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Struktur ist nicht das Ziel

Jede Kolumne entsteht seit Jahren in einer bestimmten Situation. Diese schreibe ich am Montag nach den Kommunalwahlen, bei denen sich gute und schlechte Nachrichten immer noch so sehr abwechseln, sodass ich keine tiefergehende Analyse wage. Ich erlaube mir lediglich einen Satz der Freude und einen kurzen Kommentar.

Es kam nach den Wahlen heraus, dass Polen weiterhin zweigeteilt ist, also in den westlichen und nördlichen Teil mit einer proeuropäischen Einstellung sowie in den östlichen (ergänzt durch Ostoberschlesien und Niederschlesien), wo man mehrheitlich für den Konflikt nach Außen hin und die Infragestellung demokratischer Grundsätze nach Innen steht. Unter den schlesischen Woiwodschaften wurden der Oppelner Teil Oberschlesiens und Grünberg zu noblen Ausnahmen. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechtere ist, dass wohl aufgrund dieser tiefen ideologischen Spaltung der Polen die regionalen Gruppierungen verlieren, die nicht an diesem das Land zermürbenden Streit der Postsolidarnosc-Parteien  teilnehmen und deswegen außerhalb der Wahl der Menschen liegen, deren Anliegen es ist, sich auf die eine oder andere Seite des polenweiten Streits stellen zu wollen. Dabei verliert auch die Deutsche Minderheit, jedoch weniger als es in der Woiwodschaft Schlesien der Fall ist, wo schlesisch-regionale Gruppierungen gar kein Mandat für den Sejmik, also das Regionalparlament, erlangt haben.

Für tiefergehende Analysen kommt noch die Zeit und bis dahin kann man auch darüber sinieren, dass sich in unserer Umgebung dank menschlichem Willen und Gottes Hilfe außergewöhnliche Dinge tun. Wir wissen, dass das Gebiet der ehemaligen DDR weltweit die Region mit den meisten Atheisten ist und außerdem ist das Gebiet traditionell und eindeutig mit protestantischen Traditionen verbunden. Doch am Sonntag auf dem Weg nach Berlin besuchte ich Neuzelle bei Eisenhüttenstadt und das dortige neue Zisterzienserkloster. Im September besiedelten das vor langer Zeit geschlossene Kloster Zisterzienser aus der Abtei Heiligenkreuz in Österreich und stellen sich auf Missionsarbeit ein. Am Sonntag nahm ich am Abendgebet mit gregorianischen Gesängen teil, an dem gerade einmal vier Gläubige teilgenommen haben, während im benachbarten Restaurant alle Plätze belegt waren.

In dieser Situation führte ich ein kurzes Gespräch mit dem Abt dieser siebenköpfigen Klostergemeinschaft. Auf meinen Einwand hin, dass es für sie schwer sein müsse hier inmitten dieser Glaubenswüste neu zu beginnen, antwortete der Mönch, wir seien zu sehr an Strukturen gewöhnt.  Ohne Strukturen aber würden viele Dinge leichter fallen und tiefer gehen, auch wenn sie nie zu einer Massenbewegung werden. Dieser Gedanke bewegt mich wegen seiner Einfachheit und dem Vertrauen in den Sinn der Arbeit. Strukturen können nicht das Ziel sein, Ziel unserer Arbeit muss immer der Mensch und seine Identität sein. Das Innere und nicht das Äußere zählt. Dieser Gedanke verbindet auch diese Kolumne.