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Schlesisches Trauma

Die Genesung nach einem Krankenhausaufenthalt bietet die Möglichkeit, die Kultur näher zu erfahren, als es im Alltag der Fall ist. Ich konnte also mehrere Bücher lesen und gestern einen interessanten Film sehen. Ein bis jetzt ausstehendes Buch war der autobiographische Roman von Harry Thürk "Sommer der toten Träume". 

Der heute gewiss wenigen bekannte Schriftsteller, der zu den beliebtesten in der DDR gehörte und in Zülz bei Neustadt geboren wurde, beschreibt darin seine eigenen Erlebnisse in Neustadt nach dem Ende des Krieges. Er kam in seine Heimatstadt zurück und zusammen mit tausenden Deutschen erlebte er im dortigen Ghetto die Hölle des polnischen Nachkriegsterrors. Hunger, Schläge, Morde, Typhus, Sklavenarbeit waren an der Tagesordnung. Der jugendliche Traum, dass nebeneinander und in Frieden Polen und Oberschlesier, die sich als Deutsche fühlten, leben könnten, prallte gegen die Forderung, das Deutsche zu verdrängen und für eine unsichere Chance Bürger zweiter Klasse im polonisierten Schlesien zu werden. Das symbolische Ausschlagen deutscher Inschriften auf Grabsteinen, wozu man die dortigen Deutschen gezwungen hatte, ergänzte die Überzeugung, dass er keinesfalls polnischer Staatsbürger werden wolle, obwohl er das "Wasserpolnische" sprach, das er für die polnische Sprache hielt. Schließlich flieht der Romanheld über die Kämme der Sudeten in die Sowjetische Besatzungszone, so weit wie möglich vor der neuen polnischen Realität. Er wird in Weimar ansässig und wird Schriftsteller.

Der Film "Sterne" („Gwiazdy”) über das Leben von Jana Banaś (eigentlich hieß er  Hans-Dieter Banas), des Fußballspielers von Górnik Zabrze und des gescheiterten Spielers des 1. FC Köln, betrifft dagegen - so scheint es - ein anderes Problem und eine andere Zeit. Und doch erlebt der in Berlin geborene und in Hindenburg wohnende Oberschlesier über Jahrzehnte seine  eigene Hölle. Die deutschsprachige Kindheit auf den Plätzen Hindenburgs (Zabrze), der spätere Verbot der deutschen Sprache, die erzwungene Namensänderung von Hans in Jan und das unglaubliche Fußballtalent. Ein fast vergeudetes Talent wegen der Zerrissenheit des Helden zwischen Polen und Deutschland. Er fühlt sich in Schlesien und in Deutschland zu Hause, hat keine Sprachbarrieren und muss doch wählen. Seine Wahl zum 1. FC Köln zu gehen wird dann aber vom PZPN (dem polnischen Fußballverband) torpediert und führt zur Disqualifizierung durch die FIFA. Seine Rückkehr nach Hindenburg gibt ihm die Möglichkeit wieder zu spielen, doch er wird auch zum Spielball der Staatssicherheit, die ihm wegen seines Deutschtums die Teilnahme an den Olympischen Spielen  untersagt. General Jerzy Ziętek kann ihn vor dem Vorwurf nicht schützen, er und  sein Vater spielten für Deutschland. Banas flieht schließlich in den Westen und kommt nach Hindenburg erst nach dem Fall des Kommunismus.

Sowohl der Roman von Thürk als auch der Film von Jan Kidawa-Błoński zeigen meisterhaft die gebrochenen Lebensläufe von Oberschlesiern als Konsequenz der Grenzziehung an Oder und Neiße. Sie zeigen ein Leben ohne glückliche Wahl, die kulturelle Diskriminierung, die das Leben vieler Helden  dieser Werke bricht. Sie zeigen aber auch, dass trotz vergangener 70 Jahre unsere Region voll ist von gebrochenen, verarmten Identitäten und ungewisser Wahlen. Schlesien und die Schlesier kämpfen gegen ein Trauma an.

Letzte Änderung am Montag, 03 September 2018 09:16
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