ich gerade eine Information erhalten, dass vor wenigen Minuten auf dem Zaun eines Mitglieds der deutschen Minderheit ein Plakat mit einem Hakenkreuz aufgehängt wurde. Hinter diesem Zaun ist heute nun wieder die Furcht auferweckt worden.