Log in

Seien wir solidarisch

Hinter mir liegt eine Woche, in der etwas passierte, was mich aus der Monotonie der erlebten Tage herausgerissen hatte. In Anlehnung an meine Gedanken, die ich auf dem St. Annaberg präsentierte, fühlte ich ein besonderes Bedürfnis einer stärkeren Solidarität unter uns Deutschen in Polen.

Zu Beginn meines Treffens mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Warschau fragte er, auf welche Weise uns, die in Polen lebenden Deutschen, die weltweit kontrovers diskutierte Justizreform direkt und anders als die übrigen Staatsbürger trifft. Meine Antwort konnte nur eine sein: ein in das Gesetz über das Oberste Gericht hineingeschriebene Wort! Der vorherige Wortlaut sprach davon, dass ein Richter in Polen die polnische Staatsbürgerschaft besitzen muss. Doch das zusätzliche Wort "ausschließlich" führt dazu, dass er keine andere Staatsbürgerschaft haben darf. Wie soll man nun dem Bundespräsidenten die Tragödie der Richter aus den Reihen der deutschen Volksgruppe in Polen näherbringen, die durch das eine Wort dazu gezwungen werden, in Konsulaten Anträge auf Verzicht auf die deutsche Staatsbürgerschaft zu stellen. Ein solcher Antrag, der im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben sowie ihren und ihrer Vorfahren Bemühungen steht, lässt sie nicht nur eine Träne vergießen, sondern macht sie - wenn auch unausgesprochen - wütend auf den Staat, der entweder ihre juristische Karriere oder sie innerlich zerstört. Es gibt keinen guten Ausweg. Man hört, es seien bisher einige zehn Juristen, doch wie viele werden es bis Oktober sein? Denn so viel Zeit bleibt ihnen, diese dramatische Entscheidung zu fällen, die nicht nur sie, sondern auch ihre Nachkommen betrifft. Natürlich kann man dabei sagen, dass nicht alle Richter sind.

Vor anderthalb Jahren wurde die Stadt Oppeln erweitert , womit die zweisprachigen Ortsschilder der in die Stadt eingemeindeten Dörfer verschwunden sind und die nationalen Proportionen verändert wurden, was doch internationale Konventionen verbieten. Die Bürger haben auf verschiedene Weise protestiert. Aber natürlich kann man sagen, dass wir nicht alle in Groß Döbern wohnen.

Vor einigen Wochen hat das polnische Bildungsministerium verboten, in den Klassen 7 und 8 der Grundschulen Deutsch sowohl als Minderheiten- als auch als Fremdsprache gleichzeitig zu lehren. Die Folge davon ist eine Verminderung der Deutschstunden. Wir kämpfen gegen diese Ministerialentscheidung an. Aber natürlich kann man sagen, dass nicht alle von uns Kinder in diesen Grundschulklassen haben. 

Jemand wurde verprügelt, weil er deutsch gesprochen hat, aber wir waren nicht dabei.

Und, quasi als Krönung dieser schrittweisen Veränderungen, die für uns Deutsche (und andere Minderheiten in Polen) ungünstig sind, kam die Meldung, dass das Verteidigungsministerium in den Ämtern Informationen über uns sammelt, und zwar über uns als Volksgruppen und vor allem über die Personen, die innerhalb dieser Gruppen leitende Stellungen einnehmen.  "Über uns" bedeutet dabei, dass es sich um polnische Staatsbürger handelt, die sich nicht als Polen fühlen.  Erinnert uns das nicht an etwas?

Vielleicht ist das ausreichend, um uns zu überzeugen, dass wir uns gegenseitig solidarisch zeigen, uns unterstützen und auf der Hut sein sollten.

Letzte Änderung am Dienstag, 12 Juni 2018 15:38
Mehr in dieser Kategorie: « Juni-Jahrestag Mehr Engagement »