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Juni-Jahrestag

Hinter uns ist der 3. Juni, der auf dem Sankt Annaberg viele Pilger versammelte, die  darum beteten, was uns hier in Schlesien mit so viel Sorge erfüllt. In meiner Ansprache an die Pilger sagte ich, dass derjenige, der den Weg zum Annaberg vergessen hat, auch einen wichtigen Teil seiner schlesischen Identität verloren hat. Und wenn er diese seinen Kindern nicht gezeigt hat, ist er schuld an ihrer schwachen Identität. Einer Identität in all ihren Facetten, denn vor allem da stehen das Schlesiertum und das Christsein gemeinsam.

Ich habe aber auch auf den nötigen Mut hingewiesen, denn nur dort, wo die Menschen einerseits sensibel sind, andererseits aber ein Rückgrat besitzen, das sich nicht verbiegt und sie den Mund aufmachen, wenn es nötig ist, da ist Gott und der Heilige Geist am Werk. Und es ist doch Gott allein, vor dem wir unsere Knie beugen sollten, vor Gott allein, der uns hier nach Schlesien berufen und uns zu Menschen gemacht hat, wie wir sind: Schlesier und Deutsche gleichzeitig.

Als ich in der Lourdes-Grotte über die Gaben des Mutes und des guten Rates gesprochen habe, dachte ich an dieses Datum auch in einem anderen Zusammenhang. Vor 29 Jahren fanden nämlich teilweise freie Wahlen statt, die bei all ihrer Einschränkung  einen Umbruch bedeuteten, der in Polen wirklich vollzogen wurde. Für uns hatten sie zur Konsequenz eine Änderung im Verständnis der bürgerlichen Freiheiten, denn im selben Jahr wurden die seit Kriegsende undenkbaren Dinge auf einmal real: Gottesdienste in deutscher Sprache, Registrierung von Vereinen der deutschen Minderheit, die Versöhnungsmesse in Kreisau. Wenn ich in aller Ruhe auf die Folge der Ereignisse schaue, die Ende der 70er-Jahre mit der Wahl von Johannes Paul II. zum Papst begonnen haben, dann die Gründung der "Solidarność", später der Kriegszustand und der Runde Tisch, der zu den Wahlen führte, dann sieht man, wie sehr die Gabe des Mutes und des guten Rates die Menschen auf diesem Weg begleitete.

Nach den boykottierten Wahlen in der Volksrepublik Polen waren es die ersten Wahlen, an denen ich teilgenommen habe, denn ich sah sie  als die ersten zumindest teilweise freien Wahlen an. Es waren auch die ersten, die wirklich etwas veränderten. Wenn heute also Menschen, die vor 1989 loyale Untertanen der Volksrepublik oder noch Kinder waren, dem Runden Tisch vorwerfen, es sei nur ein Kompromiss mit den Kommunisten gewesen, dann muss ich den ersteren schlechten Willen oder Dummheit nachsagen und den zweiten  Gedankenlosigkeit. Es wird gesagt, dass jede Revolution ihre eigenen Kinder frisst, deshalb habe ich am Sonntag auf dem Sankt Annaberg vor allem für den Runden Tisch und die Wahlen vor 29 Jahren gedankt. Diese führten nämlich dazu, dass trotz Beschränkungen dessen, was wir haben, wir in einer Welt leben, aus der nur Menschen, die nicht ganz bei Verstand sind, in die Zeit vorher zurückkehren möchten.