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Mission Schlesien

Für viele Schlesier aus Oberschlesien bedeutet Niederschlesien lediglich einen Transit nach Deutschland. Eine Ausnahme bilden vielleicht Breslau, das man besucht oder dort studiert, oder Krummhübel und Grunwald bei Bad Reinerz im Winter. Dabei ist es nicht nur eine Region voller Denkmäler und einer wundervollen Geschichte, es ist auch nicht nur eine Region, die mehr als Oberschlesien von Vertreibungen gezeichnet war. Es ist ein Landstrich, auf dem heute interessante Prozesse vor sich gehen.

Das konnte ich am vergangenen Wochenende erleben, als ich in Liegnitz und Bad Warmbrunn gewesen bin. Wie soll man denn nicht das Phänomen Jürgen Gretschel, des früheren Vorsitzenden der DSKG Liegnitz, fühlen, der als offener Mensch mit seiner Liebe zur Heimat auch viele Polen in der Stadt angesteckt hat. Das gelang ihm so sehr, dass gerade einmal zwei Jahre nach seinem Tod die Stadt einen Preis seines Namens gestiftet hat, der an Liegnitzer verliehen wird, die sich für die schlesische Kultur und Tradition einsetzen. Dass es möglich ist, dass Polen die deutschen, schlesischen Traditionen pflegen, beweist die Tanzgruppe des dortigen Kulturzentrums, bei der die Jugend - mit eher polnischen und ukrainischen als deutschen Wurzeln - in niederschlesischen Trachten deutsche Volkslieder singt und Volkstänze tanzt. Dort entstand auch die Stiftung Liegnitz.pl, die auf Basis der Geschichte dieselben kulturellen Wurzeln der Stadt pflegt. Alles mit Unterstützung der Stadtverwaltung.

Oder ein anderes Phänomen, das ich in Bad Warmbrunn gesehen habe, wo in einem schönen Schloss der Familie von Schaffgotsch das 25. Jubiläum des Vereins zur Pflege Schlesischer Kunst und Kultur (VSK) begangen wurde, einer Stiftung, die seit langem nicht nur die Renovierung von Baudenkmälern unterstützt sondern auch die schlesische Kultur und Geschichte popularisiert. Zum ersten Mal vergab der VSK auch Preise für die beste Denkmalrenovierung und den ersten Platz belegte ein Engländer aus Oxford für die Wiederherstellung eines Fachwerkhauses im Hirschberger Tal. Dieser Engländer sagte, dass er nach der Renovierung das Gefühl hatte, eine wichtige Mission vollendet zu haben, die dem auf dem Land gängigen Zerstören deutschen Kulturerbes widerspricht. Und er kaufte bereits ein zweites Gebäude.

Einen Mehrwert bildete bei dieser Veranstaltung auch die musikalische Begleitung, die aus Liedern bestand, die Bolko von Hochberg, Georg Henschel, Anna Teichmueller und Robert Kahn zu den Worten von Goethe, Carl Hauptmann und Joseph von Eichendorff komponierten. Außer Goethe haben wir es nur mit Schlesiern zu tun. Und schon wieder ist es fast eine Sensation, denn es ist das Ergebnis der Arbeit und der Suche polnischer Opernsängerinnen, die das wegen der Vertreibung und Aussiedlung in Archiven vergessene Kulturerbe wieder in Erinnerung bringen wollten. So wird diese Kulturlandschaft, wo es nur noch wenige von uns Deutschen gibt,  wieder mit Leidenschaft von anderen, nicht nur Polen gepflegt. Auf diesem Weg gibt es sowohl Hoffnung als auch die Notwendigkeit, die Kräfte zu bündeln. Es ist aber auch eine Ermunterung für die Oberschlesier, eine Kulturgemeinschaft des gesamten Schlesiens zu fühlen.