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Mediale Manipulationen

Ich habe gelernt, die Reden von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die ich persönlich gehört habe, immer noch einmal im Wortlaut zu lesen. Einfach deswegen, dass dort kein Wort umsonst steht und sie müssen immer im Ganzen und nicht fragmentarisch verstanden werden. Die Rede, die ich anlässlich des Gedenktages für Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin gehört habe, musste ich auch deswegen später noch lesen, weil ich in den tschechischen und polnischen Medien Kommentare finden konnte, die mich überrascht haben. 

Das Internetportal „wPolityce“ gab seinem Bericht von dem Tag den Titel: "So manipuliert Berlin. Merkel folgt Steinbach: "Deutsche Heimatvertriebene waren Opfer". Der Titel gibt nicht den Inhalt des Artikels wieder, der aus Zitaten aus der Rede Merkels besteht und diese zeigen eindeutig, dass man Merkel keineswegs Manipulationen der historischen Wahrheit nachsagen kann, wenn im Artikel geschrieben wird: "Sie betonte gleichzeitig, dass sie Ursache und Folge nicht vermischt." Dem folgt dann das Zitat von Bundeskanzlerin Merkel: "Vertreibung und Flucht der Deutschen waren eine unmittelbare Folge des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs und der unsäglichen Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur." Es deutet eher darauf hin, dass der Artikel Merkel Manipulationen auf der moralisch-ethischen Ebene und nicht der geschichtlichen vorwirft, wenn der Satz zitiert wird: "Die Heimatvertriebenen waren Opfer, die bitteres Unrecht erlitten haben." Bei den Prager Politikern und Medien konzentriert sich die Kritik dagegen auf dem Satz: „Doch das ändert nichts daran, dass es für Vertreibung weder eine moralische noch eine politische Rechtfertigung gab.“ Dabei muss man unterstreichen, dass für mich unerwartet gerade die tschechischen und nicht die polnischen Politiker Merkel in harten Worten vorgeworfen haben, sie hätte alte Wunden wieder aufgerissen. Der polnische Artikel erfuhr dagegen kein breiteres Echo.

Wenn man den qualitativen Unterschied beider Reaktionen bedenkt, kann man einen gemeinsamen Nenner finden, den man keineswegs in Ungarn oder dem Balkan findet. In den dortigen Ländern schaffte man es mit den Verbrechen der Vertreibung und des Nachkriegsterrors gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung so umzugehen, wie mit den Gräueltaten während des tragischen Krieges im zerfallenden Jugoslawien. Die Politiker stellten sich mutig vor ihre Gesellschaften und bauten sichtbare Zeichen in Form von Denkmälern, die an das Leid erinnern sollen und in Ungarn wurde sogar der „Tag des Gedenkens an die Vertreibung der Deutschen“ ins Leben gerufen. In Polen fielen zwar die wichtigen Worte "Wir vergeben und bitten um Vergebung", doch die Politik der Volksrepublik Polen hat alles getan, damit die Gesellschaft diese Worte nicht als die eigenen annimmt und die heutige Politik überlässt sie auch eher den Historikern. Vielleicht ist es deshalb so schwer von dem Denken in Kategorien der Kollektivschuld zu sprechen, die ja nichts gemeinsam mit dem christlichen Wertesystem hat.

Letzte Änderung am Mittwoch, 27 Juni 2018 13:41